Stromsparen in Japan:"Alles ein bisschen runtergedimmt"

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Stromsparen in Japan: Schon frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit müssen sich die Menschen in Tokio den Schweiß von der Stirn wischen - so heiß ist es.

Schon frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit müssen sich die Menschen in Tokio den Schweiß von der Stirn wischen - so heiß ist es.

(Foto: Issei Kato/Reuters)

Nach der Fukushima-Katastrophe haben sich die Japaner beim Stromsparen bereits bewährt. In diesem Rekordsommer samt Ukraine-Krieg sollen sie sich wieder einschränken - aber bloß nicht bei den Klimaanlagen.

Von Thomas Hahn, Tokio

Der Regen am Morgen hat wenig gebracht, zumindest keine echte Abkühlung für Nishitokyo, eine 200 000-Einwohnerstadt in der Metropolregion Tokio. Dampfige Luft steht in den Straßen. Es ist noch nicht zehn an diesem Montag, aber schon so schwül, dass man sich auf dem Weg zur Arbeit den Schweiß von der Stirn wischen muss. Vor der Pachinko-Halle am Bahnhof warten die ersten Leute, die sich an den Glücksspielautomaten ein paar Yen dazuverdienen wollen. Als der Laden öffnet, hasten sie erleichtert hinein. Drinnen ist es kühl. Und ins Gedudel der Automaten hinein sagt ein Mitarbeiter der Spielhalle, dass man sich am hitzebedingten Stromspar-Gebot der japanischen Regierung beteilige: Die Leuchtreklamen an der Fassade des Geschäfts seien ausgeschaltet.

In Japan hat ein harter Sommer begonnen. Er hat schon mehrere Rekorde gebracht, zum Beispiel den heißesten je im Inselstaat gemessenen Juni-Tag: am 25. in Isesaki, Präfektur Gunma, mit 40,2 Grad. Oder am Sonntag in Tokio die längste Serie von Tagen über 35 Grad (neun). Und der Taifun, der am Dienstag die Hauptstadt zwar kurzzeitig etwas abkühlte, hatte zuvor dem Westen der südlichen Hauptinsel Kyushu Rekordregenfälle gebracht.

Viel trinken, Anstrengungen im Freien vermeiden

Klimawandel-Realitäten. Vor allem die Hitze beschäftigt die Menschen. Es gelten die üblichen Empfehlungen zur Vorbeugung von Hitzekrankheiten: viel trinken, ältere Leute sollen körperliche Anstrengung im Freien vermeiden. Medizin-Experten und Verwaltungen versuchen der Bevölkerung klarzumachen, dass sie draußen bei genügend Abstand zu anderen keine Corona-Maske mehr tragen muss. Immer mehr Leute folgen. Aber die Mehrheit noch nicht.

Und das Stromsparen ist ein Gebot des Ausnahmesommers.

Nach den ersten Hitzerekorden befürchtete das Energie-Unternehmen Tepco eine Stromkrise wegen des hohen Bedarfs an Klimaanlagen. Dazu kam es dann nicht. Aber das Risiko bleibt. Die meisten Häuser sind schlecht isoliert, ohne künstliche Kühlung wird die Schwüle schnell unangenehm. Und durch den Krieg in der Ukraine werden fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung auch für Japan knapper.

Stromsparen in Japan: In Japan ist die Bevölkerung zum Stromsparen aufgerufen.

In Japan ist die Bevölkerung zum Stromsparen aufgerufen.

(Foto: Philip Fong/AFP)

Deshalb steht jetzt auf der Website der Behörde für natürliche Ressourcen und Energie: "Bürger und Unternehmen sind aufgefordert, beim Stromsparen mitzuwirken, soweit dies das tägliche Leben und die wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen nicht beeinträchtigt." Seit 1. Juli und bis 30. September gilt die Aufforderung. Wie man Strom spart, können alle selbst entscheiden. Auf Klimaanlagen zu verzichten, wird ausdrücklich nicht empfohlen. Die Behörde warnt sogar davor. Erst vergangene Woche starb in Osaka ein zweijähriges Mädchen an Überhitzung. Die Adoptiveltern wurden festgenommen, weil sie es elf Stunden lang allein ohne Essen und Trinken in seinem Laufstall gelassen hatten. Als die Polizei die Klimaanlage überprüfte, lief sie tatsächlich - auf 28 Grad.

Japan hat Erfahrung mit dem Stromsparen. Nach dem Großen Ost-Japan-Erdbeben, in dessen Folge ein Tsunami die dreifache Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi auslöste, schaltete der Inselstaat zunächst alle Atomkraftwerke ab. Stromsparen war eine der wichtigsten Methoden, den Verlust wettzumachen. Klimaanlagen waren damals ein Ansatzpunkt. In Tokios Messe Big Sight waren zum Beispiel die Hallen wärmer als vorher. 2016 fand die Regierung den Aufruf nicht mehr nötig. Es wurde wieder lichter und kühler in Japans energiehungriger Konsumwelt.

LED-Bildschirm und Klimaanlage laufen wie immer

Und jetzt? In Elektrogeschäften laufen weniger Fernseher. Manche Leuchtreklame geht früher aus. Wieder verzichten Einkaufzentren und Supermärkte in manchen Ecken auf Kühle. Und in einem Konbini, einem 24-Stunden-Supermarkt, in Nerima sagt der nachtdiensthabende Verkäufer Nagatomo, der nur seinen Nachnamen verraten will: Im Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter lasse man es jetzt wärmer. "Das war aber nicht Order von oben, das haben wir selbst entschieden." Ansonsten läuft über der Theke auf breiten LED-Schirmen Werbung in Dauerschleife. Im Laden ist es hell und kühl wie immer. Wo wird hier Strom gespart? Nagatomo zeigt auf das Zigaretten-Regal. "Das ist normalerweise beleuchtet." Auch im Kühlregal für die Sandwiches ist das Licht aus. "Alles ein bisschen runtergedimmt", sagt Nagatomo.

Aber wirklich nur ein bisschen. Echte Einschränkungen gibt es nicht. In manchen Supermärkten ist es weiterhin nicht nur kühl, sondern kalt. Und in der Pachinko-Halle blinkt und dröhnt es wie immer. Gut zu wissen, dass Japan noch Potenzial beim Stromsparen hat. Denn die heißeste Zeit des Jahres beginnt ja normalerweise erst Mitte Juli.

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