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Indien:Das Mädchen, das begraben wurde, obwohl es lebte

In der indischen Gesellschaft sind patriarchalische Tendenzen tief verwurzelt.

(Foto: Sajjad Hussain/AFP)
  • Eine indische Familie will ein totes Kind beerdigen und findet beim Ausheben des Grabes einen lebenden Säugling in einem Tontopf.
  • Das Verbrechen weist auf ein tiefgreifendes Problem in der indischen Gesellschaft hin: Mädchen werden wegen gesellschaftlicher Rituale wie der Mitgift eher als Last angesehen, Jungen als Investition in die Zukunft.
  • Statistiken zeigen, dass Mädchen in Indien öfter abgetrieben werden.
  • Ein Problem sind illegale Abtreibungsambulanzen.

Hitesh Kumar Sirohi und seine Verwandten waren gerade dabei, auf dem Friedhof ein Grab auszuheben, da stießen sie in einem Meter Tiefe auf: Leben. Mit der Schaufel trafen sie ein vergrabenes Gefäß aus Ton. Eilig gruben sie den Topf aus der Erde und fanden darin ein neu geborenes Mädchen. Es schrie.

Sirohi und seine Frau Vaishali suchten schnell nach einem Tuch und tränkten es mit Milch, um das geschwächte Mädchen zu füttern. Das Kind musste erst Minuten zuvor vergraben worden sein, sonst wäre es kaum noch am Leben gewesen. Inzwischen kümmern sich Ärzte in einer Klinik um das Kind. Es ist etwa fünf Tage alt, die Schwestern nennen sie Sita. Ihr Zustand gilt am Dienstagabend als kritisch.

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Indische Medien beschreiben den Fall in der nordindischen Metropole Bareilly als wundersame Rettung in letzter Sekunde. Aber das Verbrechen erinnert auch an die tiefsten Abgründe einer patriarchalischen Gesellschaft: Mädchen werden weggeworfen, weil sie Mädchen sind.

Polizist Abhinandan Singh aus Bareilly schilderte, wie die Familie Sirohi das Kind im Tontopf fand, doch wichtige Fragen blieben zunächst ungeklärt, vor allem: Wer sind die Eltern? Wer vergrub das lebende Mädchen? Und wie kam es, dass der Händler Sirohi und seine Frau ausgerechnet an jener Stelle ein Grab für ihre eigene Tochter zugewiesen bekamen? Das Paar hatte ihr Kind kurz zuvor nach einer Frühgeburt verloren. Sie waren auf dem Friedhof, um ihr totes Kind in die Erde zu betten - und stießen stattdessen auf den Tonkrug. Zu diesem außerordentlichen Zufall machte die Polizei zunächst keine Angaben. Sie fahndet noch nach den Eltern des kleinen Mädchens.

Das System der Mitgift trägt zum Problem bei

Indien hat Gesetze, wonach es verboten ist, das Geschlecht eines ungeborenen Kindes zu bestimmen oder auch selektive Abtreibungen weiblicher Föten vorzunehmen. Dennoch wird in vielen Gegenden Indiens heimlich untersucht, ob es ein Junge oder Mädchen wird. Eine Studie des britischen Medizinjournals The Lancet war im Jahr 2011 zu dem Schluss gekommen: "Selektive Abtreibungen in Indien haben erheblich zugenommen". Demnach wurden in Indien seit 1980 bis zu 12 Millionen weibliche Föten abgetrieben. Aber es kommt auch vor, dass schon geborene Mädchen einfach irgendwo ausgesetzt werden. Oder im schlimmsten Fall, wie die kleine Sita, einfach lebend vergraben werden.

Daten aus den Jahren 2015 bis 2017 deuten darauf hin, dass der Staat Indien Verbrechen dieser Art noch immer nicht in den Griff bekommt. Auf 1000 geborene Jungen kamen jeweils nur 896 Mädchen. Im Sommer 2019 wurden Zahlen aus dem Bundesstaat Uttarakhand bekannt, die zeigten, dass in 132 Dörfern innerhalb von drei Monaten kein einziges Mädchen zur Welt gekommen war. Im Bundesstaat Haryana jagt die Polizei illegalen Abtreibungsambulanzen hinterher, Bussen, die im Inneren mit Ultraschallgeräten ausgestattet sind und heimlich ihre Kundschaft an Bord nehmen. Danach entscheiden die Eltern, ob sie ihr Kind haben wollen oder nicht.

Experten prangern an, dass das System der Mitgift in Indien immer noch dazu beiträgt, dass Mädchen in Familien als Last und Jungen als Investition in die Zukunft betrachtet werden. Bei der Hochzeit bringt die Braut Schmuck, Gold, Geld, Möbel oder Immobilien in die Familie des Bräutigams ein, der Staat hat den Brauch längst verboten, doch die gesellschaftlichen Erwartungen sind geblieben, und viele haben nicht die Kraft, sich ihnen zu entziehen. Die Kosten können eine Familie, die mehrere Töchter hat, ruinieren.

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