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Prozess in Frankreich:Meyer-Werft muss wegen "Estonia"-Untergang keine Entschädigung zahlen

Bilder von den Bergungsarbeiten nach dem Estonia-Untergang im Jahr 1994.

(Foto: AP)

Fast 25 Jahre nach dem Schiffsunglück hat ein Gericht in der Nähe von Paris über Ansprüche von etwa 1000 Überlebenden und Angehörigen entschieden.

Mehr als zwei Jahrzehnte dauerte das Verfahren. Und am Ende trägt niemand die Verantwortung für die schlimmste Schiffskatastrophe in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Überlebenden und Opferangehörigen des Estonia -Unglücks von 1994 hätten keine Beweise herbeigeschafft für "die Existenz eines schweren oder absichtsvollen Fehlers, der dem Unternehmen Bureau Veritas und/oder der Meyer-Werft angelastet werden kann", so der trockene Beschluss eines Gerichts im Pariser Vorort Nanterre am Freitag. Weder die französische Prüffirma Bureau Veritas noch die Meyer-Werft aus dem Emsland müssten eine Entschädigung zahlen.

"Ich bin nicht überrascht", sagt der Schwede Bertil Calamnius. "Ich bin überrascht, dass es überhaupt noch eine Entscheidung gab." Calamnius sitzt im Vorstand von SEA, einer Stiftung der Estonia-Opfer und ihrer Angehörigen. Seine Tochter Maria war 30 Jahre alt, als sie mit dem Fährschiff unterging.

Estonia Grab im Meer
Untergang der Estonia

Grab im Meer

Vor 20 Jahren sank die Estonia in der Ostsee, 852 Menschen starben. Die Hinterbliebenen haben bis heute viele Fragen, doch die schwedische Regierung verbietet Tauchern noch immer, sich dem Wrack zu nähern - und erweckt so den Eindruck, es gebe etwas zu verbergen.   Von Silke Bigalke

Es war die Nacht auf den 28. September 1994, als 852 der 989 Passagiere zu Tode kamen, die meisten von ihnen waren Schweden. Die Fähre war unterwegs von Tallinn nach Stockholm, als bei hohem Wellengang das Bugvisier abbrach und das Wasser in das Autodeck drang. Wie ein Stein sank das Schiff auf den Grund der Ostsee.

25 Jahre nach dem Unglück ist die Entscheidung der Richter für die Hinterbliebenen ein Rückschlag. 1116 Überlebende und Opferangehörige hatten in Frankreich geklagt, weil die Firma Bureau Veritas, die das Schiff als seetauglich eingestuft hatte, dort ihren Sitz hat. Die Klage zielte aber auch gegen die Meyer-Werft, bei der die Fähre Anfang der 80er-Jahre vom Stapel gelaufen war. Die Kläger verlangten insgesamt 40,8 Millionen Euro Entschädigung - für die Angst und den Schmerz, den sie seit dem Unglück empfinden.

Wilde Gerüchte kursieren über den Untergang der "Estonia"

Die Schuldfrage ist nie geklärt worden. Es hat in all den Jahren viele Untersuchungen gegeben, in denen sich erwies, dass an vielen Stellen geschlampt worden war. Die Reederei Estline zahlte bald nach der Katastrophe 130 Millionen Euro Entschädigung an die Opfer - verbunden mit der Erklärung, dass dies kein Schuldeingeständnis im juristischen Sinne sei.

Immer wieder kursierten Gerüchte, warum die Estonia gesunken ist. Von Explosionen an Bord war die Rede. Und als sich herausstellte, dass die Estonia Rüstungsgüter geladen hatte, gediehen die Verschwörungstheorien noch stärker. Viele Hinterbliebene denken, besonders die schwedische Regierung habe etwas zu verbergen. Schweden, Finnland und Estland haben das Wrack, das in 80 Metern Tiefe liegt, zum Grab erklärt und das Gebiet für Taucher gesperrt.

Bureau Veritas und die Meyer-Werft trifft dem Gericht in Nanterre zufolge jedenfalls keine Schuld. Bei der Meyer-Werft zeigt man sich am Freitag erleichtert: "Das Urteil bestätigt unsere Auffassung. Die Estonia war über Jahre hinweg nicht ausreichend gewartet worden und dann bei hoher See viel zu schnell unterwegs", sagte ein Sprecher. Bureau Veritas ist für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Das Gericht weist die Kläger nicht nur ab - es verurteilt sie auch, den beiden Unternehmen 105 000 Euro für den Prozess zu zahlen. Die Opferanwälte wollen womöglich in Berufung gehen.

Bertil Calamnius will jetzt nicht aufgeben. Er selbst durfte in Frankreich nicht klagen, weil er sich schon 1995 gegenüber einer Versicherung verpflichtet hatte, keine juristischen Forderungen mehr zu stellen. Doch er sagt: "Es gibt noch Hoffnung." Sicher gebe es Leute, die mehr über die Unglücksnacht wüssten, die aber wegen politischen Drucks bisher nicht geredet hätten. "Ich hoffe, wenn sie in Rente sind, können sie die kleinen Geheimnisse enthüllen, die sie vielleicht noch haben."

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