Katholische Kirche:Tiefe Risse im Selbstbild

Vor allem die jüngeren katholischen Bischöfe haben die Dramatik der Lage erkannt. Hildesheims neuer Bischof Heiner Wilmer und sein Würzburger Amtsbruder Franz Jung haben sich der Diskussion mit Betroffenen gestellt. In einigen Bistümern werden nun Personalakten erneut durchforstet und Verdachtsfälle der Staatsanwaltschaft übergeben; inzwischen lobt Johannes-Wilhelm Rörig, der Beauftragte der Bundesregierung für Missbrauchsfälle, diesen Aufklärungswillen. Umso lauter dröhnt das Schweigen der anderen; vor allem auf die katholische Kirche dürfte eine neue Austrittswelle zurauschen.

An diesem Heiligabend 2018 werden also die Weihnachtschristen auf Institutionen treffen, deren Selbstbild einen tiefen Riss bekommen hat, wie es die evangelische Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs formulierte, die sie sich beharrlich dafür eingesetzt hat, dass auch in der evangelischen Kirche die Gewalt an Körper, Geist und Seele ein Thema wird. Diejenigen, die sich an diesem Tag mal durch die Kirchenportale trauen und dann in schüchterner Distanz hinten zwischen den Säulen stehen bleiben, werden einer Kirche begegnen, die nur begrenzt und beschädigt Ort der Freude und des Trostes sein kann. Das Harmoniebedürfnis der Stille-Nacht-Singer wird einer ratlosen Kirche begegnen, die nicht so bleiben kann, wie sie ist. Und ob sie noch einmal wiederkommen, wird auch davon abhängen, welche Kirche sie an diesem Abend erleben werden.

Am klarsten hat das Heiner Wilmer formuliert, der neue Bischof von Hildesheim, im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger: "Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche", hat er da gesagt. "Wir können das nicht mehr als peripher abtun, sondern müssen radikal umdenken." Man könne nur noch dann von einer "heiligen Kirche" reden, wenn man zugleich bekenne: "Diese Kirche ist auch eine sündige Kirche"; es gebe "Strukturen des Bösen" eben auch in der Gemeinschaft der Gläubigen. Es ist eine radikale Analyse in einer Kirche, die sich immer noch als rein und unfehlbar definiert. Die einzelnen Katholiken mögen Sünder sein, bis hin zum Papst - doch die Kirche als solche ist unfehlbar.

18 Millionen

Ungefähr so viele Menschen besuchen in Deutschland einen Weihnachtsgottesdienst der christlichen Kirchen, wie 2017 eine Umfrage des Instituts INSA ergab. Das ist gut jeder fünfte Deutsche. Männer gehen häufiger als Frauen, Westdeutsche öfter als Ostdeutsche. 30 Prozent der politisch stark Interessierten besuchen einen Weihnachtsgottesdienst - aber nur acht Prozent der politisch Desinteressierten.

Eine Kirche, die weiß, dass sie sündhaft ist, wird anders über die Sünden der Menschen reden

Vielleicht ist das die wichtigste und grundsätzliche Erkenntnis des Krisenjahres 2018: Das Verständnis von der unbefleckten und unbefleckbaren Kirche ist endgültig am Ende, von einer Kirche, die ganz genau weiß, wo es langgeht zum Heil, die alle als irregulär und defizitär ansieht, die sich nicht an die einmal festgeschriebene Sexualmoral halten. Die Wiederkehr des Missbrauchsskandals hat den Verlust an moralischer und geistiger Deutungskraft offenbart, den die Kirchen haben hinnehmen müssen, die katholische vor allem, aber auch die evangelische. In all ihrer finanziellen und organisatorischen Stärke, in all ihrer Bedeutung für den Zusammenhalt der Gesellschaft und für die Kultur des Landes stehen sie angeschlagen da.

Der Verlust kann allerdings auch zur Befreiung führen. Eine Kirche, die weiß, dass sie sündhaft ist und Wunden geschlagen hat, wird anders über die Sünden und Wunden der Menschen reden, auf die sie trifft, als eine, die den frommen Schein wahren muss, koste es, was es wolle. Eine Glaubensgemeinschaft, die akzeptiert, dass ihr Selbstbild eingerissen und beschädigt ist, wird nicht mehr so leicht über die Zerrissenheiten der anderen urteilen.

Die katholische Kirche stehe "vor einer epochalen Herausforderung", hat der Trierer Bischof Stephan Ackermann gesagt, der auch Beauftragter der Bischofskonferenz für Missbrauchsfälle ist, der Missbrauchsskandal sei "eine Zäsur in der Geschichte der Kirche". Man müsse jetzt reden, über Macht und Machtverteilung in der Kirche, über Sexualmoral und den Zölibat. Sein Hildesheimer Kollege Wilmer hat den Skandal mit der Plünderung Roms durch die Westgoten im fünften Jahrhundert verglichen: Auch damals sei das Weltbild der damaligen Theologie zusammengebrochen.

Wenn das so ist, spricht wenig dafür, dass 2019 der Heiligabend für die Kirchen einfach nur still sein wird.

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Missbrauchsskandal
:Gesicht einer hilflosen Kirche

Er muss den Opfern zuhören - und seine Bischofskollegen aufrütteln: Stephan Ackermann, der Bischof von Trier, arbeitet für die katholische Kirche an der Aufarbeitung der Tausenden Missbrauchsfälle.

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