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Spanien:Mallorca-Klassenfahrten werden zum Superspreading-Event

Playa de Palma auf Mallorca im zweiten Jahr der Corona-Pandemie Frühsommer 2021 -;Playa de Palma auf Mallorca im zweiten

Auf Mallorca gelten weiterhin Abstandsregeln und Maskenpflicht. Aber wer hält sich an solche Vorschriften, wenn der Sinn einer Abschlussfahrt doch ist, sich endlich einmal gehen zu lassen?

(Foto: Chris Emil Janßen/imago images)

Weil sie in ihren Heimatstädten nicht feiern durften, sind Abiturientinnen und Abiturienten aus ganz Spanien auf die Balearen gereist. 470 von ihnen haben sich mit Corona angesteckt. Nun herrscht Katerstimmung auf der Insel.

Von Karin Janker, Madrid

Die Selectividad, quasi das spanische Abitur, ist ein Prüfungsmarathon: An drei aufeinanderfolgenden Tagen schreibt man Examen von morgens um neun bis abends um halb acht Uhr, vier Fächer pro Tag. Völlig fertig ist man danach - und in Feierlaune. Spaniens Schüler begehen das Ende der Prüfungen traditionell mit großen Partys. Im Madrider Parque del Oeste, dem größten Park im Zentrum der spanischen Hauptstadt, versammelten sich dieses Jahr Mitte Juni Hunderte Schüler zum botellón, zum Besäufnis im Freien, einer spanischen Spezialität. 280 Polizisten rückten an, trieben die jungen Leute auseinander, 72 Stunden herrschte erhöhte Alarmbereitschaft, um weitere Partystimmung zu unterbinden.

Nachdem ihnen zu Hause das Feiern verwehrt blieb, haben viele Schüler aus dem diesjährigen Abschlussjahrgang nun offenbar anderweitig auf die bestandenen Prüfungen angestoßen: Spanien versucht in diesen Tagen ein Superspreading-Event gewaltigen Ausmaßes in den Griff zu bekommen. Hunderte Schüler aus unterschiedlichen Landesteilen haben sich auf Abschlussfahrten nach Mallorca mit dem Coronavirus angesteckt. Allein in Madrid sind mindestens 320 Jugendliche infiziert, dort stehen fast 500 Kontaktpersonen unter Quarantäne.

Doch Madrid ist längst nicht die einzige Region, die betroffen ist. Die infizierten Schüler verteilen sich über das ganze Land: Das Baskenland testet derzeit 300 Abiturienten, die gerade von ihren Abschlussfahrten nach Mallorca zurückgekehrt sind. Die erste Region, in der Schüler aufgefallen waren, die mit Symptomen einer Covid-Infektion aus Mallorca zurückkamen, war Valencia im Südosten. Dort sind bislang 32 Fälle bekannt. Spanische Medien berichten von landesweit 470 infizierten Schülern, die sich alle gleichzeitig auf der Insel aufgehalten hätten. Die Behörden vermuten, dass so gut wie alle infizierten Jugendlichen mit derselben Fähre von Valencia nach Mallorca übersetzten.

600 Euro für sechs Nächte, zahlbar in Monatsraten à 45 Euro

Organisiert worden waren die Reisen von Tour-Anbietern, die sich auf Abschlussfahrten spezialisiert haben. Um die 600 Euro kostet so eine Reise für sechs Nächte im Mehrbettzimmer, Exkursionen und Poolpartys inklusive, zahlbar in Monatsraten von 45 Euro. Im Katalog eines solchen Anbieters steht unter Covid-Maßnahmen: "Das Tragen von Masken und Handschuhen ist auf der Tanzfläche verpflichtend." Aber wer hält sich an solche Regeln, wenn der Sinn einer Abschlussfahrt doch ist, sich endlich einmal gehen lassen zu dürfen?

Ein Großteil der Schüler musste für die Reise ein negatives Corona-Testergebnis vorlegen. Die Behörden der Balearen akzeptieren entweder PCR- oder Antigentest. Allerdings sind Reisende aus bestimmten Regionen Spaniens, in denen die 14-Tage-Inzidenz unter 50 liegt, von der Testpflicht ausgenommen. Und für die Rückreise war ein solcher Test ebenfalls nicht nötig.

Am Freitagmittag teilten die Gesundheitsbehörden der Balearen mit, bereits mehrere Lokale identifiziert zu haben, in denen die Schüler gefeiert hätten. Sie liegen alle am Strand von Palma. Wenn die Lokale gegen die geltenden Corona-Maßnahmen verstoßen haben, drohen ihnen Bußgelder von bis zu 600 000 Euro. Die Behörden gehen bislang davon aus, dass sich das Virus nur unter den Schülern verbreitet habe und aus diesem Kreis nicht in die Bevölkerung eingetragen worden sei. Unter den Angestellten der Hotels, in denen die Schüler übernachtet hatten, gebe es bisher keine Infektionen.

Für die Balearen kommen die Nachrichten über den Ausbruch zur Unzeit: Es geht um die Sommersaison - für viele Gastronomen und Hoteliers auf den Inseln die letzte Hoffnung auf Rettung vor der Pleite. Erst an diesem Donnerstag hat Großbritannien die Balearen zu sicheren Reisezielen erklärt, Touristen müssen nun nach ihrer Rückkehr nicht mehr in Quarantäne. Aktuell liegt die Inzidenz auf den Balearen bei 40 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen.

Es ist nicht der erste Ausbruch dieser Art in Spanien

Spaniens Gesundheitsministerin Carolina Darias appellierte nun an alle Abiturienten, die noch Klassenfahrten geplant hätten, diese abzusagen. Die infizierten Schüler zeigten bislang keine oder allenfalls milde Symptome. Die größte Herausforderung ist nun, alle Infizierten ausfindig zu machen, was dadurch erschwert wird, dass gerade jüngere Menschen oft keine Symptome zeigen und dennoch in ihren Familien das Virus weitergeben könnten.

Für Spanien ist es nicht der erste Ausbruch dieser Art: Im Juli vorigen Jahres verzeichnete das Baskenland ein ähnliches Superspreading-Event. Damals steckten sich 619 Menschen bei den Partys zur bestandenen Abiturprüfung an.

© SZ/nas
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