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Zauberei:"Eine Magierin? Absurd - das wird nie was!"

Die US-Amerikanerin Misty Lee lässt lieber Frauen schweben als sich unter die Säge zu legen.

(Foto: PR)

Zu lange traten Frauen in Zaubershows vor allem aus einem Grund auf: um zersägt zu werden. Doch es gibt Magierinnen, die sich dagegen wehren und das Bild von Frauen in der Unterhaltungsbranche verändern.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt einen zauberhaften Ort in Hollywood: eine Villa im viktorianischen Stil, in die nur hinein darf, wer von einem Magier eingeladen worden ist und sich piekfein angezogen hat, wer sein Telefon ausschaltet und die aus "Alibaba und die 40 Räuber" bekannte Formel zum Öffnen von Türen kennt. Im Inneren öffnet sich den Besuchern eine Welt, die sie womöglich aus Filmen kennen oder von der sie geträumt haben. Es gibt andauernd und überall etwas zu bestaunen, weil in jedem Raum, an jeder Bar und in jeder Ecke gezaubert wird.

Man kann stundenlang durch das verwinkelte Clubhaus der Academy of Magical Arts flanieren, das alle nur Magic Castle nennen. Das Handyverbot hilft, denn wer nicht dauernd auf einen Bildschirm starrt, ist aufmerksam und damit für einen Zauberer noch leichter zu verblüffen, eine alte Regel lautet ja: Je konzentrierter man hinguckt, desto weniger sieht man.

Man sieht zum Beispiel Anna DeGuzman in der Close-Up Gallery für Tischzaubereien, einem kleinen Raum, in den nur 26 Zuschauer passen und in dem man den Magiern direkt auf die Finger schauen kann - und ihre Künste doch niemals durchschaut. DeGuzman präsentiert Illusionen mit Spielkarten. Und während sie die Karten mischt, fragt man sich, warum einem beim Begriff "Zauberer" vor allem Männer einfallen: Harry Houdini, David Copperfield, Criss Angel. Warum ist Magie eine derart männliche, oft arg chauvinistische Kunstform, in der charismatische Männer auf der Bühne stehen und Frauen vor allem auftauchen, um zersägt zu werden? Und warum ist auch hier im Magic Castle Anna DeGuzman eine von ganz wenigen Frauen? Gerade mal 260 der 2700 Magier-Mitglieder der Academy of Magical Arts sind Frauen.

"Welches Bild haben die Menschen im Kopf, wenn sie an eine Magierin denken?", fragt Angela Sanchez. Sie ist selbst Zauberin und hat ihre Abschlussarbeit an der Elite-Uni UCLA über das Frauenbild in der Geschichte der Magie verfasst: "Es ist eine ältere Frau, die meist nichts Gutes im Sinn hat." Die böse Hexe also. Dieses Bild stört auch ihre Kollegin Misty Lee, lange Zeit die einzige Vollzeit-Magierin im Magic Castle: "Sie wissen, was mit Hexen passiert ist: Sie sind verbrannt worden."

Bestrafung steht auch im Zentrum eines der bekanntesten Zaubertricks: 1921, drei Jahre nachdem in Großbritannien das Wahlrecht für Frauen eingeführt worden war, hielt es der Magier P. T. Selbit, bekannt für obskure und schockierende Tricks, für eine gute Idee, eine Frau an Hals, Händen und Füßen zu fesseln, in eine sargartige Kiste zu stecken und zu zersägen. Assistenten kippten nach der Vorstellung vor dem Theater eine rote Flüssigkeit in die Abflüsse, damit die Zuschauer glaubten, dass drinnen wirklich jemand verletzt worden sei. Die Botschaft, auch zu sehen auf Plakaten: Eine Frau, die wählen will, gehört gefesselt, eingesperrt und gefoltert.

Das Clubhaus der Academy of Magical Arts in Los Angeles, im Volksmund "Magic Castle".

(Foto: Ben Roman)

"Sawing Through a Woman" war derart erfolgreich, dass der Zauberkünstler Horace Goldin die Illusion in die USA exportierte, nachdem auch dort im Jahr 1920 das Frauenwahlrecht eingeführt worden war. Die Leute waren schockiert. Und begeistert.

Von da an beschäftigten Magier auf beiden Kontinenten Assistentinnen und kreierten jenes Bild, das heute noch existiert: der charmante Typ, der die Frau nur aus der Kiste holt und ihr das Leben rettet, wenn ihm der Sinn danach steht. "Ich habe als Mädchen in der Kiste angefangen - ein ziemlich blöder Job", sagt Misty Lee. Ein Mitschüler habe sie gefragt, ob sie auf Geburtstagspartys bei seiner Zaubershow helfen wolle: "Die Kostüme wurden kleiner und kleiner, er wollte mich zur Stripperin machen - darauf hatte ich aber keine Lust." Auch später sei sie erst einmal das "Girl inside of a box" gewesen, bevor ein Kollege, der sie als Assistentin beschäftigte, ihr Talent als Illusionistin erkannte.

"Wissen ist Macht, das wird in der Zauberei ganz besonders deutlich, weil eine Illusion auf zwei Ebenen abläuft: Kommunikation mit dem Publikum, also Unterhaltung - und die Illusion selbst", sagt Sanchez. Die Zuschauer lassen sich das gefallen, oder sie rätseln mit. Am Ende sollen sie verblüfft sein, weil der Zauberer ihnen einen Gedanken voraus ist. "Da liegt das Problem", vermutet Sanchez: "Es war für viele Leute nicht akzeptabel, dass die Frau auf der Bühne mehr wusste als der Mann im Publikum."

Harry Houdini

Wenn von Zauberern die Rede ist, fallen vor allem männliche Namen wie Harry Houdini (siehe Foto), David Copperfield oder Criss Angel.

(Foto: SZ Foto)

Es hat in der Geschichte freilich auch Zauberinnen gegeben, Adelaide Herrmann zum Beispiel, Dell O'Dell oder Zobeidi Luti. Luti wurde vom ausgebufften Kaufmann P.T. Barnum im Jahr 1870 ganz gezielt als "The Only Lady Magician in the World" und damit als Außenseiterin oder gar Freak vermarktet. Herrmann war die (oft als Mann verkleidete) Helferin ihres Ehemannes Alexander, nach dessen Tod 1896 machte sie einfach weiter und wurde die Queen of Magic. "Sie war knallhart und hat sich durch nichts entmutigen lassen", sagt Sanchez: "Sie hat erst den Ehemann verloren, dann bei einem Brand ihre Requisiten. Sie hat dennoch nicht aufgegeben - wer will nicht so sein wie sie?"

O'Dell wuchs im Zirkus auf und ließ sich gegen die Vorbehalte ihres Vaters ("Eine Magierin? Absurd - das wird nie was!"), der sie als seine Assistentin in eine Kiste stecken wollte, zur Entertainerin und Zauberin ausbilden. Auf einer Broschüre aus den 1920ern ist sie als Magierin und Hausfrau abgebildet, wohl um den Leuten zu versichern, dass sie nicht nur ein Kaninchen aus dem Hut zaubern kann, sondern auch Soße aus dem Kochtopf.

Gegen diese Stigmata kämpfen auch moderne Magierinnen noch immer an, mit unterschiedlichen Ansätzen. Sanchez hat vor fünf Jahren eine Facebook-Gruppe gegründet, aus der die Vereinigung Women Magicians Association (WMA) geworden ist, die zwar nicht offiziell mit der Akademie verbunden ist, jedoch ihre monatlichen Treffen im Clubhaus abhält. "Ich wünschte mir, dass eine solche Vereinigung überflüssig wäre", sagt Sanchez: "Die Unterhaltungsbranche ist noch immer sexistisch und rassistisch, deshalb braucht es Gruppen wie diese, um sich gegenseitig zu helfen und auf Missstände hinzuweisen."

Bei Misty Lees Show landet der Mann unterm Sägeblatt - die Assistentinnen sind dennoch weiblich.

(Foto: PR)

In diesem Punkt widerspricht Kollegin Lee: "Ich will nicht, dass die Leute mich buchen, weil ich eine Frau bin. Ich will, dass sie mich engagieren, weil ich etwas kann, das sonst keiner kann." Sie will verhindern, dass sich Frauen in Opferrollen drängen lassen. In allen anderen Punkten sind die beiden sich einig: Es braucht Frauen, die sich nicht mehr in eine Kiste sperren lassen, sondern mutig zeigen, was sie als Magierinnen zu bieten haben - und es braucht Leute in bedeutsamen Positionen, die Entertainment-Manager von Hotels in Las Vegas zum Beispiel, die diese Frauen engagieren. Wer auf der Homepage der sündigen Stadt nach Zaubershows sucht, der findet unter den ersten 20 Treffern gerade mal eine Frau.

Die Academy of Magical Arts ist die bedeutendste Vereinigung für Zauberer weltweit, in jedem Jahr vergibt sie den Titel "Zauberer des Jahres", die in den vergangenen 50 Jahren bis auf zwei Ehepaare und eine Ausnahme (Princess Tenko, 1989) ausschließlich Männer gewesen sind. Wie so viele Zusammenschlüsse der Unterhaltungsbranche ist die Academy zu männlich, zu weiß, zu alt. Die Mitglieder wissen das, und sie wollen das ändern, so wie zum Beispiel auch die Filmakademie ihre Struktur verändert hat. Sie fördern die WMA, und sie legen Wert darauf, pro Woche mindestens eine der 35 Magierinnen zu buchen, die den strengen Regeln zufolge für einen Auftritt im Schloss qualifiziert sind.

Anna DeGuzman zum Beispiel, die in der Close-Up Gallery mit Spielkarten das macht, was Terrence Hill in den Poker-Szenen der unvergessenen Spencer-Hill-Filme damit tut. Die Zuschauer verschwenden an diesem Abend keinen Gedanken daran, wem diese flinken Hände gehören. Sie sind viel zu konzentriert darauf, was diese Hände tun, die nicht gefesselt sind und nicht in einer Kiste stecken. Sondern sich frei bewegen.

© SZ vom 23.11.2019/sbeh
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