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Coronavirus in Schweden:Das nächste Ischgl

Michael Kappeler

"Wer kommt jetzt noch nach Åre?"

(Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa)

Åre ist das bekannteste Skigebiet Schwedens - und trotz Coronavirus ist der Skispaß noch in vollem Gange. Die Einwohner befürchten das Schlimmste.

Die Lage in Åre am Sonntagmorgen: 112 Zentimeter Schnee, der Himmel bewölkt, die Temperaturen bei minus sechs Grad. Im Hauptort Åre sind geöffnet: 16 von 16 Liften und 38 von 38 Pisten, Ähnliches vermelden die Nebenorte Duved und Björnen. Ideale Bedingungen auf den insgesamt 192 Kilometer Pisten von Schwedens bekanntestem Skigebiet.

Als das Tiroler Trisanna-Magazin vor ziemlich genau einem Jahr dem Wintersportort Åre eine Geschichte widmete, da lautete die Überschrift "Der Hotspot", und daneben stand: "Ischgl liegt derzeit in Schweden".

Tatsächlich war Åre da gerade das Zentrum der Skiwelt, der Ort richtete 2019 die Skiweltmeisterschaften aus. Nun, ein Jahr später, fragen manche, ob Åre sich erneut anstrengt, Ischgl nachzueifern, diesmal allerdings auf ungute Weise: Inmitten der Coronavirus-Krise ist auf Åres Pisten und in seinen Hotels noch immer Hochbetrieb.

Auch in den nordischen Ländern hat sich herumgesprochen, dass es ausgerechnet prominente Skigebiete der Alpen waren, die sich in Brutplätze des Coronavirus verwandelt hatten, dass Urlauber im österreichischen Ischgl und in den Skiorten Südtirols das Virus aufschnappten, oft beim Après-Ski, und es von dort aus mit in ihre Heimatorte und -länder schleppten. Norwegen hat deshalb seine Skigebiete geschlossen, Finnland die Schließung für die nächste Woche beschlossen.

Noch immer treffen Leute ein

In Schwedens großen Skigebieten allerdings geht der Skispaß bislang fast ungebremst weiter. Die 35 000 Gästebetten des 2800-Einwohner-Ortes Åre seien voll, meldete die schwedische Presse am Wochenende. Bis Freitagnacht tummelte sich das Volk sogar noch beim Après-Ski: Weil Schwedens Regierung Ansammlungen von mehr als 500 Menschen untersagt hatte, ließen zum Beispiel die Partyveranstalter im Skigebiet des Ortes Sälen jeden Abend exakt 499 Personen in den Clubs und Bars feiern. Die Skigebiete in Sälen und in Åre werden beide vom selben Betreiber unterhalten, der Firma Skistar.

Wenigstens das engste Partygetümmel hat seit Samstag ein Ende: Sowohl in Åre als auch in Sälen erklären Hotels und Lokale, von nun an aufs Après-Ski verzichten zu wollen.

Da waren allerdings die Warnschüsse auch schon nicht mehr zu überhören: Am Freitag war der erste Skifahrer in Åre als Corona-Patient identifiziert worden, am Samstag dann waren es bereits neun. Am Sonntag meldeten die Behörden, dass sieben weitere Menschen positiv getestet wurden. "Und die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher", sagte Sofia Leje, die leitende Ärztin in Åre der Zeitung Dagens Nyheter.

Leje ist dieser Tage viel in der Presse, sie klingt von Tag zu Tag verzweifelter, am Wochenende forderte sie dringend die Schließung der Skigebiete, zum wiederholten Male. "Haben wir nichts von Italien und Österreich gelernt?" Schon jetzt, sagte die Ärztin, sei die kleine Krankenstation von Åre am Rande ihrer Kapazitäten. "Wir müssen den Zustrom von Touristen in die Berge definitiv stoppen", hatte sie schon am Freitag verlangt.

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Schwedische Medien zitieren Skilehrer, die ihnen erzählen, dass noch immer Neuankömmlinge aus den großen Städten in Åre einträfen: Angestellte, die die nationalen Gesundheitsbehörden eigentlich ins Home-Office geschickt hatten, Schüler und Studenten, die man wegen der Ansteckungsgefahr fürs Online-Lernen nach Hause geschickt hatte - und die nun die unverhofft freien Tage offenbar in Skiferien verwandeln, den Laptop im Gepäck.

"Kann enden wie in Italien"

"Unfassbar, dass die Stockholmer jetzt zum Skifahren nach Åre fahren und den Ausbruch dorthin tragen", schrieb die Notfallärztin Katrin Kruska auf Twitter: "Die Last für Retter und Notfallmedizin wird enorm sein. Entschuldigung, Jämtland!" Jämtland ist die Provinz, zu der Åre gehört.

Es ist ein dünn besiedeltes Gebiet, die Bergregion an der Grenze zu Norwegen, weit weg von den Metropolen, weit weg von den notwendigen medizinischen Kapazitäten. Und dabei meldete der schwedische Rundfunk am Sonntag, dass selbst in Stockholm die Intensivstationen jetzt schon fast voll seien.

Die schwedischen Medien haben das Thema Ende letzter Woche entdeckt. "Corona-Alarm in den Bergen: Kann enden wie in Italien", lautete eine Überschrift des Boulevardblattes Aftonbladet am Freitag. Da hatten die obersten Epidemiologen des Landes schon vor dem Skitourismus gewarnt.

Der Chef der Gesundheitsbehörde nannte das Verhalten der vergnügungssüchtigen Großstädter "unverantwortlich". Der Expressen zeigte am Wochenende Fotos von einer Après-Ski-Party in einem Club in Åre, bei der angeblich mehrere der nun Infizierten zugegen waren. Auf den Fotos tanzen die Leute unter anderem in einer Polonaise durch den Raum.

Anders als andere Länder setzte Schweden bislang in der Corona-Krise mehr auf Appelle an den gesunden Menschenverstand denn auf Verordnungen und Ausgangssperren - ein Ansatz, der in Åre offensichtlich konterkariert wird. In der Region selbst haben die einen Angst vor den wirtschaftlichen Verlusten, die im Falle einer Schließung drohen, die anderen aber werden zunehmend von Furcht und Zorn gepackt.

"Wer kommt jetzt noch nach Åre, obwohl die Gesundheitsbehörden Euch klar sagen, dass Ihr zu Hause bleiben sollt?", steht auf einem Zettel, den offenbar ein Bewohner von Åre am Bahnhof des Ortes angebracht hat, gut sichtbar für Neuankömmlinge: "Denkt an uns, die wir hier leben, Ihr Egoisten!"

Die Firma Skistar ist an der Börse in Stockholm gelistet, auch sie wird mittlerweile in den Medien kritisiert dafür, dass sie zwar ihre norwegischen Skigebiete geschlossen hat, die schwedischen aber weiter offen hält. Norwegen und Schweden seien "zwei völlig unterschiedliche Länder, in denen die Behörden unterschiedliche Beschlüsse fällen", verteidigte Skistar-Sprecherin Linda Morell die Politik der Firma.

Am Montag nun wollen sich in Schweden die Gesundheitsbehörden erneut treffen und über mögliche neue Restriktionen auch für Skigebiete sprechen, schließlich stehen die Osterferien vor der Tür.

Skistar hat derweil eigene Maßnahmen verkündet: Man beschränke nun die Anzahl der Passagiere pro Gondel und in den Skibussen. Und Skilehrer dürfen ihren Schülern nur mehr mit Skihandschuhen die Hand geben.

© SZ/muth
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