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Pflanzenschmuggel:Kleiner grüner Kaktus gesucht

Gärtnerei Breitmoser in Feldmoching, 2010

Kakteen haben vor allem einen Feind: Hipster.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Schmuggler räumen auf der Suche nach seltenen Kakteen ganze Wüsten leer. Nun sollen mehrere Hundert in Italien beschlagnahmte Pflanzen in ihrer Heimat Chile wieder eingepflanzt werden.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Im Februar 2020 durchsuchten italienische Polizisten das Haus eines Kakteensammlers in der Nähe von Ancona. Die Beamten hatten zuvor einen Tipp bekommen, dazu war der Mann ein paar Jahre zuvor schon einmal wegen des Schmuggels seltener Kakteenarten festgenommen worden. Kurz: Die Polizisten gingen davon aus, fündig zu werden - nicht aber in diesem Ausmaß.

In einer Art improvisiertem Gewächshaus fanden sie mehr als 1000 Kakteen, kleine, große, dicke, dünne. Manche der Pflanzen sind vermutlich um die 100 Jahre alt, und insgesamt könnten sie mehr als eine Million Euro wert sein. Ein riesiger Erfolg also, der Sammler wurde festgenommen, am Ende blieb nur eine Frage: Was tun mit all den Kakteen?

Mindestens 1800 Arten gibt es weltweit, die allermeisten davon in Nord- und Südamerika. Kakteen haben sich an die widrigsten Umgebungen angepasst, sie können Hitze und Kälte trotzen, Wochen und Monate ohne Wasser auskommen, und ihre Dornen schützen vor gefräßigen Tieren. In ihrer Jahrmillionen dauernden Evolution haben sich Kakteen also ganz gut vorbereitet auf die Gefahren der Welt. Mit einem allerdings haben sie nicht gerechnet: mit Hipstern.

Vor rund 15 Jahren begannen Designmagazine damit, in Fotostrecken wieder vermehrt Sukkulenten auf Fensterbretter oder Regale zu drapieren. Bald standen kleine Töpfchen mit wasserspeichernden Pflanzen in angesagten Cafés, kurz darauf auch in Supermarktregalen, und heute gibt es kaum eine Studentenbude ohne Kaktus. Der Markt boomt, in den USA, Europa, aber auch in China und Korea. Die erzwungene Häuslichkeit während der Pandemie hat die Nachfrage noch einmal befeuert.

Züchter können die hohe Nachfrage kaum bedienen

Kakteen brauchen manchmal ein ganzes Leben, um auch nur die Größe eines Tischtennisballs zu erreichen. Das ist viel zu langsam für ein Trendprodukt. Züchter kommen kaum hinterher, Händler kaufen halbe Gewächshäuser auf, und längst gibt es auch kriminelle Kakteenliebhaber, die auf der Suche nach Nachschub ganze Wüsten und Steppen leerräumen, in Kalifornien oder Arizona genauso wie in Argentinien, Mexiko oder eben Chile.

Hier gibt es eine ganze Reihe seltener Arten, darunter auch einige der Gattung Copiapoa, kugelig-rund, leicht behaart und stark vom Aussterben bedroht. Ausgerechnet von diesen Pflanzen fanden die Polizisten in Italien nun gleich Hunderte geraubte Exemplare, ausgebuddelt im Norden Chiles und bestimmt für Kunden in Asien.

Nach ihrer Beschlagnahmung wurden die Pflänzchen zunächst in einen botanischen Garten in der Nähe gebracht. Dort aber gab es weder genug Platz noch die richtigen Konditionen für die Kakteen, und so entschied man sich für ein Experiment: Von den überlebenden Kakteen verbleiben ein paar in Italien, der Großteil aber, insgesamt 844 Pflanzen, wurde in die Heimat zurückgeschickt. Aktuell befinden sich die Kakteen in Quarantäne, bevor sie in ihrem ursprünglichen Lebensraum wieder eingepflanzt werden sollen.

"Das ist ein starkes Signal", sagte die Agrarministerin von Chile, María Emilia Undurraga, und dass man alles dafür tue, um das natürliche Erbe des Landes und seine Arten zu schützen. Wie schwer das allerdings ist, zeigt schon der Fall des Schmugglers aus Italien. Er hatte die bei ihm gefundenen Kakteen wohl fast ungestört in einem weitläufigen Nationalpark ausgraben können. Danach verschickte er die Pflanzen einfach per Post. Selbst wenn die Pakete Wochen brauchten, bis sie in Europa ankamen, war das kein Problem. Dank ihrer Genügsamkeit überlebten die meisten Kakteen die lange Reise. Und selbst wenn nicht: Nachschub gab es genug. Mehr als ein halbes Dutzend Mal war der Schmuggler in den vergangenen Jahren nach Chile gereist.

© SZ/feko
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