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Corona in Tschechien:Alarmstufe Dobermann

Derzeit herrscht in ganz Tschechien Alarmstufe Lila - oder anders gesagt: Zähnefletsch-Zustand.

(Foto: Tschechisches Gesundheitsministerium)

Grün, gelb, rot - eine normale Corona-Ampel kann jeder. Tschechien aber setzt im Kampf gegen die Pandemie nicht nur auf eine Farb-, sondern auch auf eine Hundeskala.

Von Viktoria Großmann

Während in vielen Ländern noch die Corona-Ampeln ständig auf Rot stehen, ist Tschechien auf den Hund gekommen. Ja, auch die neue tschechische Pandemie-Skala setzt auf Farben, aber nicht auf drei, sondern auf fünf, denn die Alarmstufe Rot ist ja ohnehin längst überschritten. Dazu verdeutlicht ein Hundekopf, wie groß die Infektionsgefahr gerade ist. Abgekürzt lautet nämlich der Name des neuen Systems PES, tschechisch für Hund. Auf den Seiten des Gesundheitsministeriums ist nun seit Montag das ganze Land dunkellila eingefärbt - und ein Wachhund fletscht bedrohlich die Zähne. Auf den ersten Blick ist klar: allerhöchste Gefahr.

Geht das Land vor die Hunde? Nicht doch. Es handelt sich bei dem Hunde-Warnsystem eher um eine Art Haustier-Therapie für eine gebeutelte Nation. Denn die Idee des Gesundheitsministers Jan Blatný, der erst seit Kurzem im Amt ist, verbindet das Schlimmste, Corona nämlich, mit dem Allerbesten. Kein Volk Europas ist so hundenärrisch wie das tschechische. Und die Hundeliebe, das zeigen aktuelle Studien, hat seit der Pandemie noch zugenommen. Ob er nun gegen Einsamkeit helfen oder einen triftigen Grund für einen Spaziergang liefern soll: Der Hund ist der Tschechen liebster Freund. 40 Prozent halten sich einen, und von den anderen 60 Prozent denken immerhin 59 Prozent über eine Anschaffung nach.

Geschlossene Schulen, Sperrstunde, Maskenpflicht

Ein Hundejahr ist dieses 2020 also auf jeden Fall. Kinderarzt Blatný, gerade noch Fakultätsleiter an der Uniklinik Brünn, sitzt plötzlich am Krankenbett einer ganzen Nation. Und das Fieber will und will nicht sinken. Dabei haben ihm seine zwei Vorgänger kaum noch Maßnahmen übrig gelassen: Die Schulen sind seit Wochen geschlossen, es gelten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Mundschutz muss auch im Freien getragen werden, wenn der Abstand von zwei Metern nicht eingehalten werden kann. Und noch immer bewegen sich die Fallzahlen, trotz einer Entspannung, verglichen mit Deutschland auf hohem Niveau, Krankenhäuser melden Überlastung. Das Krematorium der Großstadt Ostrava sah sich gezwungen, eine neue Leichenhalle zu errichten.

Gefahrenampel mit Hund

So sieht das tschechische Corona-Warnsystem mit all seinen Stufen aus. Das Land hofft, sich Schritt für Schritt in Richtung Schlappohr vorzuarbeiten.

Wie soll man in solchen Zeiten Hoffnung wecken? Vielleicht, indem man die Erzählung ändert. Indem man die Menschen darauf vorbereitet, dass es in kleinen Schritten gehen wird. Nicht von Rot zu Gelb. Sondern von Lila zu Rot zu Orange zu Gelb. Ein Zähnefletscher lässt sich nur langsam zum Schlappohr-Hund zähmen. Auch die tägliche Zahlenmasse ersetzt die neue Skala. Statt der vielen Kennziffern, mit denen die Menschen in dieser Pandemie permanent überhäuft werden - Infiziertenzahlen, Todeszahlen, Inzidenzwerten und R-Werten -, gibt es jetzt nur noch einen einzigen Wert zwischen null und hundert, der die bisherigen Einzelparameter zusammenfasst. Erst kürzlich hatte es in Tschechien eine Debatte darüber gegeben, dass der Datenwust, den ein Laie kaum einordnen kann, die Menschen nur noch mehr deprimiert.

Wenn man nun genau hinsieht, bewegt sich Tschechien schon am unteren lila Rand. Danach kommt Rot. Der dazugehörige Hund zeigt weniger Zähne als das Fletsch-Monster. Und das bedeutet: Statt zwei dürfen sich wieder sechs Leute treffen, die Ausgangssperre beginnt zwei Stunden später. Kleine Schritte. Etwas Hoffnung. Der Hund wird zahmer und zahmer - und irgendwann, wenn alles wieder gut wird, hechelt er einen auf der grünen Wiese freundlich an.

© SZ/nas
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