Zimmerpflanzen Die fatale Kaktus-Liebe der Hipster

Regenbogen-Kakteen in einer Gärtnerei in der Südpfalz. Hipster lieben sie. Deshalb steigen die Preise.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)
  • Kakteen und Sukkulenten sind seit einigen Jahren weltweit als Deko beliebt.
  • Gärtnereien können die Nachfrage kaum bedienen. Auf dem Schwarzmarkt werden deshalb mitunter Hunderte bis Tausende Dollar gezahlt.
  • Diebe buddeln die Pflanzen illegal aus. Für die Ökosysteme vor Ort ist das meist eine Katastrophe und für Biologen ein herber Verlust.
Von Christoph Gurk

Als 2018 eine Frau bei der kalifornischen Behörde für Natur und Fischerei anrief, um eine auffällige Person zu melden, dachten alle, es geht um einen ganz normalen Fall von Wilderei. Die anonyme Zeugin hatte in einem Postamt einen Mann beobachtet, der mehrere große Pakete nach China und Korea verschicken wollte. Weil aus den Kartons Erde bröselte, wurde die Frau misstrauisch. Gefragt, was er denn da verschicken wolle, antwortete der Mann: "Psst, etwas sehr Wertvolles." Und als die Frau dann wissen wollte, woher der Inhalt denn stamme, deutete der Mann nur in Richtung Meer. Die Behördenmitarbeiter ließen daraufhin die verdächtigen Pakete durchleuchten, insgesamt 60 Stück. Zum Vorschein kamen aber keine seltenen Tiere oder geschützte Muscheln, sondern Hunderte Exemplare der Dudleya farinosa, einer kleinen Sukkulentenart mit spitzen Blättern, heimisch an den Küsten Nordkaliforniens und überaus beliebt bei trendbewussten Kunden in Asien.

Mittlerweile ist klar: Der Sukkulenten-Schmuggler war kein Einzelfall. Ein halbes Dutzend weiterer Festnahmen gab es im vergangenen Jahr allein in Nordkalifornien. Und längst sind es auch nicht nur Dudleyas, die geklaut werden: Überall in den USA fischen Zollbehörden die unterschiedlichsten Sukkulenten- und Kakteenarten aus Koffern, Kisten und Kellern, teils streng geschützt, allesamt aber illegal ausgebuddelt an den Küsten Kaliforniens oder in den trockenen Nationalparks von Arizona oder New Mexiko. Es sind Glücksgriffe, denn in den allermeisten Fällen finden die Behörden weder die Pflanzen noch die Diebe. Stattdessen blicken sie auf ganze Hügelketten, in denen nur noch kleine Löcher in der Erde davon künden, dass hier mal stolze Kakteen oder seltene Sukkulenten wuchsen, echte Prachtexemplare, für die man auf dem Schwarzmarkt Hunderte oder sogar Tausende Dollar bekommt.

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Dass ausgerechnet wüstenbeheimatete Stachler zur Beute von illegalen Pflanzenjägern werden, hängt zusammen mit einem Trend, der vor etwa zehn Jahren erst die Design-Magazine, dann die Social-Media-Portale und schließlich die ganz breite Masse erfasst hat. Egal ob Brooklyn oder Berlin, keine Hipster-Wohnung und kein trendiges Café kommt heute ohne Kakteen und Sukkulenten aus. Allein in den USA ist der Verkauf zwischen 2012 und 2017 um 64 Prozent gestiegen, in Korea spricht man schon von einer Sukkulenten-Sucht. Längst gibt es die Pflanzen auch aus Plastik, Keramik oder Wolle. Es gibt Kaktusvasen und -tassen, es gibt sie auf Tabletts und T-Shirts gedruckt, Cartier hat eine eigene Kaktus-Kollektion herausgebracht, sogar Kondome gibt es in Kaktusform. Die Liebe kennt also keine Grenzen, das Angebot allerdings schon.

Die Räuber sind schwer zu fassen

Züchter und Gärtnereien können beim Boom kaum noch mithalten, schließlich brauchen manche Arten Jahre oder gar Jahrzehnte, um nur die Größe eines Tischtennisballs zu erreichen. So viel Zeit und Geduld haben moderne Großstädter nicht, sie wollen die lebendige Fensterbrettdeko sofort. Und so kommt es, dass der Bedarf an Kakteen und Sukkulenten immer öfter auf illegale Weise gedeckt wird. Manchmal sind es nur Fans, die sich ein paar illegal ausgebuddelte Souvenirs aus ihrem USA-Urlaub mitbringen, oft sind es aber auch professionelle Diebe, die gleich Hunderte oder Tausende Pflanzen entwurzeln und dann über das Internet in die ganze Welt verkaufen.

Für die Ökosysteme vor Ort ist das meist eine Katastrophe und für Biologen ein herber Verlust. Vor allem seltene Kakteen und Sukkulenten sind begehrt, und so kann es sein, dass die Forscher an einem Tag noch Pflanzen vermessen, die am nächsten Tag schon spurlos verschwunden sind. Einige Aktivisten versuchen nun, durch gezielte Züchtung den Schwarzmarkt zu zerstören, anderswo markieren Parkwächter die besonders wertvollen Kakteen in ihren Nationalparks mit kleinen Chips. So können sie im Zweifelsfalle nachweisen, dass eine Pflanze, die vielleicht sauber eingetopft im Schaufenster eines Ladens in London oder Barcelona steht, eigentlich in die karge Erde Arizonas gehört.

Letztendlich aber ist auch das nicht mehr als ein Akt der Verzweiflung. Zu groß und einsam sind die Naturschutzgebiete, in denen die Kakteen und Sukkulenten zu Hause sind, zu hoch ist die Nachfrage und zu verlockend der Gewinn, den Diebe mit ihrer stacheligen Beute machen. Und so bleibt am Ende nur eine Hoffnung: Dass der Trend so schnell wieder vorbeigeht, wie er gekommen ist. Umgerechnet auf das lange Leben vieler Kakteen wäre das kaum mehr als ein Augenblick.

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