SZ-Serie "Ein Anruf bei...":"Esperanto hat in Herzberg eine lange Tradition"

Lesezeit: 3 min

SZ-Serie "Ein Anruf bei...": In Herzberg gibt es sogar den Koran auf Esperanto.

In Herzberg gibt es sogar den Koran auf Esperanto.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Die Plansprache Esperanto sollte Menschen verschiedener Kulturen zusammenbringen - eine kühne Idee, die an der Wirklichkeit scheiterte. Wobei: In Herzberg am Harz hat sich die Sprache tatsächlich durchgesetzt.

Interview von Kerstin Lottritz

Vor mehr als 130 Jahren hat sich der polnische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof die Plansprache Esperanto ausgedacht. Er wollte eine Weltsprache schaffen, die überall gesprochen und verstanden wird. Die Idee, so Brücken zwischen verschiedenen Ländern, Kulturen und Sprachen zu bauen, hat sich allerdings nicht durchgesetzt. Warum die Plansprache aber ausgerechnet bei den knapp 13 000 Einwohnern von Herzberg am Harz im Süden Niedersachsens im Alltag präsent ist, erklärt Bürgermeister Christopher Wagner, 47.

SZ: Sinjoro Wagner, kial oni povu paroli Esperanton en Herzberg?

Christopher Wagner: Da haben Sie mich jetzt aber erwischt. Ich lebe zwar seit 18 Jahren in der Esperanto-Stadt Herzberg, bin aber erst seit 1. November Bürgermeister und spreche noch gar kein Esperanto.

Dann eben auf Deutsch: Warum sollte man denn in Herzberg Esperanto sprechen können?

Weil das hier relativ weit verbreitet ist. Hier ist etwa der Sitz des Deutschen Esperanto-Zentrums, nicht alle, aber doch sehr viele Straßenschilder sind zweisprachig, es gibt ein Esperanto-Café, und Herzberg firmiert eben seit 2006 als Esperanto-Stadt. Wir hatten in den vergangenen Jahren Besucher aus aller Welt, um genau zu sein, bereits aus 51 Ländern, die als Brückensprache Esperanto benutzen. Wer hier Esperanto spricht, kann sich etwa mit Chinesen, Vietnamesen oder auch mit Menschen aus südamerikanischen Ländern unterhalten.

Aber mal ehrlich, Herr Wagner, das Ganze ist doch nur ein Marketing-Gag, oder nicht?

Nein, die Esperanto-Sprache hat in Herzberg eine lange Tradition. Bereits seit den 1960er-Jahren gibt es hier Initiativen, die sich mit der Sprache Esperanto beschäftigen. Ein Bewohner unserer Stadt, Joachim Gießner, begann damals damit, die Brückensprache im Herzberger Bahnhof zu unterrichten. Nicht alle 13 000 Einwohner sprechen heute die Sprache, aber sie ist überall präsent. In der Stadtbücherei gibt es beispielsweise mehr als 3000 Bücher in Esperanto.

SZ-Serie "Ein Anruf bei...": Christopher Wagner, 47, ist seit 1. November 2021 Bürgermeister in Herzberg. Noch hat er keine Zeit gefunden, Esperanto zu lernen, aber das soll sich bald ändern.

Christopher Wagner, 47, ist seit 1. November 2021 Bürgermeister in Herzberg. Noch hat er keine Zeit gefunden, Esperanto zu lernen, aber das soll sich bald ändern.

(Foto: Stadt Herzberg)

Unter anderem den Koran. Wie oft ist das Exemplar denn vergriffen?

Oh, das weiß ich nicht. Allerdings wurde mir gesagt, dass es nur drei Sprachen gibt, in denen eine Übersetzung des Korans anerkannt wird. Eine davon ist Esperanto.

Geschätzt nur etwa zwei Millionen Menschen weltweit sprechen Esperanto, dafür lernt aber jedes Kind mittlerweile in der Schule Englisch. Warum setzt man in Herzberg ausgerechnet auf Esperanto?

Ich finde die Idee, die hinter der Brückensprache steckt, interessant. Man hat versucht, unabhängig von einem Land eine Sprache zu finden, mit der alle leben können. Die Bedeutung von Weltsprachen ist vielleicht auch vergänglich. Im Moment ist es Englisch. Aber wirtschaftlich betrachtet kann man sich ja auch fragen: Müssten wir jetzt nicht eher auf Chinesisch setzen? Und die Idee, eine Sprache zu planen, in der keine andere Sprache in den Vordergrund gestellt wird, finde ich einleuchtend. Im EU-Parlament etwa gibt es Hunderte Dolmetscher, die zwischen den verschiedenen Sprachen übersetzen müssen. Das ließe sich über eine Brückensprache wie Esperanto einfacher lösen.

Eines der Ziele bei der Entwicklung dieser Plansprache war es auch, zum Weltfrieden beizutragen. Wie friedlich geht es denn nun in Herzberg zu?

Nun, ein Beispiel sind die vielen, vielen internationalen Besucher, die wir haben. Es ist jetzt nicht so, dass wir ein Haupttourismusziel sind, dafür sind wir eben eine Kleinstadt. Aber die Besuche aus den vielen verschiedenen Ländern zeigen, dass verschiedene Nationalitäten sehr friedlich miteinander auskommen können, wenn sie ein gemeinsames Interesse haben. In diesem Fall ist die Sprache das gemeinsame Ziel.

Vor allem die Beziehung zu Ihrer polnischen Partnerstadt Góra profitiert offenbar von Esperanto. Wie muss ich mir das etwa beim Schüleraustausch vorstellen?

Die Schülerinnen und Schüler in Góra lernen zwar kein Deutsch, dafür aber Esperanto. Und bei uns wird an den Schulen kein Polnisch, dafür aber auch Esperanto angeboten. Ich schließe es aber nicht aus, dass die Treffen dann in einem Kauderwelsch aus Deutsch, Polnisch und Esperanto enden.

Vielleicht doch auch in Englisch?

Das mag sein, weil sie es ja doch alle in der Schule lernen. Ziel und Inhalt dieses Projekts ist es aber, in Esperanto zu sprechen.

Herr Wagner, wann lernen Sie denn nun Esperanto?

Das steht fest auf meinem Zettel. Ich finde es für meinen Job wichtig, dass ich auch mal ein Grußwort auf Esperanto sprechen kann. Ich gehe davon aus, dass ich in diesem Jahr mit einem Anfängerkurs beginnen kann, aber ich bin vorsichtig geworden mit festen Zeitplänen, da auch in einer Kleinstadt immer wieder Dinge passieren, die diese über Bord werfen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungKommunikation
:Mutter Sprache

All die verschiedenen Idiome auf der Welt - Leuten wie Mark Zuckerberg und Elon Musk sind sie nur lästig. Und Linguistinnen stört ein schönes altes Wort. Wie sie irren!

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB