Italien:Das Land, wo die Balkone blühen

Lesezeit: 3 min

Italien: Zum Küssen, zum Verbreiten politischer Botschaften oder einfach nur, um sich die Umgebung noch hübscher zu machen: Auf italienischen Balkonen herrscht meist viel Farbe.

Zum Küssen, zum Verbreiten politischer Botschaften oder einfach nur, um sich die Umgebung noch hübscher zu machen: Auf italienischen Balkonen herrscht meist viel Farbe.

(Foto: imago/imagebroker)

In Italien dürfen jetzt Balkone ohne Genehmigung mit Fenstern verglast werden. Ausgerechnet da, wo sonst geküsst, geklatscht, gesungen und gesegnet wird, wird sich künftig eingeigelt. Über die Bedeutung der italienischen Brüstung.

Von Martin Zips

Italien und seine Balkone, das hat das Zeug zum Mythos: Schon in Pompeji gab es den "balcone", den aus dem Haus ragenden Balken, über den man hinaustreten konnte. Zum Beispiel, um sich zu küssen, wie Katharine Hepburn und Rossano Brazzi in David Leans Film "Traum meines Lebens" im Angesicht eines Feuerwerks über Venedig. Viele Jahre später dann hingen von Millionen italienischer Balkone Regenbogenfahnen herab, mit denen man während des Irakkriegs für "Pace" in aller Welt eintrat. Und man applaudierte von hier aus auch den Helden der Pandemie und sang sich gegenseitig Mut zu.

Italien: Im Lockdown im März 2020 wurde auf italienischen Balkonen viel gesungen und geklatscht.

Im Lockdown im März 2020 wurde auf italienischen Balkonen viel gesungen und geklatscht.

(Foto: Valeria Ferraro/Imago Images/Zuma Wire)

Außerhalb des großen Lebenstheaters aber, im italienischen Alltag, bedeutet Balkon oft auch: "Vetrate Panoramiche", kurz: Vepa. (Nein, nicht Vespa. Das ist etwas anderes.) Vepa, so nennt man in Italien jene Glasfronten, die man sich auch noch nachträglich am Balkon einbauen kann. Mal sind sie verschiebbar wie die Duschwand im Badezimmer, mal lassen sie sich sogar versenken. Vielleicht sind sie nicht besonders hübsch, aber eine gute Sache, denn im Sommer spenden sie wertvollen Schatten und in den übrigen Jahreszeiten schützen sie die Menschen vor Kälte, Nässe und Wind.

Auch berühmte Architekten wie Daniel Libeskind, Julien De Smedt oder Bjarke Ingels nutzen sie, nicht zuletzt als Statement. Denn mit einer Vepa kann man sich Energiekosten sparen. Weniger Heizung, weniger Klimaanlage. Zuletzt gab es da nur ein Problem: In Italien musste man sich seine Vepa behördlich genehmigen lassen. Die Gemeinden waren da manchmal etwas großzügiger, manchmal erlaubten sie den Einbau aber auch nicht. Es saß immer etwas Misstrauen mit am Balkon, dass jemand auf diese Art seinen Wohnraum vergrößern könnte. Tatsächlich schafft eine Vepa mehr Platz: Die einen nutzen diesen als Wintergarten, bei den anderen entsteht ein neuer Abstellraum oder gar eine Küche hinter Glas. Nun hat laut einem Bericht des Corriere della Sera die Vereinigung der italienischen Vepa-Hersteller, die Assvepa, in Rom erreicht, dass die Schutzwände künftig auch ohne Genehmigung eingebaut werden dürfen. Voraussetzung bleibt: Sie müssen wieder leicht entfernt werden können, um nicht bauliche Fakten zu schaffen.

Italien-Romantiker schauen in diesem Zusammenhang freilich mit Sorge auf die Historie des italienischen Balkons. Aus touristischer Sicht muss man ja feststellen, dass einem die Logen des Stiefels zuletzt nicht gerade wegen ihrer verschiebbaren Panoramafenster aufgefallen wären. Egal, ob auf ihnen Mussolini den Kriegseintritt verkündete (auf dem Balkon des Palazzo Venezia in Rom) oder der Papst das Angelusgebet hielt (wenn er nicht, wie im Jahr 2019, fast eine halbe Stunde zuvor im Aufzug des Apostolischen Palastes stecken geblieben war): Der Balkon im Lande Dantes, nicht dessen Schutz, war stets die Attraktion. Und man stelle sich mal vor, Marcello Mastroiannis Liebeswerben um Anita Ekberg in Fellinis Film "La dolce vita" sei hinter einer Glaswand erfolgt.

Italien: Bester Blick auf die Menschenmenge: Papst Franziskus erteilt vom Balkon aus den Ostersegen "Urbi et Orbi".

Bester Blick auf die Menschenmenge: Papst Franziskus erteilt vom Balkon aus den Ostersegen "Urbi et Orbi".

(Foto: dpa)

Bautechnisch möglich hingegen war in Italien zuletzt offenbar die Verwendung eines Sarkophags als Balkon: Da in Verona schon vor Jahrzehnten Touristen nach der berühmten Brüstung aus dem Shakespeare-Drama fragten, dübelte man diese einfach an den ehemaligen Palazzo der Familie Dal Cappello. Bis heute sind Selfies vor dem Romeo-und-Julia-Balkon äußerst beliebt.

Italien: Beliebter Ort für Selfies: Der Romeo-und-Julia-Balkon in Verona.

Beliebter Ort für Selfies: Der Romeo-und-Julia-Balkon in Verona.

(Foto: Antonio Scarpi/Imago)

Möglich wäre der Einbau eines Vepa-Schiebefensters freilich auf jenem Balkon gewesen, auf dem einst "La Gioconda" (besser bekannt als Mona Lisa) saß. Die Kunstwissenschaft will ja herausgefunden haben, dass auf dem Gemälde Leonardo da Vincis ursprünglich auch zwei Steinsäulen zu sehen waren, die allerdings entfernt wurden, um den Blick auf die Landschaft freizugeben. Mit diesen zwei Säulen, da hätte die italienische Vepa-Herstellervereinigung sicher was machen können, in Sachen Windschutz.

Der deutsche Tourist aber, der sich dank seiner Paolo-Conte-CDs immer besonders gut auskennt mit seinem Lieblingsland, der muss sich jetzt keine Sorgen um seine Urlaubfotos machen. Es ist wirklich nicht zu befürchten, dass sich Glasfronten infolge ihrer Genehmigungsfreiheit nun auch beispielsweise in den Altstadtgassen Neapels durchsetzen könnten, wo ja jüngst der Bürgermeister schon mit seinem Wäscheaushangsverbot gescheitert ist. Die mittelalterliche Enge sorgt hier ganz automatisch für frischen Durchzug und herrlichen Schatten. Nur laut kann's manchmal werden.

Italien: Ein Balkon, auf dem man nicht mehr seine Wäsche trocknen darf? In Neapel unvorstellbar.

Ein Balkon, auf dem man nicht mehr seine Wäsche trocknen darf? In Neapel unvorstellbar.

(Foto: Keith Levit/Imago Images/Design Pics)

In Sachen Energiewende jedenfalls ist der römische Entschluss eine richtig gute Sache. Und, wer weiß, vielleicht kehrt das Schiebefenster bald auch in unsere europäischen Züge wieder zurück. Denn so wäre die sommerliche Fahrt noch erfrischender: nach Italien!

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