Mail-Pannen:An alle: Nicht allen antworten!

Oldenfelde

Alle mal herkommen: 400 000 SPD-Mitglieder haben eine Einladung nach Oldenfelde erhalten, zur Distriktversammlung in einem Seniorenheim.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Eine an den falschen Verteiler verschickte Mail kann fatale Folgen haben - weil offensichtlich niemand nicht reagieren kann. Das weiß jetzt auch der Abgeordnete Ole Thorben Buschhüter, der die gesamte SPD nach Hamburg-Oldenfelde einlud.

Von Violetta Simon

Kleiner Klick, große Wirkung: Das ist das Schöne - und zugleich Schreckliche - an der digitalen Kommunikation. Aktuelles Beispiel: der Mail-Irrläufer eines gewissen Ole Thorben Buschhüter, SPD-Politiker und Mitglied in der Hamburgischen Bürgerschaft. Er wollte lokale Parteimitglieder zu einer Distriktsversammlung in einer Senioreneinrichtung der Arbeiterwohlfahrt nach Oldenfelde einladen, ein Teil des Stadtteils Rahlstedt im Nordosten der Hansestadt. Wegen eines Fehlers im E-Mail-System ging die Einladung jedoch an sämtliche Sozialdemokraten bundesweit - insgesamt etwa 400 000.

Der Irrläufer erheiterte die sozialen Medien. Viele fragten bei Twitter, wo Oldenfelde überhaupt liege, wie man dahin komme und ob es Mitfahrgelegenheiten gebe. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) etwa ergänzte ihren Motivationstweet für die letzte Wahlkampfwoche vor der Bundes- und Landtagswahl um den Satz "Und heute natürlich ganz besondere Grüße nach #Oldenfelde". Buschhüter nahm es mit Humor und schrieb: "Unsere Distriktversammlung nächsten Dienstag stößt auf allergrößtes Interesse. Planen Umzug ins Volksparkstadion."

Immerhin befindet sich Buschhüter in guter Gesellschaft. Wer erinnert sich nicht an einen vergleichbaren Fauxpas oder kennt mindestens eine Anekdote: von der Mitarbeiterin zum Beispiel, die ihre Empörung auf eine Rundmail der Chefin an ihre Kollegin weiterleiten wollte mit der Bemerkung "Die hat sie wohl nicht mehr alle!?" - und diese stattdessen per "Antworten" an eben jene Vorgesetzte schickte, als direktes Feedback sozusagen. Oder von der Wahlkreis-Mitarbeiterin der Grünen, die eine Kollegin darum bat, ihr ein Exemplar des Bundestagshandbuchs "Kürschner" mitzubringen - und deren Mail versehentlich an mehr als 4000 Konten ging. Die Reaktions-Flut, die daraufhin losbrach, enthielt Antworten, die kommentiert und wiederum beantwortet wurden, begleitet von spontan erfundenen Hashtags (#Kürschnergate), die schließlich in die sozialen Medien hinüberschwappten.

Horst Seehofer verschickte achtmal ein- und dieselbe Mail an alle Beschäftigten des Freistaats Bayern

Dass der Server daraufhin zusammenbrach, lag übrigens nicht an jener Mail, sondern daran, dass es dem Menschen offensichtlich unmöglich ist, auf solche Schreiben nicht zu antworten. Ähnlich erging es Horst Seehofer, der in seiner Zeit als bayerischer Ministerpräsident ganze achtmal dieselbe Mail mit Betreff "Regierungserklärung: Mit Energie in die Zukunft. Aufbruch Bayern!" an sämtliche Beschäftigte des Freistaats verschickte. In die Knie ging der Server erst, als die Adressaten zum Teil mehrfach ihrer Irritation Ausdruck verliehen.

An dieser Stelle gedenken wir auch der britischen Fondsgesellschaft Aviva Investors, die 2012 ihre komplette Belegschaft, nämlich 1300 Beschäftigte, mit einem Mail-Irrläufer extrem irritiert haben dürfte. Die Botschaft "Danke und alles Gute für die Zukunft" klang eindeutig nach Abschied und Kündigung, war allerdings für einen Angestellten gedacht, der das Unternehmen verlassen sollte. Eine halbe Stunde dauerte es, bis die Mitarbeiter sicher sein konnten, dass sie ihren Job behalten würden.

Eine Einladung zum Wichteln auf Irrwegen

Wie schnell sich eine nett gemeinte Mail in eine Lawine des Spotts verwandeln kann, musste auch eine Mitarbeiterin der Strafvollzugsbehörde im US-Bundesstaat Utah erfahren, die ihre Abteilung per Mail zum Wichteln einladen wollte. Als erste Reaktionen aus unterschiedlichsten Ecken des Bundesstaates eintrudelten, schwante ihr Böses. Wie sich herausstellte, hatte ein Systemadministrator nicht wie geplant 80, sondern mehr als 22 000 Empfänger in den Verteiler gesetzt, nämlich nahezu sämtliche Regierungsangestellten in Utah. Etliche Menschen antworteten, natürlich auch wieder "an alle". Weitere appellierten an den gesamten Verteiler, man möge umgehend aufhören, allen zu antworten. Am Ende bekam die Twitter-Community Wind davon - das Tor zur Hölle war offen. So wurde aus einem vermeintlich gemütlichen Wichtelabend der sogenannte Reply-All-Gate 2018.

Wie gut, dass Buschhüter seinen Irrtum irgendwann bemerkt hat. Womöglich wären sonst sämtliche Parteimitglieder der Einladung gefolgt und hätten die Distriktversammlung in dem Hamburger Altenheim gestürmt - man kennt das Phänomen von Facebook, wo Einladungen im kleinen Kreis regelmäßig in Massenveranstaltungen ausarten. So aber kann der SPD-Mann von sich behaupten: alles richtig gemacht. Immerhin kennt - Twitter sei Dank - inzwischen nicht nur jeder Sozialdemokrat in Deutschland Oldenfelde.

© SZ/nas
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