Kutschen:Wien streitet über seine Fiaker

Austria heat wave

Nicht nur für Pferde eine schweißtreibende Angelegenheit: Vor der Wiener Hofburg stehen Fiaker für spontane Fahrten bereit.

(Foto: Herbert Neubauer/dpa)
  • Wien streitet schon seit langem über die Kutschen, die Touristen befördern.
  • Tierschützer kritisieren, die Arbeit sei Quälerei für die Pferde, vor allem bei den jetzigen Temperaturen.
  • Auf der anderen Seite steht eine Initiative, die Fiaker zum immateriellen Weltkulturerbe erklären lassen will.

Von Peter Münch, Wien

Ein Sommertag in der Wiener Innenstadt: Die Hitze hängt in den Häuserschluchten, die Hufe klappern auf dem Pflaster und direkt neben dem Stephansdom verläuft die Frontlinie. Auf der einen Seite stehen die Fiaker, charmieren die Kunden mit einem hingesäuselten "Bitte nehmt's doch Platz", bevor sich die Kutsche mit zwei Pferden vorn und vier Touristen hinten gemächlich in Bewegung setzt. 40 Minuten für 80 Euro. Auf der andern Seite stehen die Tierschützer, die sich ein paar Pferdemasken übergezogen haben und auf großen, grellen Plakaten fordern: "Pferde raus aus der Stadt", "Hitzefrei ab 30 Grad" und vorsorglich auch schon: "Fahrverbot bei Glatteis".

Der Streit tobt schon seit vielen Sommern. Doch je heißer es wird, desto heftiger wird darüber debattiert, was den vor die Kutschen gespannten Tieren zuzumuten ist. Für David Fenzl und die demonstrierenden Unterstützer seines "Vereins gegen Tierfabriken" ist klar, dass "der Kutschenbetrieb in einer modernen Großstadt wie Wien nicht mehr zeitgemäß ist". Verwiesen wird zum einen auf die Kosten für die Straßenerhaltung. Schließlich werden die jährlich durch die Fiaker-Fahrten entstehenden Schäden auf 700 000 Euro beziffert, weshalb die Stadt Wien nun den Einsatz von Kunststoff-Hufbeschlägen testet. Vor allem aber geht es Fenzl um das "Tierleid" und dabei vor allem um den "Hitzestress".

Als er darauf verweist, haben seine Mitstreiter die Rossmasken längst abstreifen müssen. Zumindest subjektiv haben sie damit schon einmal den Beweis geführt, dass diese Hitze in der Haut eines Pferdes wirklich nicht auszuhalten ist. 2016 war deshalb auch auf Druck der Grünen in Wien vorgeschrieben worden, dass der Fiakerbetrieb bei einer Temperatur von 35 Grad eingestellt werden muss. Doch für die Tierschützer ist das viel zu hoch gegriffen, zumal die Messstation nur die Schattentemperatur festhält. "Was bringt das, wenn die Pferde hier in der Sonne stehen", fragt Fenzl und schaut hinüber zu den Kutschen. Er hat bei der Stadt Wien nun eine Petition eingebracht, die als "ersten Schritt" ein Fiaker-Verbot ab 30 Grad verlangt. Langfristig aber wird ein "Ende des Fiakerbetriebs" in der gesamten Innenstadt gefordert.

"Wien ohne Fiaker ist wie Venedig ohne Gondeln"

Wien ist dabei nur ein Schauplatz in einem weltweit tobenden Kampf um die Kutschen, der in jedem Sommer durch Bilder kollabierter Pferde auf städtischem Asphalt angeheizt wird. In Barcelona und Montreal zum Beispiel wurden die Pferdedroschken bereits verboten, in Berlin vom Platz vor dem Brandenburger Tor verbannt und im New Yorker Central Park deutlich reduziert. Auch in Rom sollen die "botticelle" nach dem Willen der Stadtverwaltung durch Elektro-Kutschen ersetzt werden. Doch nirgends ist der Kampf wohl so aufgeladen wie in Wien, wo das Klischee von der Kutschenromantik zum bestens vermarkteten Kulturgut veredelt wurde.

"Wien ohne Fiaker ist wie Venedig ohne Gondeln", sagt Werner Kaizar, der bei der Stadt Wien als Sprecher eines FPÖ-Vizebürgermeisters angestellt ist. Man erreicht ihn telefonisch im Urlaub am Strand in Kroatien, wo er sich zunächst einmal für das Gespräch einen Platz im Schatten suchen muss. "Ich bin ja kein Steppentier", sagt er - womit schon angedeutet ist, dass er die Sorge der Tierschützer um die Hitzebeständigkeit der Pferde eher für "skurril" hält. "Die gesamte Menschheitsgeschichte der letzten 4000 bis 5000 Jahre hätte nicht stattfinden können, hätten uns die Pferde nicht getragen oder gezogen", sagt er. Aus diesen sehr grundsätzlichen Erwägungen hält er es "den Pferden gegenüber nicht für fair", wenn man ihnen mit einem Fiaker-Verbot den Job wegnähme. Am Ende drohe den nutzlos gewordenen 380 Wiener Fiaker-Pferden dann nur der Tod, argumentiert er. "Dann braucht man auch keinen Tierschutz mehr."

Kaizar hat deshalb nun eine Initiative namens "Pro Fiaker Kultur" ins Leben gerufen. Die setzt sich nicht nur für den Erhalt der Kutschen auf Wiens Straßen ein, sondern will auch die Fiaker zum immateriellen Weltkulturerbe erklären lassen. Die Initiative sei privat und allein seiner persönlichen "Leidenschaft für die Pferde" geschuldet, erklärt er. Unterstützung hat er in der Wiener Kommunalpolitik allerdings bereits von einem ungewöhnlichen Bündnis aus SPÖ-, ÖVP- und FPÖ-Politikern bekommen. Schließlich geht es Kaizar zufolge neben der Rettung des Kulturgut auch um bis zu tausend Arbeitsplätze sowie um die Attraktivität Wiens für den Tourismus.

Das Feld für den Kampf zwischen Tierschützern und Kutschern ist also weit gesteckt. Am Stephansplatz stehen sie sich immer wieder direkt gegenüber, und es kann vorkommen, dass geschubst, geschlagen oder getreten wird. An diesem Tag aber bleibt alles ruhig, kein Geschrei ist zu hören, nur das Klappern der Hufe. Bis auf Weiteres.

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