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Japan:Das Fabelwesen, das Corona vertreiben soll

Diese Zeichnung aus dem Jahr 1846 zeigt das mythische Fabelwesen Amabie schwimmend auf dem Meer.

(Foto: HANDOUT/AFP)

In Japan genießt ein mythisches Mensch-Tier-Wesen Popularität, das plötzlich ein Mutmacher in der Corona-Pandemie geworden ist. Was hat es damit auf sich?

Von Thomas Hahn, Tokio

Die Schafe müssen auch mitmachen im Kampf gegen die Pandemie. Zumindest die Schafe des japanischen Show-Bauernhofs Mother Farm. Dieser hat am Wochenende auf seinem grünen Gelände am Berg Kanozan in der Präfektur Chiba sein Festival "Sommernachtsbauernhof" abgehalten. Die Hygienevorschriften wurden dabei sicher so akkurat eingehalten, wie es sich gehört für einen Veranstalter, der viele Menschen auf einmal begeistern will. Aber als zusätzliche Maßnahme gegen die Covid-19-Verbreitung gab es den Service mit den Schafen: Im Rahmen ihrer Festival-Darbietungen stellte sich die Herde aus 250 Tieren so auf, dass sie die Konturen des japanischen Fabelwesens Amabie abbildete.

Und Amabie hilft gegen das Coronavirus, das zumindest sagt die Legende.

Die Schaf-Formation vom Berg Kanozan ist ein weiteres Zeichen dafür, dass derzeit Bedarf an guten Geistern herrscht. Amabie hat im Zuge der Pandemie jedenfalls Karriere gemacht von einer Randfigur des japanischen Volksglaubens zum Zeitgeistphänomen. Das Coronavirus macht den Menschen Angst. Alle spüren die Ohnmacht. Alle haben Sehnsucht nach einer Lösung für das Problem, nach einem Zauber oder zumindest einer günstigen Prophezeiung. Und die Japaner lieben ohnehin die sogenannten Yokai, die fantastischen Figuren aus ihrer reichen Mythenwelt. So fanden sie Amabie und machten es zum Maskottchen der Pandemie.

Der Legende nach erschien Amabie zum ersten Mal im April 1846. Ein Regierungsbeamter soll damals im Meer vor der damaligen Provinz Higo, die heute auf dem Gebiet der Präfektur Kumamoto liegt, einem grünen Licht nachgegangen sein. Amabie erschien und sagte: "Es wird in den nächsten sechs Jahren eine gute Ernte geben, aber dafür wird es auch eine Epidemie geben. Also zeichne mich und zeige den Menschen mein Bild."

Weltweites Phänomen

So zumindest steht es auf einem Holzdruck aus jener Zeit, der in der Universitätsbibliothek von Kyoto aufbewahrt ist. Der Autor des Drucks hat Amabie tatsächlich gezeichnet. Demnach hat das Wesen Haare, die bis zum Boden reichen, einen Schnabel, Schuppen, drei Schwanzflossen.

Und genau diese geschlechtslose Fisch-Vogel-Mensch-Kreuzung ist seit März ein wiederkehrendes Motiv im öffentlichen Raum. In der Werbung, auf Ankündigungsplakaten, in Comics. Das Gesundheitsministerium schmückte eine Anti-Coronavirus-Kampagne mit einer Amabie-Zeichnung. Es gibt Amabie-Gebäck, Amabie-Pudding, Amabie-Sake, Masken mit Amabie-Motiv, Feuerwerk mit bunten Amabie-Konturen am Nachthimmel.

Längst ist das Phänomen über Japan hinausgewachsen. Über soziale Medien teilen Menschen auf der ganzen Welt Amabie-Zeichnungen. Glaubt die Generation Coronavirus in ihrer Verzweiflung mittlerweile mehr an japanische Fabeln als an medizinische Abhilfe?

Bestimmt nicht, sagt Masanobu Kagawa vom Historischen Museum der Präfektur Hyogo in Himeji. Wegen seines umfassenden Wissens über Japans Fabelwesen gilt Kagawa als "Doktor der Yokai". In der Zeitung Asahi Shimbun hat er zum Amabie-Hype gesagt: "Ich glaube, das ist mehr Spiel als Exorzismus oder Glaube."

Aber Amabie ist jetzt im Kopf der Menschen, und da wird das Wesen erst mal bleiben. Als Trost. Als Hoffnung. Als angenehme Ablenkung. Die Schaf-Choreografie am Berg Kanozan haben die Betrachter jedenfalls mit Applaus bedacht, berichtet die Zeitung Mainichi. Bauernhof-Mitarbeiter brachten die Tiere mit geschickt platzierten Futterstellen in die richtige Position. Und dann erschien Amabie auf der Weide. Als freundliches Zeichen in unsicheren Zeiten.

© SZ/moge
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