Tierschutz Die Tauben haben München besetzt

Bei einem leer stehenden Haus an der Schwanthalerstraße hat sich ein Taubenschwarm niedergelassen. Welche Probleme das erzeugt, lässt sich auf dem Bürgersteig sehen, wo Kot und Dreck landen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Manche Münchner mögen Tauben so sehr, dass sie die Tiere füttern, obwohl das verboten ist. Andere würden die Vögel gerne aus der Stadt verbannen, weil sie sich über das Gurren und den Kot ärgern
  • Viele Maßnahmen helfen kaum bis gar nicht gegen die Tiere. Eine Lösung könnte in Taubenschlägen liegen.
Von Robert Meyer

Wie Königin und König blicken die beiden graugefiederten Tauben vom Fenstersims im zweiten Stock auf ihr kleines Reich an der Schwanthalerstraße. Unten am Boden ist die Hektik groß. Erst vier, dann sechs, später zehn von Ihresgleichen marschieren im Gleichschritt über ein kleines, von der Hitze verdorrtes Rasenstück und suchen nach etwas Essbarem. In direkter Konkurrenz zu einer Krähe, die den Hauptgewinn zieht: ein Stück Brot, fast so groß wie ihr Schnabel. Die Tauben stehen mit respektvollem Abstand, aber futterlos, daneben. Der Marsch über die Wiese geht weiter: von rechts nach links, von links nach rechts.

Erst als eine Autotür zuknallt, brechen die Tauben aus ihrer wie einstudiert wirkenden Routine aus und fliegen davon. Sie drehen eine Runde über dem kleinen Park und landen auf dem Dach des von ihnen besetzten Hauses an der Schwanthalerstraße. Das leer stehende Haus ist mit seiner dreckig-beigen Wand, mit den Graffitis und den Absperrzäunen davor sowieso kein schöner Anblick. Doch seitdem sich ein Taubenschwarm hier niedergelassen hat, kommen nicht nur die Tiere hinzu, sondern auch deren Hinterlassenschaften. Wie ein Teppich zieht sich der weiße, vertrocknete Kot über den Bürgersteig. Das Problem mit den Tauben in München ist hier besonders sichtbar.

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Eine Geschichte über Tauben ist stets eine Geschichte über Liebe. Nicht umsonst gelten die Vögel als Symbol für Freiheit, für Unschuld - und für die Liebenden, die weiße Tauben auf ihren Hochzeiten emporsteigen lassen. Taubenfreunde füttern sie trotz des Verbots - und schaden ihnen damit, weil Brot- und Essensreste für die Tiere eigentlich nicht bekömmlich sind.

Letztlich seien Tauben verwilderte Haustiere, heißt es beim Tierschutzverein München. Wie könne man dann rechtfertigen, wenn sie sich auf Stacheln und in Netzen verletzen oder gar getreten und abgeschossen werden? Wollen Tierschützer verletzten Tieren helfen, werde es schnell mal gewaltsam. Ehrenamtliche berichten laut Verein immer wieder von Beschimpfungen oder körperlichen Angriffen.

Eine Geschichte über Tauben ist stets auch eine Geschichte über Hass. "Ratten der Lüfte" ist eines der harmloseren Schimpfwörter. Wer nach Tauben googelt, findet Begriffe wie "vertreiben", "verjagen" oder "vergiften". Viele Menschen sind von den Tieren genervt. Sie vermehren sich unkontrolliert, fliegen knapp über Köpfe hinweg und bringen viel Dreck mit sich. Jede Taube produziert pro Jahr zehn bis zwölf Kilo Kot, die sie auf Denkmälern, Balkons und Terrassen hinterlässt.

Ob Spikes, Netze oder Krähen-Attrappen: Wirklich hilfreich ist das alles nicht

Auch die Anwohner des von den Tauben besetzten Hauses an der Schwanthalerstraße wehren sich. Auf einem Balkon zwei Häuser weiter ragen Stacheln aus dem Geländer, wie man sie oft auch auf Schildern oder Regenrinnen sieht. Die Spikes sollen verhindern, dass Tauben sich auf das Geländer setzen. Daneben steht eine Krähen-Attrappe, die die Tauben abschrecken soll. Sonderlich beeindruckt wirken die Vögel davon nicht. Eine Etage tiefer sitzen zwei Tauben entspannt auf dem Balkon.

Ob Spikes, Netze oder Krähen-Attrappen: Wirklich hilfreich ist das alles nicht, um Tauben zu vergrämen. Da sind sich Tierschutzverein und das Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt einig. Auch Falken, die die Tauben verjagen könnten, sind keine Lösung, weil es etliche bräuchte, die nur wenige und vor allem schwache Tiere im Monat reißen würden.

Die Debatte über die Tauben ist auch in München vergiftet, Taubenliebhaber und Taubenhasser stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ein Ausweg aus der verfahrenen Situation scheint nicht in Sicht. Dabei sind sich viele einig, dass es eine Lösung gibt, um das Taubenproblem in den Griff zu bekommen: Taubenhäuser. Zentrale Schläge, in denen sich die Vögel niederlassen können.

Auf dem Gelände des Tierheims München steht eine dieser Unterkünfte. In dem kleinen, blauen Kabuff türmen sich links und rechts Brut- und Ruheplätze für die Tiere wie Ikea-Regale auf. Jeder Platz ist mit Zeitungen ausgelegt, am Boden des Schlags liegt Stroh. Gegenüber vom Eingang befindet sich eine Wand mit einem handbreiten Schlitz, durch den die Tauben fliehen. 70 bis 80 Prozent der Zeit verbringen die Tiere in einem solchen Schlag. Der Kot kann hier effektiv beseitigt werden, die Taubeneier werden rechtzeitig durch Attrappen ersetzt.

14 solcher Schläge stehen im Stadtgebiet, meist auf privatem Grund oder von Ehrenamtlichen versorgt. Eigentlich viel zu wenig, die Stadt ist stets auf der Suche nach geeigneten Standorten, der Tierschutzverein sucht ebenfalls nach ehrenamtlichen Betreuern von Taubenschlägen. Die Stadt Augsburg hat mit diesem Modell gute Erfahrungen gemacht. Doch viele Anwohner sind verärgert, wenn ein Taubenschlag in ihre Nachbarschaft kommt und drohen mit Klagen. Das Problem soll zwar gelöst werden - aber bitte nicht hier. Also ist auch das keine Lösung, die überall funktioniert.

Den Tauben an der Schwanthalerstraße ist diese Diskussion egal. Sie beobachten ihr Reich weiterhin vom Sims eines zerbrochenen Fensters aus. Münchens einzige Hausbesetzer werden sich hier vermutlich noch eine Weile ungestört aufhalten können.

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