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Corona-Pandemie:Wenn die einen gereizt sind und die anderen betrunken

Menschen feiern in München während der Corona-Pandemie

Hunderte Menschen: In lauen Nächten geht es auf dem Gärtnerplatz derzeit hoch her. So lange die Clubs geschlossen sind, dürfte das auch so bleiben.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Dann gibt es Streit. Party in der Pandemie geht nur draußen - im öffentlichen Raum. Damit das funktionieren kann, braucht es neue Konzepte für den Umgang mit Feiernden.

Kommentar von Meredith Haaf

Gibt es ein Recht auf Party in der Pandemie? Sollen Menschen in der Dunkelheit zusammenkommen mit lauter Musik und berauschenden Getränken, während immer noch ein Virus zirkuliert, das schon jetzt die Gesellschaft tief greifend verändert hat?

Die Antwort der Politik darauf ist bisher allenfalls ein klares Achselzucken. Clubs und Konzerthallen, die Orte, an denen sich Menschen früher zum Trinken und Tanzen versammelt haben, müssen nach wie vor zubleiben. Der bayerische Ministerpräsident hatte zu dem Thema zuletzt nichts weiter zu sagen, als dass die Veranstalter sich gedulden müssten. Wer tanzen wolle, solle das mit seiner Partnerin im Wohnzimmer tun. Ein Spaziergang durch seine Landeshauptstadt oder vielleicht auch durch die Stuttgarter Innenstadt hätte ihm klar machen können, dass das gerade nicht die Lösung ist. Die Menschen strömen nach draußen; tanzen mit Partnern und Unbekannten, urinieren, hören dort laute Musik, wo sie Platz finden. Und wenn dort jemand wohnt, der lieber schlafen will, kommt eben irgendwann die Polizei.

Wer darf im öffentlichen Raum eigentlich was?

Wer den öffentlichen Raum wann und wie nutzen darf, ist seit Jahren ein Konflikt, der in vielen Kommunen zunimmt. Der Wohnraum wird dichter, Menschen drängt es nach draußen, und kostenfreie Orte werden seltener. Die Interessen prallen aufeinander, und in der Nacht, wenn die einen gereizt sind und die anderen betrunken, ist der Frieden umso schwieriger zu stiften. Bisher haben Clubs einen Beitrag dazu geleistet, die Rahmenbedingungen für sozialverträgliches Feiern zu schaffen. Tatsächlich ist das Nachtleben das Gegenteil der anarchischen Kontrollverlust-Szene, als das es viele gern darstellen. Es findet hierzulande unter strengen Auflagen statt: Lärm-Emissionen sind penibel geregelt. Jugendschutz muss gewährleistet sein, gewisse Hygienestandards gehalten. Türsteher sorgen für soziale Kontrolle.

All das fällt nun weg, mit schweren Folgen: Abgesehen von einer Kulturlandschaft, der mangels politischer Unterstützung das Aus droht, sind die gesellschaftlichen Kosten hoch. Wenn nun im Wortsinn nur noch wild gefeiert wird, fehlen Instanzen, die die Einhaltung gewisser Regeln verantworten. Was so passieren kann, zeigte 2019 der Tod eines jungen Mannes auf einer illegalen Party in München, er starb an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Die Veranstalter hatten aus Unwissen einen Dieselaggregator im geschlossenen Raum laufen lassen.

Um Konflikte zu reduzieren, müssen die Kommunen Kräfte mobilisieren, die den Interessensaustausch im öffentlichen Raum ermöglichen. In München etwa gibt es ein Projekt, bei dem Mediatoren in der Stadt unterwegs sind; Mannheim beschäftigt einen Nachtbürgermeister, der zwischen Feiervolk und Anwohnern vermittelt. Oft ist die Polizei gerade nicht der bestmögliche Ansprechpartner, denn wenn sie anrückt, scheint es meist nicht mehr weit bis zum Einsatz. So weit muss es gar nicht erst kommen.

Dazu braucht es mehr Verantwortungsgefühl - auf allen Seiten. Weder ist der schöne Platz vor der eigenen Wohnung Eigentum der Anwohner, noch hoheitsfreies Gebiet. Die Kommunen sollten mehr Menschen damit beauftragen zu schlichten und zu vermitteln. Clubbetreiberinnen und Türsteher sollten miteinbezogen werden - in das, was sie am besten können: krisenfreie Partys ermöglichen.

© SZ vom 02.07.2020/mpu
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