Kanada:Zahlen nach Malen

Kanada: Was Pablo Picasso über Jahrzehnte versuchte, daran scheitern die allermeisten Künstler: zu malen wie ein Kind.

Was Pablo Picasso über Jahrzehnte versuchte, daran scheitern die allermeisten Künstler: zu malen wie ein Kind.

(Foto: Catherina Hess/SZ Photo)

Ein Lehrer verkauft die im Kunstunterricht angefertigten Malereien seiner Schüler, ohne dass die Kinder davon wissen. Unverschämtheit? Oder grandioses Lehrstück?

Von Jasper Bennink

Schon Künstler wie Pablo Picasso haben erkannt, welche Faszination die Krakelei ausüben kann. Dem künstlerischen Wirken kleiner Kinder wird eine Kreativität und Unbefangenheit nachgesagt, die erwachsene Künstler kaum je erreichen. Picasso verleitete das in den 1940er-Jahren sogar zur Aussage, es habe ein Leben lang gedauert, bis er wie ein Kind malen konnte.

Was Pablo Picasso über Jahrzehnte versuchte, daran scheitern allerdings die allermeisten Künstler. Dass das zumindest für das eigene Geschäft aber nicht hinderlich sein muss, zeigt nun ein Kunstlehrer aus Kanada. Denn statt selbst zu lernen, kindgerecht zu krakeln, nutzte er offenbar einfach die Werke seiner Schülerinnen und Schüler und verkaufte sie auf seiner eigenen Website. Die betroffenen Kinder wussten davon nichts. Jedenfalls unterstellen ihm das die Eltern.

Hat er das finanzielle Potenzial unterschätzt?

Wie der Guardian berichtet, entdeckten Schüler der Montreal Westwood Junior High School fast 100 Kunstwerke aus dem Unterricht in seinem Onlineshop, er hatte die Entwürfe teilweise auch auf Kaffeetassen, Handyhüllen und Kleidung verewigt. Die Motive: auf Notenpapier gemalte, bunte Vögel oder Hunde. Oder monsterähnliche Gestalten mit farbigen, verformten Köpfen oder Gesichtern ohne Augen. Letztere tragen alle den gleichen Titel: "Creepy Portrait", also grusliges Porträt. Zudem sind sie mit Vornamen versehen, die womöglich auf die eigentlichen Urheber der Werke schließen lassen. Henry, Ellie, Charlotte.

Um die 150 Dollar soll der Kanadier für die Stücke verlangt haben, was natürlich zweierlei Fragen aufwirft. Erstens: Warum ist Picasso nicht schon auf diese Idee gekommen? Und zweitens: Hat der Lehrer das finanzielle Potenzial kindlicher Kunst fahrlässig unterschätzt? Immerhin haben Hollywood-Größen wie Sofia Vergara oder Channing Tatum erst kürzlich Zehntausende Dollar für die kunterbunt-kubistischen Malereien eines 10-Jährigen gezahlt. Eine Zweijährige hat es mit ihren "echten und simplen" Krakeleien sogar zu einer eigenen Ausstellung in New York City gebracht.

In Kanada herrscht nun aber allergrößte Empörung über das Gebaren des findigen Kleinkunstganoven. Die Schulbehörde beteuert, den Fall zu untersuchen. Und die Internetseite, die unter dem Titel "Student Work" durchaus prominent für die Werke der Kinder warb, ist inzwischen schon wieder gelöscht. Der Vater eines 13-jährigen Schülers fasste die einhellige Meinung knapp zusammen und nannte die Aktion des Lehrers auf der Kurznachrichtenplattform X "vollkommen verrückt".

Andererseits steckt in jener Aktion aber vielleicht auch einfach nur ein ehrliches Eingeständnis der eigenen Limitation. Den in Kunstnörglerkreisen sehr beliebten Satz "Das hätte ich auch gekonnt!" hat er jedenfalls grandios entlarvt. Malen wie ein Kind, das ist eben doch nicht so leicht. Picasso wusste das, der Lehrer auch. Vielleicht hat er seinen Schülern also nicht nur etwas über den gierigen Kunstmarkt beigebracht. Sondern auch ein bisschen was über die Faszination der Krakelei.

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