SZ-Serie "Ein Anruf bei...":Das Recht auf einen freien Parkplatz? Gibt es nicht

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SZ-Serie "Ein Anruf bei...": Sieht doch ganz hübsch aus, der blühende Anhänger. Aber darf er da auch parken?

Sieht doch ganz hübsch aus, der blühende Anhänger. Aber darf er da auch parken?

(Foto: privat)

Darf ein bepflanzter Fahrradanhänger einem Auto den Parkplatz wegnehmen? Darüber ist in Mannheim ein Streit entbrannt. Ein Gespräch mit Beetmobil-Besitzer Christoph Kleeberg, der sich selbst "Kampfradler" nennt.

Interview von Julius Bretzel

An einem Straßenrand in Mannheim steht seit einigen Wochen ein mit Blumen bepflanzter Fahrradanhänger, wo sonst Autos parken. Während das Ordnungsamt sich daran die Zähne ausbeißt, versteht der Besitzer Christoph Kleeberg sein "Beetmobil" als Kampfgeste.

SZ: Herr Kleeberg, haben Sie sich heute schon mit dem Fahrrad in den Verkehr gestürzt?

Christoph Kleeberg: Ja, ich habe meine Tochter zum Kindergarten gefahren, der sieben Kilometer weit entfernt ist von unserem Wohnort. Dann noch vier Kilometer durch den Stadtverkehr, mit der ein oder anderen lebensgefährlichen Situation.

Hatten Sie ihr Beetmobil dabei?

Nein, entweder nehme ich das Beetmobil mit oder den Kinderanhänger. Das Beetmobil steht noch zu Hause.

Was bringen Sie mit Ihrem Rad denn noch alles von A nach B?

Ich transportiere Fahrräder mit dem Fahrrad, ich transportiere Möbel mit dem Fahrrad, auch mal zwölf Klappstühle oder ein voll aufgepumptes Schlauchboot. Da sind der Transportmöglichkeit relativ wenig Grenzen gesetzt.

Mit dem Auto fahren Sie nie?

Ich habe selber gar kein Auto. Aber ich nutze ab und an Carsharing für entlegene Urlaubsbesuche, kenne also auch die andere Perspektive.

Würden Sie sich selbst als Kampfradler bezeichnen?

Ja, aber nicht im Sinne von Peter Ramsauer. Der hat als Bundesverkehrsminister 2012 den Begriff aufgegriffen. Er hat von einer Verrohung gesprochen, die mit einer Missachtung von Verkehrsregeln einhergehe. Da möchte ich dagegenhalten.

Nämlich?

Was Ramsauer meinte, sind Idioten im Straßenverkehr. Kampfradeln ist nach meiner Definition die Teilnahme am Straßenverkehr mit dem Fahrrad, wobei ich Rechte einfordere, die ich habe und kenne. Manche Kampfradler bezeichnen sich als "StVO-Ultras".

SZ-Serie "Ein Anruf bei...": Christoph Kleeberg, 38, arbeitet in Mannheim in der Hochschulverwaltung. Er besitzt kein Auto, aber den Führerschein, und wenn er in den Urlaub fährt, nimmt er sich ein Carsharing-Fahrzeug. Er kenne also auch die andere Perspektive, sagt er.

Christoph Kleeberg, 38, arbeitet in Mannheim in der Hochschulverwaltung. Er besitzt kein Auto, aber den Führerschein, und wenn er in den Urlaub fährt, nimmt er sich ein Carsharing-Fahrzeug. Er kenne also auch die andere Perspektive, sagt er.

(Foto: privat)

Wie kämpfen Sie sich durch den Verkehr?

Indem ich zum Beispiel auf der Fahrbahn mittig fahre, obwohl ich auch weiter rechts fahren könnte. Dadurch fordere ich die Autofahrenden heraus.

Aber wofür soll das Ganze nützlich sein?

Für Flächen-Gerechtigkeit und für vulnerable Verkehrsteilnehmer wie Kinder oder Ältere. Mein Ziel ist es, den öffentlichen Raum wieder als öffentlichen Raum zu nutzen, zur Erhöhung der Lebensqualität.

Was bringt da ein bepflanzter Fahrrad-Anhänger?

Die Idee des Beetmobils ist nicht, einfach einen Fahrradanhänger abzustellen, nur um einem Auto den Platz abspenstig zu machen. Ich habe mir überlegt: Was rüttelt auf, was hinterfragt dieses Anspruchsdenken, dass Autos Privilegien hätten - und ist dabei gleichzeitig legal? Der Anhänger ist erlaubt, ich kann ihn bewegen und die Bienen haben auch was davon.

Hat das Ordnungsamt etwas gegen Blumen oder gegen Fahrräder?

Da muss ich jetzt aufpassen, dass ich niemandem an den Karren fahre. Ich glaube, sie haben - zumindest im Dienst - die Perspektive: Das Auto hat Vorrang im öffentlichen Raum. Während bei falschparkenden Autos oft nichts passiert, wird bei so einem Fall, der nicht ins Schema passt, ein überraschender Aktionismus an den Tag gelegt. Lustigerweise hat sich noch nie jemand daran gestört, wenn ich ein Fahrrad mit einem normalen Hänger auf der Fahrbahn habe stehen lassen.

Und wie begründen sie, dass das Beetmobil da nicht stehen darf?

Ein Argument war "Parkdruck". Ich würde Autofahrenden einen Parkplatz wegnehmen, dabei ist das Recht auf einen freien Parkplatz gar nicht durch die Straßenverkehrsordnung gedeckt. Dann hieß es: Das Ding wird nicht bewegt. Und das, obwohl ich dabei von Mitarbeiterinnen des Amts gesehen wurde. Mittlerweile hat sich der Chef des Ordnungsamts entschuldigt. Ohne lokalen Shitstorm hätte es aber auch anders ausgehen können.

Sie haben schon Nachahmer inspiriert. Sollte es mehr Beetmobile auf Deutschlands Straßen geben?

Ja, natürlich. Wir haben zu viele Flächen, die ganz selbstverständlich für stehendes Blech reserviert sind. Und wenn in jedem Stadtteil so ein begrüntes Ding steht, werden die Leute das hinterfragen.

Wie geht es mit Ihrem bepflanzten Anhänger weiter?

Den werde ich weiter fahren und bei Gelegenheit auch an den Fahrbahnrand stellen. Im Winter kommt er weg. Verdorrte Blumen am Straßenrand erfreuen niemanden.

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Pressefoto 1975er Werbemotiv Opel Manta "Black Magic" - ACHTUNG: nur freigegeben für einmalige Verwendung zum SZ-Artikel am 20.02.2021

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