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Kolumbien:Immobilien mit dunkler Vergangenheit

Vergangenheit zu verkaufen: Dieses Haus in Montería im Norden Kolumbiens verfügt über vier Zimmer, vier Bäder, einen Speisesaal, zwei Parkplätze und Kabelfernsehen. Über die Vorbesitzer steht in der Immobilienanzeige nichts.

(Foto: Fondo de la Reparacion de las Victimas)

Die kolumbianische Regierung versucht, Häuser loszuwerden, die sie von Rebellen oder paramilitärischen Kämpfern beschlagnahmt hat. Aber wer will schon in Wohnungen leben, in denen vielleicht Menschen gefoltert oder Morde geplant wurden?

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Da wäre zum Beispiel jenes Apartment in La Carolina, einem Viertel im Norden der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Ein Wohnzimmer, vier Schlafzimmer, dunkles Parkett und Blick aus dem zwölften Stock über einen nahe gelegenen Park. Knapp 7,5 Millionen Peso Miete muss man dafür pro Monat hinlegen, umgerechnet etwa 1800 Euro. Einerseits nicht übermäßig viel für eine Wohnung mit mehr als 300 Quadratmetern, Whirlpool, Kamin und Privataufzug. Auf der anderen Seite entspricht die Miete aber auch dem Achtfachen des kolumbianischen Mindestlohns, und das Apartment bringt neben allerlei Luxus auch noch eine potenziell dunkle Vergangenheit mit.

Die Wohnung ist im Netz auf einer speziellen Seite inseriert, auf der Immobilien angeboten werden, die der kolumbianische Staat in den vergangenen Jahren von rechten paramilitärischen Einheiten oder linken Guerillagruppen beschlagnahmt oder nach deren Auflösung übernommen hat. Dort finden sich kleine Bauernhöfe genauso wie eben luxuriöse Stadtwohnungen, lange standen sie leer, Felder lagen brach, ein Verkauf war schwierig, der Verwaltungsaufwand gleichzeitig hoch.

Nun aber hat die kolumbianische Regierung im Februar eine eigene Agentur gegründet, die Inmobiliaria FRV. Sie soll sich darum kümmern, die rund 1600 Immobilien zu vermieten oder zu verkaufen. Mehr als 100 Millionen Euro könnten so im besten Falle generiert werden, Geld, das am Ende dann all den Menschen zugutekommen soll, die Opfer des bewaffneten Konflikts waren.

Mehr als 200 000 Tote

Über Jahrzehnte hinweg bekämpften sich linke und rechte Gruppen gegenseitig, gleichzeitig führten sie auch noch Krieg gegen den Staat, dessen Armee und die Polizei. Alle Seiten verletzten dabei vermutlich Menschenrechte, es kam zu Entführungen und Morden, Anschlägen und Massakern. Weit mehr als 200 000 Menschen starben, die allermeisten Zivilisten, Millionen wurden in ihrem eigenen Land zu Flüchtlingen.

2016 schloss die kolumbianische Regierung dann einen Waffenstillstand mit der größten Guerilla, der Farc-EP. Der Friedensprozess aber läuft seitdem schleppend, ehemalige Kämpfer werden ermordet, manche Gruppen greifen schon wieder zu den Waffen.

Und auch die Wiedergutmachung für die Opfer ist kompliziert. Geld kann man beschlagnahmen, Gold verkaufen, zumindest Letzteres verschimmelt und verfällt nicht, und wem die Scheine oder Barren vorher gehört haben, ist den neuen Besitzern auch meist herzlich egal. Bei Häusern, Landsitzen und Bauernhöfen ist das alles aber anders. Viele der beschlagnahmten oder von einstigen Kämpfern übergebenen Immobilien sind in desolatem Zustand. Dazu liegen sie oft auch noch in ländlichen Gebieten, wo auch fünf Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags der Konflikt fast unvermindert weitergeht.

Was, wenn die Vorbesitzer eines Tages zurückkehren?

Und selbst dann, wenn eine Wohnung oder ein Haus gut gepflegt ist und dazu auch noch in optimaler Umgebung liegt, bleibt am Ende immer noch seine dunkle Vorgeschichte oder die seiner ehemaligen Besitzer. "Die historische Bedeutsamkeit der Immobilien hat unsere Arbeit bisher sehr erschwert", sagte der Koordinator des Fonds zur Wiedergutmachung der Opfer, Miguel Avendaño, der Nachrichtenagentur Reuters.

Viele Menschen hätten Angst, ein Haus zu kaufen, von dem sie wüssten, dass es zuvor einem paramilitärischen Kämpfer oder einem Guerillaführer gehört hat. Wer kann schon garantieren, dass der Vorbesitzer oder seine Familie nicht beschließt, in der ehemaligen Wohnung mal wieder vorbeizuschauen oder diese im schlimmsten Falle sogar zurückzufordern? Manche der Immobilien waren direkte Schauplätze der blutigen Konflikte, weil Mitglieder der paramilitärischen Gruppen hier Massaker planten, Menschen foltern ließen oder Killer trainierten.

So gesehen hat die Agentur seit ihrem Start Erstaunliches geleistet: Zehn Immobilien hat sie in den ersten beiden Monaten schon verkauft.

© SZ/nas
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