Ohrfeigen:Wenig schlagfertig

Lesezeit: 3 min

Ohrfeigen: Zack, bumm: Die Ohrfeigenexperten Bud Spencer (hier ausnahmsweise als Einsteckender) und Terence Hill am Werk.

Zack, bumm: Die Ohrfeigenexperten Bud Spencer (hier ausnahmsweise als Einsteckender) und Terence Hill am Werk.

(Foto: imago images / Granata Images)

Oliver Pocher musste einstecken, Will Smith teilte aus: An einem Wochenende hat es gleich zwei öffentliche Ohrfeigen gegeben. Über berühmte Backpfeifen und ihre Bedeutung.

Von Veronika Wulf

Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Wenn von einem "Duell" die Rede ist, geht es meistens um Fernsehsendungen, in denen Halbprominente oder Gartenliebhaber gegeneinander antreten. Meinungsverschiedenheiten dagegen werden gemeinhin mit Worten gelöst, nicht mit Fäusten. Daran muss kurz erinnert werden, in diesen Zeiten, in denen sich manche Männer angesichts des Kriegs nach archaischer Männlichkeit sehnen und andere vor Publikum Ohrfeigen verteilen.

Zwei öffentliche Backpfeifen sind innerhalb von gut 24 Stunden verteilt worden. Die eine musste Oliver Pocher am Rande eines Boxkampfs am Samstagabend einstecken, weil der Angreifer, der sich offenbar Fat Comedy nennt, nicht mit der Meinung des Komikers übereinstimmt. Den zweiten Schlag versetzte US-Schauspieler Will Smith bei der Oscarverleihung am Sonntagabend seinem Kollegen Chris Rock, der zuvor einen geschmacklosen Witz über Smiths Frau gemacht hatte. "Du musst deine Familie beschützen", sagte Smith später, als lebte er im Mittelalter. Standing Ovations erhielt er trotzdem, als er als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde.

Dass beide Backpfeifen vor Publikum stattfanden und gefilmt wurden, ist kein Zufall. Die Ohrfeige ist die Urform der öffentlichen Demütigung. Eine Ohrfeige soll in erster Linie nicht wehtun. Sie soll klatschen, überraschen und schließlich bloßstellen. Das zeigt schon die Redewendung "sich geohrfeigt fühlen". Noch herablassender ist sie nur mit der Rückhand, als wolle man sich nicht mal die Hände schmutzig machen.

Der Höhergestellte will sich seine Macht zurückholen

Schon Jesus hatte nicht nur einen sehr versöhnlichen Hinweis parat, wie man mit Schlägen umgehen kann, er wurde in der Bibel auch selbst geohrfeigt; ein Diener des Hohepriesters schlug ihm laut Johannesevangelium ins Gesicht. Und schon damals stand die Ohrfeige für Macht, in diesem Fall ließ der Hohepriester sogar schlagen und musste nicht mal selbst Hand anlegen. Allein der Begriff "Respektschelle" zeigt, dass sich der Höhergestellte seine Macht zurückholen will, die er infrage gestellt sieht. Früher ein probates Mittel, um zu zeigen, wer das Sagen hat: der Vater, der das Kind schlägt, der Lehrer, dem die Hand ausrutscht, der Ehemann, der seine Frau züchtigt.

Dass der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) Schläge als geeignetes Erziehungsmittel erklärte, mag vor dem Hintergrund der Zeit nicht überraschen. Dass die Kinderpsychologin Waltraut Kunkel in den 60er-Jahren noch ähnlicher Ansicht war, schon eher. Und dass in den vergangenen Jahren, je nach Umfrage, zehn bis 20 Prozent der Eltern es okay fanden, ihren Kinder ab und zu eine Ohrfeige zu verpassen, erst recht. Erst seit 2000 ist es in Deutschland strafbar, seine Kinder zu schlagen. Auch unter Erwachsenen kann die Ohrfeige als Körperverletzung mit bis zu fünf Jahren Haft oder einer Geldstrafe geahndet werden.

Als besonders demütigend gilt die Ohrfeige aber, wenn sie umgekehrt stattfindet: Wenn der Untergebene den Überlegenen schlägt, der Junge den Alten, die Frau (als körperlich vermeintlich Schwächere) den Mann. Wohl auch deshalb hallt die Backpfeife, die Beate Klarsfeld im Jahr 1968 Kurt Georg Kiesinger verpasste, besonders lang nach. "Nazi, Nazi, Nazi", rief die Journalistin und Aktivistin dem damaligen Bundeskanzler zu, als sie aufs Podium stürmte und ihm mit der Rückhand eine verpasste. Aufgrund seiner Vergangenheit in der NSDAP hatte sie schon länger seinen Rücktritt gefordert.

Auch mit seiner Bengel-Backpfeife gegen Michael Ballack stellte Lukas Podolski 2009 seinen Nationalmannschaftskollegen als Kapitän infrage. Öffentlich sind diese Schellen oft schneller mal verziehen als die von oben herab.

Süß, und jetzt küss mich

Die popkulturell beliebtesten Ohrfeigen sind sicherlich die der Guten gegen die Bösen. Hermine Granger gegen Draco Malfoy, Asterix und Obelix gegen die Römer. Und natürlich - mit dem Sound eines gepeitschten Schnitzels unterlegt - Bud Spencer und Terence Hill gegen allerlei Schurken (und manchmal auch gegeneinander). Doch auch in Liebesfilmen gibt es die wohlplatzierte Watschn, mit denkwürdigem Geschlechtergefälle. Während ein Mann es demnach niemals wagen würde, die Hand gegen eine Frau zu erheben, galt die von weiblicher Hand ausgeführte Ohrfeige lange Zeit als fast schon pflichtgemäße Reaktion auf das flegelhafte Verhalten eines allzu kecken Buhlers. "Sie Schuft!", hatte sie zu rufen, bevor sie die kleine Hand auf die markige Wange des Mannes sausen ließ. Der quittierte den Schlag mit einem milden Lächeln. Süß, sagte sein Blick, und jetzt küss mich, du willst es doch auch. Zu bewundern ist diese Kulturtechnik auch bei Karin Dor als Bond-Girl 1967, nur rief sie: "Sie sind ein Lügner!", bevor ihre flache Hand an Sean Connerys Gesicht klatschte. Trotzdem ließ der Kuss nicht lange auf sich warten.

Ein Kuss oder das mit der anderen Wange wäre natürlich eine souveräne Antwort von Chris Rock auf Will Smiths Entgleisung gewesen. Fast immer sind die schlagfertigeren Gesten schlagfrei. Wie etwa bei der damaligen Linken-Fraktionschefin in Thüringen, Susanne Hennig-Wellsow, als sie 2020 Thomas Kemmerich zur durch AfD-Stimmen erlangten Ministerpräsidentschaft gratulierte und ihm den Blumenstrauß vor die Füße warf. Blumen hatten Fat Comedy und Will Smith wohl gerade nicht zur Hand.

Zur SZ-Startseite
94th Academy Awards - Oscars Show - Hollywood

SZ PlusOscars 2022
:Die peinliche Show

Erst furchtbar gehetzt, dann nur noch furchtbar: Die 94. Academy Awards hatten mit "Coda" einen würdigen Gewinner und waren sonst nur daneben.

Lesen Sie mehr zum Thema