Wirbelsturm in den USA:New Yorker trotzen "Irene"

"Irene" verliert an Kraft: Die Behörden haben den Hurrikan, der zuvor mit peitschendem Regen und tosenden Wellen an der US-Ostküste gewütet hatte, zum Tropensturm herabgestuft. Eine Entwarnung sei das jedoch nicht. "Irene" kostete bereits zwölf Menschen das Leben. Hunderttausende Haushalte sind vom Stromnetz abgeschnitten, mehrere Bundesstaaten riefen den Notstand aus, ein Atomreaktor nahe Washington hat sich nach Unwetter-Schäden automatisch abgeschaltet. Inzwischen hat der Sturm die Metropole New York erreicht.

Irene ist kein Hurrikan mehr. Das Nationale Hurrikanzentrum hat den Wirbelsturm wegen schwächerer Winde zu einem Tropensturm herabgestuft. "Die Auswirkungen ändern sich damit aber nicht", warnte der Chef des Zentrums, Bill Read, im US-Sender CNN. Der Wind sei nach wie vor stark, es regne noch immer und der Sturm drücke weiter Wasser an die Küste.

Brian Grant and Bob Bianchini, engineers from the public works department out for a safety inspection, are slammed by waves and storm surge pounding the boardwalk and the beach at first light as Hurricane Irene slams into Asbury Park

Raus trotz Sturm und Regen: Viele New Yorker lassen sich von Irene nicht einschüchtern.

(Foto: REUTERS)

Irene hat in den USA hat bisher mindestens zwölf Menschen das Leben gekostet. In den betroffenen Bundesstaaten verließen mehr als 1,5 Millionen Menschen vorsorglich ihre Häuser, allein in North Carolina und im benachbarten Virginia waren etwa 900.000 Haushalte ohne Strom.

Ein Atomreaktor in der Nähe der US-Hauptstadt Washington hat sich nach Beschädigungen durch Irene automatisch abgeschaltet. Der Haupttransformator war zuvor von einer Aluminiumverkleidung getroffen worden, wie ein Sprecher der Betreiberfirma mitteilte. Die Lage in dem AKW sei sicher. Angestellte oder die Umgebung des Kraftwerkes Calvert Cliffs im Staat Maryland seien nicht betroffen.

Inzwischen hat der Wirbelsturm die Stadt New York erreicht. Die Stadtverwaltung erklärte, das Wasser ströme auf die Hauptstraßen von Rockaways, einer Halbinsel in Queens, deren Evakuierung Bürgermeister Michael Bloomberg angeordnet hatte. Auch auf Coney Island in Brooklyn standen Straßen unter Wasser. Im Hafen von New York erreichte das Wasser bereits die Bürgersteige.Bloomberg sagte schon in der Nacht zum Sonntag, es sei nicht länger sicher, sich draußen aufzuhalten. Das Wetter werde tückisch und alle in der Evakuierungszone sollten bleiben, wo sie sind.

"Die Zeit für Evakuierungen ist vorbei. Alle müssen jetzt nach drinnen gehen und dortbleiben", sagte er. Die Stadt hatte mehr als 370.000 Bewohner niedrig gelegener Gebiete aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Es war die erste Evakuierungsanordnung in der Geschichte New Yorks. Behördenvertreter befürchteten, dass die Fenster von Wolkenkratzern bei erwarteten Windgeschwindigkeiten von mehr als 130 Stundenkilometern bersten könnten.

Mitten im Großeinsatz um Irene hat die New Yorker Polizei zwei Kajak-Fahrer aus dem Wasser holen müssen. Die zwei waren vor Staten Island in der aufgewühlten See unterwegs, sagte Bloomberg im Stadtteil Brooklyn. Nach der Meldung brauchte die Polizei eine halbe Stunde, um die beiden Extremsportler zu finden. "Die beiden sind gerettet", sagte Bloomberg. "Aber das ist eine von diesen rücksichtslosen Aktionen, mit der die Kräfte unserer Polizei verschwendet werden."

Der gesamte New Yorker Nahverkehr wurde unterdessen stillgelegt. Das Verkehrsunternehmen Metropolitan Transportation Authority (MTA) sagte, alles sei gesichert und die Angestellten seien nach Hause geschickt worden. Schon seit Samstagmittag (Ortszeit) fuhren keine U-Bahnen, Busse und Pendlerzüge mehr.

Das Transitsystem werde frühestens am Montag wieder in Betrieb genommen, nachdem das Wasser aus den überfluteten Stationen gepumpt worden sei, hieß es. Selbst bei gewöhnlichen Stürmen stehen die U-Bahnhöfe unter Wasser und müssen ausgepumpt werden. Das Transportsystem befördert wochentags durchschnittlich etwa fünf Millionen Passagiere.

Sollte die Südspitze von Manhattan trotz Wellenbrecher überflutet werden, könnten tausende Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten werden. Die New Yorker Börse erklärte, die NYSE verfüge über Ersatzgeneratoren im Falle eines Stromausfalls.

Mit heftigen Sturmböen und massiven Regengüssen hatte Irene am Samstag im US-Bundesstaat North Carolina die amerikanische Ostküste erreicht. In zahlreichen Küstenstädten standen ganze Straßenzüge unter Wasser. Wegen "schlimmer Schäden" an Leitungen fiel für Hunderttausende Menschen der Strom aus, sagte Gouverneurin Beverly Perdue dem Sender CNN.

In einigen Küstenstädten kam es zu ersten Überschwemmungen. Riesige Wellen schlugen bis über die Ufer hinaus und erreichten Wohnhäuser und Hotels. In vielen Regionen kam es zu heftigem Regen. Das Auge des Hurrikans war am Samstagvormittag (Ortszeit) nahe Cape Lookout in North Carolina auf Land getroffen, nachdem Irene schon in der Karibik schwere Verwüstungen angerichtet hatte. Tausende Menschen hatte zuvor Schutz in Notunterkünften gesucht. Beliebte Badeorte waren verwaist.

Notstand in mindestens zehn Bundesstaaten

Mindestens zehn Bundesstaaten an der Küste hatten vorsorglich den Notstand erklärt. Die Nationalgarde steht mit mehr als 100.000 Mitgliedern für mögliche Katastropheneinsätze bereit. Die betroffene Region gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der USA. In dem erwarteten Korridor leben etwa 65 Millionen Menschen. Mehr als 2,3 Millionen Menschen wurden aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. "Dies ist vermutlich die größte Zahl von Menschen, die in den USA je von einem einzelnen Hurrikan bedroht gewesen ist", sagte Jay Baker von der Florida State University.

A pedestrian crosses an open area as Hurricane Irene passes through Wrightsville Beach, North Carolina

Ein Fußgänger flieht in Wrightsville, North Carolina, vor dem Wirbelsturm Irene.

(Foto: Reuters)

US-Präsident Barack Obama zeigte sich bei einem Besuch in der Zentrale der Katastrophenschutzbehörde FEMA zufrieden über den bisherigen Hurrikan-Einsatz. "Ihr macht einen prima Job", lobte Obama, der zuvor wegen des Sturms Irene seinen Sommerurlaub um einen Tag verkürzt hatte. Zugleich wies er auf die Aufgaben hin, die noch vor Helfern und Einsatzkräften liegen. "Das werden lange 72 Stunden", betonte der Präsident. Der Hurrikan zieht weiter in Richtung New York, wo er am Sonntag erwartet wird.

Das Hurrikanzentrum in Miami hatte Irene in der Nacht zum Samstag zwar von Kategorie 2 auf 1 heruntergestuft, Entwarnung gab es aber nicht. Das gesamte Sturmgebiet, das nach Angaben des US-Senders CNN etwa so groß ist wie Europa, bleibe extrem gefährlich, warnten die Experten. Am Samstagmorgen maßen Meteorologen Windgeschwindigkeiten im Hurrikan von um die 140 Stundenkilometer, während sich das Hurrikansystem selbst mit etwas mehr als 20 Stundenkilometern nordwärts bewegte. Dem Sender zufolge sind US-weit rund 65 Millionen Menschen von Irene betroffen.

Auch der Flugverkehr kam zum Erliegen. Fluggesellschaften wie United Continental und Delta Airline, haben angesichts des näherrückenden Hurrikans mehr als 8.300 Flüge für dieses Wochenende gestrichen, der US-Sender ABC sprach von mehr als 24.000 Flügen. Schätzungen zufolge könnten Millionen Passagiere von der Schließung der Flughäfen betroffen sein, die auf die Airports an der Ostküste für Anschlussflüge angewiesen sind.

Mittlerweile ist auch der deutsche Flugverkehr betroffen: Zwölf Flüge vom Frankfurter Flughafen an die Ostküste sind am Sonntag gestrichen worden. Sechs aus den USA kommende Maschinen wurden ebenfalls annulliert, wie ein Flughafensprecher mitteilte. Die Städte New York, Boston und Philadelphia könnten wegen des schweren Unwetters nicht mehr angeflogen werden. Es werde davon ausgegangen, dass es ab Montag wieder Flüge an die US-Ostküste geben wird, jedoch sei noch mit Verspätungen zu rechnen. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) musste seine geplante Reise nach New York verschieben. Auch die Flughafen München und Berlin strichen am Wochenende Flüge.

Der Wirbelsturm wirkt sich auch auf Bus- und Zugverbindungen in den USA aus. So stellte das Busunternehmen Greyhound den Betrieb zwischen Richmond, Virginia und Boston ein. Die Eisenbahngesellschaft Amtrak kündigte an, seinen Fahrplan für den Nordosten des Landes am Samstag einzuschränken und für Sonntag alle Züge von Washington nach Boston zu streichen.

An der Wall Street hatten die Mitarbeiter der New York Stock Exchange an ein paar Stellen Sandsäcke gestapelt, um etwaige Wassermassen von den Eingängen fernzuhalten. Nach bisherigem Stand soll die Börse aber am Montag wieder normal öffnen. Die Arbeiter auf der Baustelle des World Trade Centers bereiteten sich ebenfalls auf Irene vor. Vor allem der sogenannte Freedom Tower, der einmal das höchste Gebäude der Millionenmetropole werden soll, bietet dem Wirbelsturm viel Angriffsfläche. Er steht an der Südspitze Manhattans unweit des Hudson River.

Auf dem Fluss fuhr am Samstagmorgen kaum ein Boot, auch der Schiffsverkehr zur Freiheitsstatue ruhte. Die Mülleimer an der Uferpromenade waren entfernt, Parkgaragen versuchten sich mit Sandsäcken zu schützen.

Meteorologen gaben eine Sturmwarnung für Teile Kanadas nahe der US-Grenze heraus. Sie gelte von der Grenze bis nach Fort Lawrence, teilte das nationale Hurrikan-Zentrum in Miami mit. Irene bewegte sich am Samstag über den US-Staat North Carolina Richtung Norfolk im US-Staat Virginia.

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