Süddeutsche Zeitung

Katholische Kirche:Das Böse in den eigenen Reihen

  • 18 Millionen Deutsche strömen abends am 24. Dezember in die Gotteshäuser - Tendenz seit einigen Jahren wieder steigend.
  • Sie erleben eine Kirche in Aufruhr. Der Missbrauchsskandal hat die Kirchen mit voller Wucht getroffen.
  • Vor allem, weil sich gezeigt hat, dass die Ursachen dafür im System liegen, im Selbstbild der Kirche. Es ist eine Krise, die an die Existenz geht.

Von Matthias Drobinski

Sie haben sich dieses Jahr etwas Besonderes einfallen lassen im katholischen Bistum Essen: ein Drei-Minuten-Video mit Sicherheitshinweisen für alle, die zu Weihnachten mal wieder in die Kirche kommen, aber nicht mehr so recht wissen, was sie da erwartet. Im Mittelgang einer neogotischen Kirche steht eine Stewardess und sagt: "Die Gottesdienstdauer wurde mit 65 Minuten vorausberechnet." Sie erklärt, dass man in dieser Zeit stehen, sitzen, knien wird und man bei Unsicherheit einfach machen soll, was der Nachbar macht.

Merke: In der Kirche gehört auch die erste Reihe zur Economy Class. Beim Friedensgruß reicht man dem Banknachbarn die Hand. Scherzlein müssen sein: Die Sauerstoffmaske hilft gegen Weihrauchschwaden. Und wenn bei "Stille Nacht, heilige Nacht" Tränen fließen, bitte erst zur eigenen Sicherheit die Schwimmweste anlegen, danach den Nachbarn mit Papiertaschentüchern aushelfen.

Es sind Scherze am Ende eines Krisenjahres: Der Missbrauchsskandal hat die Kirchen mit voller Wucht getroffen. Sie mussten erkennen, dass Pfarrer, Priester, Kirchenmitarbeiter Minderjährigen sexualisierte Gewalt angetan haben, viel häufiger als bislang angenommen. Und es hat sich gezeigt, dass die Ursachen dafür im System liegen, im Selbstbild der Kirche. Es ist eine Krise, die an die Existenz geht.

Zu Weihnachten ist normalerweise für ein paar Tage die Welt der Kirchen in Ordnung, allen Säkularisierungstendenzen zum Trotz. Immerhin 18 Millionen Deutsche strömen abends am 24. Dezember in die Gotteshäuser - Tendenz seit einigen Jahren wieder steigend. Das sind so viele, dass mancherorts (kostenlose) Platzkarten vergeben werden müssen, um des Ansturms Herr zu werden, und es im evangelischen Berliner Dom protestantisch ernste Sicherheitshinweise gibt: Taschen, Rucksäcke, Koffer sind verboten, mit mehr als 100 Metern Schlange ist zu rechnen.

Vielen sind die Riten tatsächlich so fremd geworden, dass sie ein Einführungsvideo bräuchten. Doch wenn in der Kirche das Licht ausgeht und nur noch Kerzen und Baum strahlen, wenn selbst die Pfeifen der Orgel zittrig werden und die Töne aus der Gemeinde aneinanderkleben wie mit Zuckerguss bestrichen, dann braucht das keine Übersetzung und Deutung. Dann kommt: "Holder Knabe im lockigen Haar". 200 Jahre wird das Lied an diesem Heiligabend alt. 1818 war es ein Trostlied für die geschundenen Menschen im Salzburger Land. Es gab Missernten, Napoleons Truppen hatten gewütet, alles lag darnieder. Das sentimentale Lied vom Frieden, der Harmonie und der Rettung bezog seine Kraft aus dem realen Mangel und der unerfüllbaren Sehnsucht. 1914, zum ersten Weihnachtsfest im Ersten Weltkrieg, sangen es die deutschen und britischen Soldaten über die Schützengräben hinweg: Stille Nacht, holy night.

2018 leben die meisten Menschen in Deutschland materiell gesichert und in friedlicher Umgebung, allen Unsicherheiten im Land und auf der Welt zum Trotz. Es sind in diesem Jahr vielmehr die Kirchen, deren Nächte weder still noch heilig sind. Vor allem die katholische Kirche, die größte Institution des Landes, ist in Aufruhr. Im September offenbarte der Bericht eines Forscherkonsortiums das bedrückende Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige im Bereich der katholischen Kirche - und dass die Ursachen der Gewalt und ihrer Vertuschung im System begründet liegen. Im November musste sich dann die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Thema beschäftigen und erkennen: Auch in ihrem Bereich beschränkt sich der Missbrauch nicht auf ein paar schmerzliche Einzelfälle.

Der Weihnachtsfrieden fällt dieses Jahr aus, vor allem für die katholische Kirche. Am 12. Dezember richteten Hunderttausende Frauen aus der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland Taschenlampen auf Kirchentüren; mit der Aktion "Macht Licht an" forderten sie von ihren Bischöfen, endlich konsequent gegen die Gewalt und ihre Vertuschung vorzugehen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, die Vertretung der katholischen Laien, plädierte im November für die Abschaffung des Pflichtzölibats für katholische Priester. Der Skandal ist ganz oben angekommen: Robert Zollitsch, einst Erzbischof von Freiburg und Bischofskonferenzvorsitzender, hat zugegeben, in einem Missbrauchsfall dramatisch falsch gehandelt zu haben - ebenso Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode. Heiner Wilmer, der neue Bischof von Hildesheim, hat das Fehlverhalten seines Vorgängers offengelegt und bestätigt, was bislang strittig war: Sein Vorvorgänger Heinrich Maria Janssen wurde übergriffig. Es dürften nicht die letzten Fälle sein, bei denen offenbar wird, dass hochrangige Würdenträger im Umgang mit dem Thema versagten - oder gar selber sexualisierte Gewalt ausübten.

Erschüttert ist die gesamte Weltkirche. In Chile hat eine komplette Bischofskonferenz eingeräumt, Missbrauch vertuscht zu haben; in Australien steht Kardinal George Pell vor Gericht, des Papstes Finanzchef, weil er Kinder und Jugendliche unsittlich berührt und zum Sex gezwungen haben soll. In seiner Weihnachtsansprache vor der römischen Kurie hat Papst Franziskus von "Stürmen und Hurrikanen" gesprochen, die 2018 die katholische Kirche getroffen hätten. "Nie wieder" dürfte Missbrauch vertuscht werden, die Kirche müsse die Täter konsequent vor Gericht bringen. Der Papst dankte allen, die "den Opfern eine Stimme geben", übte sich aber doch in Relativierungen. Man müsse berechtigte Anschuldigungen von Verleumdungen unterscheiden, zudem sei ja nicht nur die Kirche betroffen. Sollte Pell ins Gefängnis wandern, würde des Papstes Pathos hohl klingen. Er machte den Kardinal 2014 zum führenden Mitarbeiter, obwohl es da schon Vertuschungsvorwürfe gab.

Tiefe Risse im Selbstbild

Vor allem die jüngeren katholischen Bischöfe haben die Dramatik der Lage erkannt. Hildesheims neuer Bischof Heiner Wilmer und sein Würzburger Amtsbruder Franz Jung haben sich der Diskussion mit Betroffenen gestellt. In einigen Bistümern werden nun Personalakten erneut durchforstet und Verdachtsfälle der Staatsanwaltschaft übergeben; inzwischen lobt Johannes-Wilhelm Rörig, der Beauftragte der Bundesregierung für Missbrauchsfälle, diesen Aufklärungswillen. Umso lauter dröhnt das Schweigen der anderen; vor allem auf die katholische Kirche dürfte eine neue Austrittswelle zurauschen.

An diesem Heiligabend 2018 werden also die Weihnachtschristen auf Institutionen treffen, deren Selbstbild einen tiefen Riss bekommen hat, wie es die evangelische Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs formulierte, die sie sich beharrlich dafür eingesetzt hat, dass auch in der evangelischen Kirche die Gewalt an Körper, Geist und Seele ein Thema wird. Diejenigen, die sich an diesem Tag mal durch die Kirchenportale trauen und dann in schüchterner Distanz hinten zwischen den Säulen stehen bleiben, werden einer Kirche begegnen, die nur begrenzt und beschädigt Ort der Freude und des Trostes sein kann. Das Harmoniebedürfnis der Stille-Nacht-Singer wird einer ratlosen Kirche begegnen, die nicht so bleiben kann, wie sie ist. Und ob sie noch einmal wiederkommen, wird auch davon abhängen, welche Kirche sie an diesem Abend erleben werden.

Am klarsten hat das Heiner Wilmer formuliert, der neue Bischof von Hildesheim, im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger: "Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche", hat er da gesagt. "Wir können das nicht mehr als peripher abtun, sondern müssen radikal umdenken." Man könne nur noch dann von einer "heiligen Kirche" reden, wenn man zugleich bekenne: "Diese Kirche ist auch eine sündige Kirche"; es gebe "Strukturen des Bösen" eben auch in der Gemeinschaft der Gläubigen. Es ist eine radikale Analyse in einer Kirche, die sich immer noch als rein und unfehlbar definiert. Die einzelnen Katholiken mögen Sünder sein, bis hin zum Papst - doch die Kirche als solche ist unfehlbar.

18 Millionen

Ungefähr so viele Menschen besuchen in Deutschland einen Weihnachtsgottesdienst der christlichen Kirchen, wie 2017 eine Umfrage des Instituts INSA ergab. Das ist gut jeder fünfte Deutsche. Männer gehen häufiger als Frauen, Westdeutsche öfter als Ostdeutsche. 30 Prozent der politisch stark Interessierten besuchen einen Weihnachtsgottesdienst - aber nur acht Prozent der politisch Desinteressierten.

Eine Kirche, die weiß, dass sie sündhaft ist, wird anders über die Sünden der Menschen reden

Vielleicht ist das die wichtigste und grundsätzliche Erkenntnis des Krisenjahres 2018: Das Verständnis von der unbefleckten und unbefleckbaren Kirche ist endgültig am Ende, von einer Kirche, die ganz genau weiß, wo es langgeht zum Heil, die alle als irregulär und defizitär ansieht, die sich nicht an die einmal festgeschriebene Sexualmoral halten. Die Wiederkehr des Missbrauchsskandals hat den Verlust an moralischer und geistiger Deutungskraft offenbart, den die Kirchen haben hinnehmen müssen, die katholische vor allem, aber auch die evangelische. In all ihrer finanziellen und organisatorischen Stärke, in all ihrer Bedeutung für den Zusammenhalt der Gesellschaft und für die Kultur des Landes stehen sie angeschlagen da.

Der Verlust kann allerdings auch zur Befreiung führen. Eine Kirche, die weiß, dass sie sündhaft ist und Wunden geschlagen hat, wird anders über die Sünden und Wunden der Menschen reden, auf die sie trifft, als eine, die den frommen Schein wahren muss, koste es, was es wolle. Eine Glaubensgemeinschaft, die akzeptiert, dass ihr Selbstbild eingerissen und beschädigt ist, wird nicht mehr so leicht über die Zerrissenheiten der anderen urteilen.

Die katholische Kirche stehe "vor einer epochalen Herausforderung", hat der Trierer Bischof Stephan Ackermann gesagt, der auch Beauftragter der Bischofskonferenz für Missbrauchsfälle ist, der Missbrauchsskandal sei "eine Zäsur in der Geschichte der Kirche". Man müsse jetzt reden, über Macht und Machtverteilung in der Kirche, über Sexualmoral und den Zölibat. Sein Hildesheimer Kollege Wilmer hat den Skandal mit der Plünderung Roms durch die Westgoten im fünften Jahrhundert verglichen: Auch damals sei das Weltbild der damaligen Theologie zusammengebrochen.

Wenn das so ist, spricht wenig dafür, dass 2019 der Heiligabend für die Kirchen einfach nur still sein wird.

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Quelle:
SZ vom 22.12.2018/olkl/jana
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