Interview am Morgen:"Datenschutz schränkt die Möglichkeiten der Polizei ein"

Lesezeit: 3 min

Blumen und Trauerbotschaften für getötete Joggerin

Blumen, Kerzen und Abschiedsbriefe erinnern auf dem Endinger Marktplatz an die getötete Joggerin.

(Foto: dpa)

Nach acht Monaten Fahndung hat die Polizei den mutmaßlichen Mörder einer Joggerin aus Endingen festgenommen. Von heute an steht er vor Gericht. Ein Experte für Polizeiermittlungen erklärt im "Interview am Morgen", warum es so schwer war, ihn zu fassen.

Von Thomas Hummel

Die Polizei in Baden-Württemberg hat zuletzt in schwerwiegenden Fällen ermittelt, rund um Freiburg wurden zweimal Frauen vergewaltigt und ermordet. Seit einiger Zeit steht der mutmaßliche Mörder der 19-jährigen Maria L. vor dem Landgericht, der Asylbewerber Hussein K. Am Mittwoch nun beginnt das Verfahren gegen einen Lkw-Fahrer, der nahe der Kleinstadt Endingen die 27-jährige Carolin G. getötet haben soll. Diese war vor einem Jahr vom Joggen nicht mehr zurückgekehrt. DNA-Spuren weisen darauf hin, dass der Angeklagte zudem für eine ähnliche Tat 2014 in Kufstein verantwortlich ist. Der emeritierte Prodekan der Polizeihochschule Baden-Württemberg, Adolf Gallwitz, 66, erklärt, wie die Polizei solche Fälle angeht.

SZ: Acht Monate Ermittlungen, 4334 Spuren, etwa 40 Ermittler in der Sonderkommission "Erle" - der Fall Carolin G. hört sich nach einer großen Operation an.

Adolf Gallwitz: Zusammen mit dem Freiburger Frauenmord und einigen anderen großen Fällen in den vergangenen Jahren hatte die Polizei in Baden-Württemberg gut zu tun. Es gibt ja keine Abteilung, die nur dafür abgestellt ist. Sondern die Beamten werden aus dem normalen Dienst abgezogen, sie sammeln Überstunden an, andere Arbeit bleibt liegen. Da ist schon viel Druck auf der Batterie.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Zwei Teams der operativen Fallanalyse, sogenannte Profiler, kamen bei diesen Ermittlungen hinzu. Was unterscheidet deren Arbeit von der Soko?

Diese Mitarbeiter konzentrieren sich auf perfekte Tatortarbeit, denn wir dürfen keine Spuren übersehen. Nach Verbrechen, bei denen es wenig Anhaltspunkte gibt, ist die Rekonstruktion der Tat sehr wichtig. Die Polizei muss immer auf dem neuesten Stand sein, wie sich der Fall wahrscheinlich abspielte. Dann kann man den Kreis der potenziellen Tatverdächtigen eingrenzen. Es gibt dann ein Täterprofil und eventuell posthum auch ein Opferprofil. Die Tat ist der Schmelzpunkt, wo beide Profile aufeinandertreffen und jeder sich nach seiner Persönlichkeit verhalten hat.

Welche Rolle spielt die sogenannte Rasterfahndung?

Raster bedeutet, dass man Erkenntnisse aus der Vergangenheit anwendet: Ein Tötungsdelikt mit großer Grausamkeit wird zum Beispiel nicht von einer Frau begangen, auch nicht von Rentnern. Das haben wir jedenfalls noch nicht gehabt oder sehr selten. In Datenbanken steht, welche Delikte und Verbrechen von welchen Altersgruppen, Persönlichkeiten, manchmal auch Berufsgruppen mehrheitlich ausgeführt werden.

Dennoch hat es beim Endinger Fall lange gedauert, bis der mutmaßliche Täter verhaftet wurde.

Die allermeisten Mordfälle sind Beziehungstaten, werden also von Freunden, Familienmitgliedern oder Arbeitskollegen begangen. Wenn man das ausschließen kann, ist das für die Ermittler fast ein Alptraum. Dann haben wir das Problem, dass Täter und Opfer vermutlich zufällig aufeinandergetroffen sind. Im Endinger Fall kommt hinzu, dass der Täter sich auch noch zufällig an diesem Ort aufgehalten hat, in der Nähe eines Parkplatzes. Aber wir wissen immerhin, dass Lkw-Fahrer in solchen Fällen eine Hochrisiko-Gruppe darstellen, weil sie sehr mobil unterwegs sind und durchaus schon Verbrechen in ihrem Umfeld passiert sind.

Dem Mann kam man auf die Spur, weil im Zuge des alten Falles aus Kufstein 2014 die österreichischen Kollegen Mautdaten sammelten. In Deutschland ist das verboten.

Es hat schon mehr als einen Mord gegeben mit Lkw-Fahrern unter Verdacht, wo man gerne gewusst hätte, wann der wo vom Parkplatz runtergefahren ist. Aber rund um die Toll-Collect-Daten gibt es viele Begehrlichkeiten. Diese Mautbrücken lesen ja alle Kennzeichen, auch die von Pkws. Der Computer stellt dann fest: ist kein Lkw, muss nichts zahlen, wird gelöscht. Mit den Daten könnte man auch gestohlene Autos suchen und, und, und. Doch das ist aus Datenschutzgründen nicht erlaubt.

Die Polizei klärt seit Jahren mehr als 90 Prozent aller Morde auf. Wann sind wir bei 100 Prozent?

Ich fürchte, die letzten paar Prozent wären nur mit sehr hohem personellen Aufwand zu erreichen. Dazu schränkt Datenschutz die Möglichkeiten der Polizei ein, Spuren auszuwerten. Weil sich die Smartphones in die Sendemasten einwählen, könnten wir von fast allen Menschen heute Bewegungsprofile erstellen. In Deutschland braucht die Polizei aber einen Anfangsverdacht gegen eine Person, um deren Daten zu bekommen. Ein anderes Beispiel: In autoritär geführten Ländern müssen alle ihre Fingerabdrücke abgeben, auch Einreisende am Flughafen. Nach einem Verbrechen ist es dann oft eine Sache von Minuten, den richtigen zu finden. Aber das ist eine andere Welt.

Es gibt auch Debatten um die sogenannte erweiterte DNA-Analyse.

Anhand der genetischen Spuren könnten wir festellstellen, aus welchem Kulturkreis der mögliche Täter stammt, welche Erkrankungen er hat und so weiter. Die wissenschaftlichen Möglichkeiten, eine DNA auszuwerten sind viel größer als die rechtlichen.

Auch ohne diese Methoden hat die Polizei zwei schwierige Fälle gelöst. Ist da Erleichterung zu spüren?

Natürlich kann man sich nun zu Recht gegenseitig auf die Schultern klopfen. Die Beamten sollten das genießen dürfen, doch dazu fehlt die Zeit, sie müssen gleich wieder an die Arbeit. Der Erfolg ist mit großem Aufwand erkauft, das darf man nicht vergessen. Und die Wertschätzung für die Polizei ist schnell verraucht.

An jedem Werktag finden Sie ab 7.30 Uhr ein Interview zum Thema des Tages auf SZ.de. Lassen Sie sich benachrichtigen, sobald eine neue Folge online ist:

Genaue Informationen, welche Daten für den Messenger-Dienst genutzt und gespeichert werden, finden Sie in der Datenschutzerklärung.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB