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Rassismus in Großbritannien:Eine Durchsuchung zu viel

24th European Athletics Championships - Day Four

Eine Dreiviertelstunde wurden sie und ihr Freund Ricardo dos Santos festgehalten, grundlos: die Sprinterin Bianca Williams.

(Foto: Stephen Pond/Getty Images for European Athlet)

Zwei britische Top-Leichtathleten werden in ihrem Mercedes gestoppt und durchsucht - grundlos. Sie vermuten racial profiling und wollen klagen. Wie rassistisch ist die britische Polizei?

Von Cathrin Kahlweit, London

Bianca Williams ist 26 und eine Top-Athletin. Die Sprinterin ist mehrere Male ganz vorne mitgelaufen in der Weltspitze, hat mit der britischen Staffel über viermal 100 Meter die Silbermedaille in Amsterdam 2016 gewonnen, an Weltmeisterschaften teilgenommen und trainiert gerade für die Olympischen Spiele in Tokio im kommenden Jahr. Ihr Lebensgefährte, der Portugiese Ricardo dos Santos, ist ebenfalls Sprinter und auf die 400 Meter spezialisiert, er hat es 2018 bis ins Finale der Leichtathletik-EM geschafft. Die beiden haben ein drei Monate altes Baby.

Das alles wussten die drei Londoner Polizisten nicht, die das Paar in einem schwarzen Mercedes am Samstag im Stadtteil Maida Vale stoppten; die Polizisten sagen, der Fahrer sei auf der falschen Straßenseite gefahren und habe, als er anhalten sollte, nicht sofort angehalten. Wegen eines Anstiegs der Jugendkriminalität in der Gegend habe man das Auto durchsuchen wollen.

Williams und dos Santos haben am Montag einen Anwalt aufgesucht um Klage einzureichen. Sie sagen, sie seien gestoppt worden, weil sie schwarz sind, und weil das nicht das erste Mal sei, dass ihr Wagen durchsucht werde, seitdem sie einen recht teuren Mercedes fahren. Das Vorgehen, so Williams gegenüber britischen Medien, sei ganz klar: Racial Profiling.

Es gibt ein kurzes Video davon, wie die Beamten die beiden aus dem Auto zerren und Williams panisch ruft, ihr Baby sei im Auto. Die Polizisten behaupten, es rieche nach Cannabis, dos Santos protestiert, er sei Leistungssportler und nehme weder Drogen noch trinke er Alkohol. Die Polizisten informieren die beiden, mäßig freundlich, man müsse das Auto auf Waffen untersuchen. Sie werden während der Durchsuchung in Handschellen gelegt und nach einer Dreiviertelstunde, weil nichts gefunden wurde, wieder freigelassen. Die Metropolitan Police sagt, alles sei regelgerecht abgelaufen. Williams und dos Santos hingegen sind sich sicher: dass sie schon mehr als ein Dutzend Mal angehalten wurden, seit sie ein neues Auto haben, sei kein Zufall, sondern Rassismus.

Der Location Scout Ryan Colaço saß zwölf Stunden in der Zelle, obwohl nichts gegen ihn vorlag

Es ist der zweite Fall innerhalb weniger Tage, der für reichlich Gesprächsstoff in einer ohnehin aufgeheizten Debatte über Rassismus im Königreich sorgt. Erst vor zwei Wochen war der Location Scout Ryan Colaço, der in einem BMW saß, von der Polizei in Nord-London gestoppt worden; sein Wagen wurde auf Drogen untersucht, er selbst mit Handschellen gefesselt. Die Beamten fanden nichts und ließen ihn schließlich gehen. Über diesen Vorfall gab er dem Sender Channel 4 ein Interview: 20-mal sei er bereits angehalten worden, immer ohne Anlass. Colaço ist schwarz.

Auf dem Heimweg von just diesem TV-Interview über Racial Profiling wurde er wieder gestoppt. Colaço rief, er könne nicht glauben, dass ihm das schon wieder passiere, er habe Angst, er wolle nicht erneut in Handschellen gelegt werden. Wenige Sekunden später schlugen die Polizisten seine Seitenscheibe ein und zerrten ihn aus dem Wagen, warfen ihn zu Boden. Er saß zwölf Stunden in einer Arrestzelle, obwohl er keine Strafakte hat. Der Vorwurf: Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Premier Boris Johnson hatte im Rahmen der Black-Lives-Matter-Debatte in Großbritannien vor wenigen Wochen im Unterhaus eine neue Untersuchungskommission angekündigt, die Diskriminierung gegen schwarze, asiatische und andere Minderheiten im Bildungs-, Gesundheits- und Justizwesen überprüfen werde. Wütende Hinweise darauf, dass der Regierung bereits zahlreiche Berichte zu Rassismus im Königreich vorlägen, deren Vorschläge und Anregungen bislang nicht umgesetzt worden seien, konterte der Premier: Er wolle dem Narrativ der Benachteiligung und Diskriminierung lieber eine Geschichte der Erfolge entgegensetzen. Johnson verurteilte Gewalt auf Black-Lives-Matter-Demonstrationen und fügte hinzu, der Staat könne es nicht zulassen, wenn friedliche Proteste für Attacken auf die Polizei genützt und Denkmäler gestürzt würden. Er verwahrte sich dagegen, die "kulturelle Landschaft per Photoshop zu verändern". Großbritannien sei kein rassistisches Land.

© SZ/marli/mkoh

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