Erdbeben in Italien:"Wir werden alles wiederaufbauen"

6.6 Magnitude Earthquake Strikes Central Italy

Zerstörte Häuser in Arquata del Tronto (Marken) zwischen Perugia und L'Aquila.

(Foto: Getty Images)

Italiens Premier Renzi sichert den Erdbebenopfern rund um Norcia Unterstützung zu. Glaubt man Seismologen, könnte das Schlimmste noch nicht einmal vorbei sein.

Von Andrea Bachstein, Rom

In der Morgensonne knien die Menschen auf der Piazza San Benedetto in Norcia, um mit zu weinen und zu beten. In ihrer Kirche können sie es nicht mehr tun. Um 7.40 Uhr hat der verheerende Erdstoß die mittelalterliche Kathedrale des Heiligen Benedikt in Trümmer gelegt. Nur die Mauer mit dem Portal aus dem 14. Jahrhundert hat dem Beben der Stärke 6,5 standgehalten, das Kirchentor führt nun in einen Haufen staubiger Steine.

Der Glockenturm steht nicht mehr, das historische Rathaus ist schwer beschädigt und alle Kirchen des wegen seiner Altstadt bei Touristen beliebten Städtchens in Umbrien, auch die Brücke aus der Römerzeit. Es war ein stärkerer Erdstoß als beim Beben, das Mittelitalien am 24. August heimgesucht und 300 Menschleben gekostet hat, es war das stärkste Beben in Italien seit 1980. Stärker also auch als das, das L'Aquila 2009 zerstört hat.

Zum Glück sind diesmal wohl keine Toten zu beklagen. Am späten Vormittag teilte der italienische Zivilschutzchef Fabrizio Curcio mit, dass es einige Dutzend Verletzte gebe, sie bis auf eine Person aber nur leichtere Verletzungen davongetragen haben.

Das Epizentrum lag diesmal in zehn Kilometern Tiefe nahe der 5000-Einwohner-Stadt Norcia und dem kleineren Preci. Wie beim Augustbeben waren wurden die Regionen Umbrien, Marken und Latium erschüttert. Es folgten im Abstand von Minuten Beben von 4,6 und 4,1 auf der Richterskala. Auch im 200 Kilometer entfernten Rom war der heftigste Erdstoß deutlich zu spüren. Der Betrieb der U-Bahn wurde aus Sicherheitsgründen vorübergehend eingestellt, die Basilika San Paolo im Osten der Stadt wurde geschlossen. In einem Wohnhaus stürzte ein Fahrstuhl ab - leer glücklicherweise, und kleinere Schäden an ihren Wänden und Häusern mussten auch manche Römer am Sonntag feststellen.

Von den Anhöhen waren die Staubwolken weithin sichtbar

Die Menschen in den Gegenden um das Epizentrum aber stehen unter Schock, sie dachten, das Schlimmste sei vorbei und sie könnten sich nun an die Behebung der Schäden vom Sommer machen, ehe der Winter hereinbricht. Die Erde dort hat allerdings seit August nie stillgehalten. Nachbeben mit Stärken deutlich über 4,5 auf der Richterskala spürten sie alle paar Tage, erst am vergangenen Donnerstag hatte sie ein Beben mit 5,1 erzittern lassen. Dass aber ein Nachbeben solcher Stärke folgen würde, damit hatten sie nicht gerechnet.

Im bergigen Umbrien waren am Sonntagmorgen von den Anhöhen die Staubwolken weithin sichtbar, die sich aus den eingestürzten Mauern über den Orten erhoben. Sie zeigten, wie heftig die Erde gegrollt hatte. Norcia und vor allem höher gelegene Orte waren zunächst nur schwer oder nicht erreichbar. Die Rettungskräfte konnten wegen Erdrutschen die Hauptstraßen oft nicht benutzen. Allerdings waren ohnehin viele Kräfte des Zivilschutzes in der Region, um die obdachlos Gewordenen der vorigen Beben zu betreuen und Gebäude zu sichern.

Aus Norcia wurden Verletzte mit dem Hubschrauber in Krankenhäuser geflogen, im zwölf Kilometer entfernten umbrischen Cascia musste das Krankenhaus vorsorglich evakuiert werden. Auch der Bahnverkehr zwischen den Marken und Umbrien musste stehen bleiben. In ganz Umbrien und der Provinz Rieti in Latium bleiben an diesem Sonntag die Kirchen verschlosen; es wäre einfach zu riskant, Menschen zur Messe im Inneren zu versammeln.

Weiterer Schlag für beschädigte Orte

Die schon im August schwer beschädigten Orte wie Accumoli und Amatrice sind nun noch einmal getroffen, die letzten Mauern sind dort nun gefallen. In Amatrice gibt es nun auch den Bürgerturm nicht mehr, der Symbol geworden war für den Überlebenswillen der Leute dort. Auch die Kirche des heiligen Augustin hat diesem jüngsten Stoß von unten endgültig nachgegeben.

Stefano Petrucci, der Bürgermeister von Accumoli, sagte einem Fernsehsender am Sonntagmorgen: "Hier ist jetzt alles zusammengebrochen, die Brücken haben sich um 20 Zentimeter verschoben." Ähnliches musste der Bürgermeister des am Epizentrum gelegenen Ortes Ussita berichten. "Alles ist eingestürzt, es ist eine Katastrophe, ich habe die Hölle gesehen", sagte Marco Rinaldi. Die Schadensbilanz wird erst in den kommenden Tagen deutlich werden, aber es hat viele, viele Baudenkmäler getroffen, auch ein Glockenturm in Ascoli Piceno in den Marken ist umgefallen.

Dass es dieses Mal, zumindest nach vorläufigen Erkenntnissen, keine Toten gab und die Zahl der Verletzten angesichts der Bebenstärke niedrig blieb, hat mehrere Gründe. Im August hielten sich wegen der Ferienzeit viel mehr Menschen in den kleinen Orten auf, die sonst in Rom oder anderen Städten leben, und die Häuser in ihren Heimatdörfern nur im Sommer bewohnen. Und die im August gefährlich beschädigten Gebäude durften seither nicht mehr betreten werden. Aber auch viele derjenigen, deren Häuser bisher noch in Ordnung waren, verbringen wegen der vielen Nachbeben ihre Nächte in sicheren Unterkünften. Einige schlafen schon seit Wochen im Auto oder in Campingmobilen.

"Das sind wunderbare Gegenden", sagt Premier Renzi

Seismologen können die Stärke und den Zeitpunkt von Erdbeben auch mit den ausgefeiltesten Messmethoden nicht vorhersehen. Aber sie waren nicht überrascht von der Heftigkeit des Bebens am Sonntag. Die italienische Erdbeben-Risiko-Kommission, in der Seismologen, Zivilschutz und Verwaltung sitzen, hatte gewarnt, dass Beben in der Stärke zwischen 6 und 7 in der Region nicht ausgeschlossen seien. Der Erdstoß gehe auf das selbe aktive System von Rissen und Gräben im Untergrund zurück wie das Erdbeben vom 24. August, erklären Wissenschaftler vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV). Das INGV registrierte bis zehn Uhr am Sonntagvormittag 50 Nachbeben mit einer Stärke von mehr als 3,0.

Für Tausende Betroffene müssen nun vorübergehende Unterkünfte gefunden werden. Sie sollen zunächst vor allem in Hotels an der Adria-Küste unterkommen. Der Präsident der Region Latium, Luca Ceriscioli, hat die Befürchtungen für seine Region in Zahlen gefasst: "Es könnte sein, dass wir von bisher rund 10 000 Menschen, die Hilfe benötigen, bei 100 000 ankommen."

Den Betroffenen hat nicht nur der Papst, sondern auch Italiens Regierungschef Matteo Renzi am Sonntag Trost und Mut zugesprochen. "Wir werden alles wiederaufbauen", versprach er. "Das sind wunderbare Gegenden. Wir können sie nicht nur mit den Augen von Bürokraten anschauen. Wir wollen, dass Norcia eine Zukunft hat, und dafür müssen wir die Häuser, die Kirchen, die Geschäfte wiederaufbauen. Und ich sage das nicht nur in Bezug auf Norcia."

© SZ.de/mkoh/tba
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