Bergsteiger-Leichen am Mount Everest Der höchste Friedhof der Welt

Die Arbeit der "Icefall Doctors": Um Leichen abzutransportieren, bringen sich die Helfertrupps jedes Jahr in Lebensgefahr. Der Klimawandel macht die Aufgabe nicht gerade einfacher.

(Foto: Namgyal Sherpa/AFP)
  • Der Weg zum Gipfel des Mount Everest ist gesäumt von Toten, die Passage wird "Leichengasse" genannt.
  • Seit der Erstbesteigung im Jahr 1953 kamen nach Schätzungen ungefähr 300 Menschen am höchsten Berg der Welt ums Leben.
  • Die meisten sind auf dem Berg geblieben, Bergungen in der Todeszone sind aufwendig. Steigende Temperaturen bringen nun immer mehr Leichen zum Vorschein.
Von Titus Arnu

Wer auf den höchsten Berg der Welt will, muss nicht über Leichen gehen, aber direkt an ihnen vorbei. Der Weg zum Gipfel des Mount Everest ist gesäumt von Toten, die Passage wird "Leichengasse" genannt. Manche hocken tiefgefroren neben den Hauptbesteigungsrouten, manche liegen etwas abseits, mit verkrümmten Körpern neben ihrem Rucksack.

"Das Thema Tod ist am Everest immer präsent," sagt Dominik Müller, Bergführer aus Oberstdorf. Er hat mehrere Expeditionen auf den 8848 Meter hohen Gipfel geleitet und stand 2016 mit einem Kunden und einem Climbing Sherpa am höchsten Punkt der Erde. "Ein überwältigendes Glücksgefühl", sagt Müller - trotz der schaurigen Begegnungen. Einer der Toten wird "Green Boots" genannt, wegen der neongrünen Bergstiefel, die er bei seinem Besteigungsversuch 1996 trug. 18 Jahre lang war "Green Boots" eine Art Wegweiser auf 8500 Meter Höhe an der Nordroute, bevor die Leiche unter ungeklärten Umständen verschwand.

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Am auffälligsten sind die Toten beim Abstieg, "da wird man direkt mit ihnen konfrontiert", sagt Dominik Müller, "beim Aufstieg ist es ja in der Regel noch dunkel". Auf der Südroute von Nepal aus und entlang der Nordroute auf der tibetischen Seite sind jeweils ungefähr acht bis zehn Leichen zu sehen. Seit der Erstbesteigung im Jahr 1953 kamen nach Schätzungen ungefähr 300 Menschen am Everest ums Leben. Die meisten sind auf dem Berg geblieben, denn Bergungen in der Todeszone sind aufwendig und kosten bis zu 30 000 Euro. Helikopter können über 7000 Meter nicht landen und große Lasten aufnehmen, Bergungsteams müssen zu Fuß aufsteigen.

Der höchste Friedhof der Welt ist außerdem als höchste Müllkippe berüchtigt. Hunderte Expeditionsteilnehmer lassen Jahr für Jahr Sauerstoffflaschen, Verpackungen, Dosen, Zelte und Exkremente zurück. Um alldem entgegenzuwirken, arbeiten derzeit - kurz vor Beginn der Hochsaison Ende April / Anfang Mai - einheimische Helfer wochenlang am Berg. Die "Icefall Doctors" sichern den gefährlichen Weg durch den Khumbu-Eisbruch mit Leitern und Seilen, Sherpas sammeln Müll ein - und versuchen, Leichen zu bergen oder zumindest aus dem Sichtfeld zu schaffen. Vor der diesjährigen Saison haben Gruppen aus China auf der tibetischen Seite besonders gründlich aufgeräumt. Ein Putztrupp schaffte 2,3 Tonnen Kot und 6,2 Tonnen Müll vom Berg. China plant zudem, die Leichen von Bergsteigern auf einer Höhe von über 8000 Metern zu bergen.

Natürlich trägt der Klimawandel seinen Teil dazu bei, dass der Grusel mittlerweile auch in tieferen Lagen sichtbar wird. "Wegen der steigenden Temperaturen schmelzen Gletscher und Eispanzer am Everest immer schneller, deshalb kommen nun Leichen von Bergsteigern zum Vorschein, die viele Jahre eingeschlossen waren", berichtet Ang Tshering Sherpa, ehemaliger Präsident der Nepal Mountaineering Association. Das geschehe vor allem am Khumbu-Eisbruch, einer 600 Meter hohen Abbruchkante des Gletschers an der Südseite des Everest, der ersten schwierigen Passage auf der Südroute. 2017 tauchte die Hand eines toten Alpinisten aus dem Eis oberhalb von Camp 1 auf der Südroute auf.

Den Zulauf am prestigeträchtigen Gipfel bremst so etwas kaum. Nach Angaben des Sagarmatha Pollution Control Committee (SPCC), das den Frühjahrsputz koordiniert, besuchten 2017 mehr als 100 000 Menschen die Everest-Region. China will den Andrang nun eindämmen und hat die Gipfelgenehmigungen für die Nordroute auf 300 limitiert. Möglicherweise wird sich das auf den Betrieb auf der nepalesischen Seite des Berges auswirken. "Ich denke, dass wir dieses Jahr mal wieder eine Rekordzahl auf der Südseite sehen werden", sagt Billi Bierling von der Himalayan Database in Kathmandu, die alle bergsteigerischen Expeditionen in Nepal dokumentiert. Laut Nepals Tourismusministerium wurden bisher 180 Genehmigungen für die Südroute vergeben, es kommen sicher noch einige dazu. Ein "Gipfel-Permit" für den Everest kostet 11 000 US-Dollar.

"Green Boots" lag bis 2014 vollkommen bekleidet in einer Kalkstein-Höhle

Mehr als 800 Menschen haben es 2018 auf den Gipfel geschafft, mindestens vier starben. "Höhenbergsteigern ist bewusst, dass bei einer Achttausender-Besteigung ein Risiko dabei ist", sagt Dominik Müller vom Expeditionsveranstalter Amical Alpin. Für 2020 bereitet er wieder eine Everest-Tour vor, über die Nordroute von Tibet aus, Kostenpunkt: ab 55 278 Euro pro Teilnehmer. Bei bisher neun Expeditionen auf das Dach der Welt hatte seine Firma noch keine Toten zu beklagen. Zur Vorbereitung gehören bei Amical Alpin neben dem alpinistischen Training und der Akklimatisation auch eine psychologische Heranführung an den Berg. Müller zeigt den Gipfel-Aspiranten Fotos der gesamten Route, auch von den Toten. Bis jetzt hat sich noch keiner davon abschrecken lassen.

Während das bitterarme Nepal auf die Devisen der ausländischen Bergsteiger dringend angewiesen ist, kann sich China eine Begrenzung leisten. Das Basislager an der Nordseite wurde für Besucher, die keine Erlaubnis zum Besteigen des Berges haben, gesperrt. Für die Touristen wird ein neues Lager rund zwei Kilometer entfernt errichtet, oberhalb von 5000 Metern dürfen sie sich nicht mehr aufhalten. Zudem hat China eine Straße zum Basislager auf 5400 Metern gebaut und gleich noch Stromleitungen verlegt.

In der Szene wird einerseits über die Reglementierungen und Erschließungen geschimpft, andererseits ergeben sich auch Vorteile. "Die Chinesen sind sehr verlässliche Geschäftspartner", sagt Expeditionsleiter Müller, es gehe alles geordnet und sauber zu. "Im Basecamp auf der Nordseite kommt zweimal die Woche der Müllwagen", berichtet er. Auch im Advanced Basecamp auf 6400 Metern wird strenge Mülltrennung betrieben, Sherpas schaffen den Abfall nach Lhasa in eine Recyclinganlage.

Selbst Müll einsammeln wird da zu einer gefährlichen Tätigkeit.

(Foto: Namgyal Sherpa/AFP)

Das Aufräumen und Bergen weiter oben, in der Todeszone, ist weitaus schwieriger, wobei die Leichen in Höhen über 7000 Metern durch die eisigen Winde gefriergetrocknet und jahrzehntelang konserviert werden - so makaber das klingen mag. "Die Toten, die man auf der Nordroute sieht, sitzen oder liegen auf dem Schnee", berichtet Dominik Müller. "Green Boots" war einer von ihnen, er lag bis 2014 vollkommen bekleidet in einer Kalksteinhöhle. Seine Identität ist nicht geklärt, es könnte sich aber um den vermissten indischen Bergsteiger Tsewang Paljor handeln, der im Mai 1996 nach einem überraschenden Blizzard nicht vom Gipfel zurückkehrte. In diesem Schneesturm kamen acht Bergsteiger ums Leben, das Drama wurde bekannt durch Jon Krakauers Buch "In eisige Höhen".

Gerade über berühmte tote Alpinisten aus dem Westen wird immer wieder mal groß berichtet, wohingegen die meisten anderen Fälle unbekannt bleiben. 120 der rund 300 Toten am Everest sind Einheimische: Sherpas aus Nepal und Tibet, die beim Präparieren der Route starben. Oder bei Aufräumarbeiten am Berg.

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