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England:It's Me-Time

Abwarten und Tee trinken: In Corona-Zeiten ist das sogar cool geworden in England.

(Foto: Anna Ivanova/The Picture Pantry/mauritius images)

Tee gilt als Getränk des Trostes, der - im Gegensatz zu seinem aufputschenden Konkurrenten Kaffee - eher bei älteren Engländern beliebt ist. In der Corona-Krise verliert der Tee nun sein Imageproblem und geht als Lockdown-Gewinner hervor.

Von Alexander Menden

Es ist schon etwas dran am Klischee, demzufolge Tee konstitutiver Bestandteil der englischen Befindlichkeit ist. "Es ist eine gute alte englische Tradition,/ mag das Wetter kalt oder heiß sein,/ Will man sich zwischendurch erholen, ist ein kleines Tässchen Tee/ immer genau das Richtige." So sang der Schotte Jack Buchanan 1931 in dem Song "Everything Stops for Tea". Er beschreibt, wie nachmittags um vier Uhr englische Fabriken und Gerichtsverhandlungen zum Erliegen kommen, weil dann Zeit fürs Nationalgetränk ist.

Schon seit Jahrzehnten begleiten die britischen Medien allerdings den Niedergang genau dieser englischen Teekultur mit einer Art zorniger Melancholie. Der Kaffee schien bereits gesiegt zu haben. Doch nun hat ausgerechnet Corona die unaufhaltsame Erosion des intimen Verhältnisses der Engländer zum Tee gestoppt: Die teeverarbeitende Industrie ist einer der großen Lockdown-Gewinner auf der Insel. Laut dem britischen Branchenverband, der "UK Tea and Infusions Association" (TIA), ist der Teemarkt 2020 in Wert und Volumen um fünf bis zehn Prozent gewachsen.

14 Tassen am Tag

Die Geschichte des Tees in England ist lang und komplex. Erstmals fand das Getränk 1615 in der Korrespondenz eines englischen Händlers in Japan Erwähnung und erlebte danach rasch einen unvergleichlichen Aufstieg. Er begleitete die Expansion des britischen Empires und die industrielle Revolution und wurde zum Dreh- und Angelpunkt der wichtigsten häuslichen Rituale. Der Universalgelehrte Samuel Johnson trank im 18. Jahrhundert bis zu 14 Tassen am Stück. Sein Zeitgenosse, der Dichter Colley Cibber, nannte Tee eine "weiche, nüchterne, weise und ehrwürdige Flüssigkeit", deren "herrlicher Milde ich den glücklichsten Moment meines Lebens verdanke". Und noch in "Per Anhalter durch die Galaxis" fragt der Protagonist Arthur Dent beim Betreten eines Raumschiffs als Erstes, ob es irgendwo an Bord Tee gebe.

Doch 1987 beschwerte sich der bekannte Gastrokritiker Derek Cooper, die Teetrinkergemeinde auf der Insel sei ein "ergrautes Grüppchen". Junge Engländer hätten weder die Zeit noch das Interesse, die Teetradition fortzusetzen. Tatsächlich war der Teekonsum zu diesem Zeitpunkt seit Mitte der Siebzigerjahre um 20 Prozent gesunken; 1986 hatte Kaffee erstmals Tee als beliebtestes englisches Heißgetränk überholt. Ein Trend, der anhalten sollte: 2014 meldete das Britische Nahrungsministerium, dass der wöchentliche Pro-Kopf-Verbrauch von 68 Gramm getrockneten Tees im Jahre 1974 auf 25 Gramm gesunken war.

Ein anderer Name für Beuteltee? Bauarbeitertee!

Als Hauptgrund für diesen Schwund glaubten Analysten vor allem ein Imageproblem ausgemacht zu haben: Schwarztee in Beuteln, vor allem der sogenannte "Breakfast Tea" - mit viel Milch und Zucker versetzt auch gerne "Bauarbeitertee" genannt - galt als langweilig und qualitativ schlecht. Seit der lange dominierende Instantkaffee von raffinierteren, kontinentalen Sorten abgelöst worden war, hatte er den Tee vor allem bei jüngeren Verbrauchern verdrängt.

Doch nun, zwischen Home-Office und Homeschooling, scheinen sich die Briten wieder auf die beruhigende Wirkung des Kesselaufsetzens besonnen zu haben. Nach TIA-Angaben ist gerade der lange verschmähte Schwarztee wieder im Kommen: Seit dem Ausbruch der Pandemie ist der Verbrauch hier um rund 50 Prozent gestiegen. "Eine Teepause bietet uns Gelegenheit, eine Pause in den eigenen vier Wänden einzulegen", so TIA-Sprecherin Sharon Hall. Ein praktischer Grund ist wohl auch, dass die Cafés geschlossen sind und ein Tee sich daheim leichter aufbrühen lässt als ein Cappuccino.

Da ein Ende der Home-Office-Phase nicht in Sicht ist, gehen die britischen Teehändler davon aus, dass der Trend anhalten wird. Mittlerweile ist der Anteil von Teetrinkern unter britischen Erwachsenen auf erstaunliche 86 Prozent gestiegen. Der Tee hat also in unsicheren Zeiten seine Rolle als Zuflucht und Tröstung der Engländer zurückerlangt. Es scheint, als sollte der englische Dramatiker Arthur Wing Pinero recht behalten, der einmal schrieb: "Solange es Tee gibt, gibt es auch Hoffnung."

© SZ/lot
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