200 Jahre "Stille Nacht" "Die Melodie hat sofort eingeschlagen"

Gegenstand jahrelanger Forschung: Das Lied "Stille Nacht"

(Foto: dpa)

Seit 200 Jahren ist "Stille Nacht" das Lied, das an Heiligabend gesungen wird - und Millionen Menschen rührt. Musikwissenschaftler Thomas Hochradner erklärt, wie es so erfolgreich werden konnte.

Interview von Jakob Maurer

1818 vertonte der Musiker Franz Xaver Gruber ein Gedicht des Hilfspfarrers Joseph Mohr. Zur Christmette in Oberndorf bei Salzburg sollen die beiden es noch am selben Tag zum ersten Mal vorgetragen haben. Thomas Hochradner, Professor für Musikwissenschaft am Salzburger Mozarteum, forscht seit vielen Jahren zu "Stille Nacht". Zuletzt konzipierte er eine Jubiläumsausstellung im Salzburg Museum. Im Interview erklärt er, wie es ein Lied aus der österreichischen Provinz zum Welterfolg bringen konnte.

SZ: Herr Hochradner, an Heiligabend singen Menschen auf der ganzen Welt das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht" Was hat aus ihm so einen universellen Erfolg gemacht?

Thomas Hochradner: Sehr wichtig ist ein zentraler Unterschied zum herkömmlichen Popsong: Während der zumeist auf Englisch die Menschen global erreicht, schafft "Stille Nacht" das in der jeweiligen Landessprache. Das macht die besondere Strahlkraft des Liedes aus. Eine große Rolle spielte bei der Verbreitung natürlich die Kirche. Zwar sahen Katholiken das Lied lange als zu niedlich für Weihnachten an und vermissten die Glaubensbotschaft. Aber ab Ende des 19. Jahrhunderts stand "Stille Nacht" in den Gesangsbüchern und setzte sich im Gottesdienst durch.

Das Lied ist aber nicht nur kirchlich gesehen ein Erfolg, auch die Popkultur hat es immer wieder aufgegriffen. Der US-Sänger Bing Crosby etwa hat seine Version "Silent Night" 30 Millionen Mal verkauft.

Ob bei der Wachswalze, der Schellack-Platte oder späteren Tonträgern: Das Lied war eigentlich immer unter den ersten Aufnahmen. Auch als das Fernsehen aufkam, war in den ersten Weihnachtssendungen "Stille Nacht" vertreten. Dasselbe gilt für den Film: Bereits 1910 wurde ein Stummfilm über die Entstehung des Liedes gedreht. "Stille Nacht" und technische Neuerungen - das ist ein sehr enges Verhältnis. Eben weil das Lied so beliebt war.

Was macht das Lied musikalisch gesehen zu so einem Erfolg?

Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Franz Xaver Gruber war 1818 schon eine ganze Weile als ausgebildeter Musiklehrer und Kirchenmusiker tätig und griff beim Komponieren auf einen Fundus von Traditionen zurück. Er vertonte das Gedicht von Jospeh Mohr in D-Dur und in einem 6/8-Takt, dem sogenannten Siciliano-Motiv. 1818 bedeutete das vor allem Konvention: Das Siciliano-Motiv tauchte in der weihnachtlichen Pastoralmusik schon seit dem Barock immer wieder auf.

Welchen Effekt hat das?

Wenn "Stille Nacht" in D-Dur gespielt wird, hat es für den Tenor zunächst den unangenehmen Effekt, dass es relativ hoch wird - es braucht also einen guten Sänger. Interessant ist außerdem, dass das Siciliano-Motiv etwas Wiegendes hat. Im Stile eines Wiegenliedes passt "Stille Nacht" deswegen perfekt zum weihnachtlichen Geschehen der Geburt Jesu - das Krippenbild wird gewissermaßen musikalisiert.

Weihnachten

Sieben Wege durch die Stille Nacht

Wieso ist "Stille Nacht" so besonders eingängig?

Im Lied werden in nicht einmal zwanzig Takten melodische und rhythmische Motive mehrfach wiederholt. Durch diese innere Geschlossenheit berührt "Stille Nacht" den Menschen besonders stark und erzeugt Wohlbefinden. Dieser Effekt war durchaus beabsichtigt: Immerhin ist das Lied in Salzburg zu einer Zeit entstanden, in der nach den Napoleonischen Kriegen Notstand herrschte. Die Region war politisch zerzaust und wirtschaftlich abgetragen. Für die Leute muss damals ein gewisser Erlösungsmodus ganz oben auf der Wunschliste an das Christkindl gestanden haben. Die Melodie hat sofort eingeschlagen. Wir haben Belege dafür, dass der Text lange ohne Melodie überliefert wurde. Es war schlichtweg nicht nötig - die Menschen hatten sie schon verinnerlicht.

Auch 200 Jahre später ist "Stille Nacht" für viele der Inbegriff des Weihnachtsfests, für andere jedoch purer Kitsch. Warum polarisiert das Lied?

Das hängt mit den jeweiligen Umständen zusammen, in denen einem das Lied begegnet. Wenn man es in der Kirche zum Weihnachtsfest singt, bewahrt es seinen Charakter in der Ursprünglichkeit. Menschen verbinden Weihnachten familiär und religiös mit bestimmten Glücksmomenten und zu dieser Konstruktion von Weihnachten gehört auch "Stille Nacht". Wenn man aber im Kaufrausch mit "Stille Nacht" dazu eingeladen wird, Produkte zu kaufen, die wirklich kitschig sind, dann überträgt sich das auf das Lied. In Salzburg gibt es zum Jubiläum mehr als 600 Veranstaltungen. Alle bemühen sich, Kitsch, Kommerz und Kaufrausch fernzuhalten. Und trotzdem ist es so eine Reizüberflutung, dass man sich fragt: Wird das Lied das aushalten? Aber das Lied hat schon so viel durchgestanden, grausigste Umdichtungen des Nationalsozialismus zum Beispiel. Da denke ich, es wird auch diese - man kann fast sagen: Attacke - überstehen.

Können Sie das Lied denn noch hören?

Absolut, ja! Als Forscher interessiert mich, was mit dem Lied geschieht. Wie wird es instrumentalisiert? Wie wird es aufgeführt und in welche Kontexte wird es eingebunden? Für mich gilt es gerade jetzt zum Jubiläum, Augen und Ohren aufzumachen und wachsam zu sein.

Werden Sie "Stille Nacht" an Heiligabend mitsingen?

Ganz bestimmt.