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Drogenschmuggel:Europas "Schnee"-Zentrum Antwerpen

Mit dem Schiff von Bilbao nach Hamburg

Nabel zur großen-kriminellen Welt? Die Schelde zieht sich durch Antwerpen und verbindet die belgische Stadt mit der Nordsee.

(Foto: Gianni Camilleri/dpa)
  • Die belgische Hafenstadt Antwerpen ist der größte Umschlagplatz für Kokain in Europa.
  • Im Jahr 2017 beschlagnahmten die Behörden 40 000 Kilogramm der Droge.
  • Der konservative Bürgermeister will das Problem nun für den Kommunalwahlkampf nützen, doch der riesige Hafen ist schwer zu kontrollieren.

Eine Fahrt durch den Hafen von Antwerpen ist wie eine Tour durch einen Irrgarten. Das Schiff zieht vorbei an Docks, Schleusen, Hebebrücken, an Hunderten Tankern und nach Öl stinkenden Terminals, an Tausenden bunten Containern, und bald bieten nur noch die Sonne Orientierung und der weiße Rauch des Kernkraftwerks Doel, oben im Norden. Wenn man nach 90 Minuten wieder am diamantförmigen, von Zaha Hadid entworfenen Hafenhaus am Eingang ankommt, hat man ein Fünftel des gesamten Riesengeländes gesehen, das 20 000 Fußballfelder umspannt.

Dies ist nach dem niederländischen Rotterdam der zweitgrößte Hafen Europas, ein Motor der belgischen Wirtschaft, der 143 000 Arbeitsplätze in Flandern sichert und eine Wertschöpfung von mehr als zehn Milliarden Euro. Nirgends in der EU werden mehr Bananen und Kaffee umgeschlagen. Und nirgends mehr Kokain.

Der neueste Bericht der EU-Drogenbehörde EMCDDA weist Antwerpen inzwischen als größtes Einfallstor für die Droge aus, wahrscheinlich knapp die Hälfte der in Europa verkauften Ware kommt hier an. Das Tor hat sich schnell geöffnet. Genaue Zahlen gibt es naturgemäß nicht, aber man kann hochrechnen von den Mengen, die Polizei und Zoll beschlagnahmen: 2013 waren es 4000 Kilogramm in Antwerpen, 2017 schon 40 000, im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Die Droge kann überall versteckt sein, in Containern, Paletten, zwischen Fliesen, Steinen und besonders oft in Fruchtladungen. Im Sommer lagen 56 Kilo zwischen Ananas-Attrappen aus Costa Rica. Zum Vergleich: In Rotterdam wurden 2017 nur 5000 Kilo gefunden.

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Eine Verzehnfachung innerhalb von vier Jahren? Das hat die Politik alarmiert. "Der Hafen ist löchrig wie ein Sieb", sagt Antwerpens Bürgermeister Bart De Wever. In einem Interview mit der niederländischen Zeitung Volkskrant, das viel Aufsehen erregte, gestand er ein, dass der Drogenschmuggel aus dem Ruder gelaufen sei. Das viele Geld, das damit verdient werde, wirke sich auf die ganze Gesellschaft aus. Und schlimmer noch: Die Drogenmafia kaufe Politiker in Antwerpen. "Ich kenne Stadträte, für die würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen."

Nun muss man wissen, dass De Wever der rechtskonservativen und oft auch populistischen Partei N-VA angehört und sich vor der Kommunalwahl am 14. Oktober als einziger Garant für Law and Order empfehlen möchte. Außerdem darf er sich fragen lassen, was er selbst seit dem Amtsantritt 2013, als er den Drogen den "Krieg" erklärte, eigentlich unternommen hat. Trotzdem spricht einiges dafür, dass er die Lage korrekt beschreibt. Ein ähnliches Bild zeichnete schon 2017 die Polizei: Möglicherweise infiltrierten Drogenkriminelle "strategische Sektoren" in Antwerpen, erklärte sie, "bei der Polizei, in der Justiz, beim Zoll und in Unternehmen".

"Ich kenne Stadträte, für die würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen"

Es gibt viel zu verdienen in dem Geschäft. 800 bis 1000 Euro ist das Kilo Kokainpaste bei der Einschiffung in Südamerika wert, heißt es in Berichten belgischer Behörden. Bei Ankunft in Europa sind es bis zu 25 000 Euro, zwischen Groß- und Kleinhandel gibt es weitere Steigerungen. Auf der Straße bringt eine typische Schiffsladung von 1200 Kilo, mehrfach verschnitten, dann 180 Millionen Euro. Etwa 80 Prozent der Ware sind für die Niederlande bestimmt, von dort aus wird das meiste in Europa verteilt. In den Niederlanden saßen bis vor einigen Jahren auch die Organisatoren des Geschäfts. Inzwischen hat sich eine eigenständige belgische Mafia gebildet. "Sie haben klein angefangen in Antwerpen", schreibt der Journalist Raf Sauviller im Buch "Borgerokko maffia", "als Kuriere für die marokkanischen Banden in den Niederlanden. Jetzt sind sie stark genug, um eigene Kokaintransporte durchzuführen und zu finanzieren."

Der Konkurrenzkampf um das viele Geld führt zu Gewalt. Tödliche Schießereien, Brandanschläge und Entführungen, wie sie in Amsterdam oder Venlo häufiger vorkommen, beschäftigen die Polizei nun auch im Raum Antwerpen oft. Meist sind es Abrechnungen zwischen Banden oder Warnungen an einen, der nicht spurt. Anfang des Jahres veröffentlichten lokale Zeitungen eine "Todesliste" mit neun Namen aus dem Milieu.