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Abou-Chaker-Prozess:"Du wirst schon sehen, was ich mit dir mache"

Rapper Bushido und Clanchef Arafat Abou-Chaker fühlten sich einst als Brüder. Am Montag trafen sie vor Gericht aufeinander - Abou-Chaker soll den Musiker bedroht und drangsaliert haben.

Von Verena Mayer, Berlin

Der Gang vor dem Saal 500 ist mit Panzerglas gesichert, vor der Tür stehen fünf maskierte Polizisten. Das Berliner Landgericht wirkt an diesem Montagmorgen, als finde ein Terroristenprozess statt. Dabei haben sich die beiden Männer, die hier aufeinander treffen, einmal als Brüder gefühlt: der Gangsterrapper Bushido und Arafat Abou-Chaker, Oberhaupt der gleichnamigen Familie, in der einzelne Mitglieder mit spektakulären Straftaten wie etwa dem Überfall auf ein Pokerturnier in Verbindung gebracht wurden.

Die beiden Männer kennen sich seit Langem, sie waren Geschäftspartner, zeigten sich gemeinsam auf dem Roten Teppich. Doch dann kam 2017 der Bruch. Bushido kündigte die Geschäftsbeziehung, was Arafat Abou-Chaker offenbar nicht einfach so hinnehmen wollte - es soll zu Beschimpfungen, Drohungen und einem körperlichen Übergriff gekommen sein.

Zu seinem Verhältnis zu Abou-Chaker hat sich Bushido im Lauf der Jahre immer wieder geäußert, zuletzt in einem Song mit dem Titel "Mephisto" ("Heute weiß er, damals trat der Teufel in sein Leben"). Was an strafbaren Dingen passiert ist, soll der Prozess vor dem Berliner Landgericht klären, angeklagt sind räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Untreue.

Seit Bushido ausgesagt hat, steht er unter Polizeischutz

Auf der Anklagebank sitzen Abou-Chaker und drei seiner Brüder. Schräg gegenüber nimmt Bushido, bürgerlich Anis Ferchichi, als Nebenkläger Platz, gleich an der Saaltür, in der Nähe der Polizisten - seit Bushido bei den Behörden gegen seinen früheren Kumpel ausgesagt hat, steht er unter Polizeischutz. Die beiden Männer würdigen einander keines Blickes. Abou-Chaker guckt gelangweilt im Saal herum, Bushido macht sich hin und wieder Notizen.

"Haben Sie einen Beruf erlernt?", fragt der Vorsitzende Richter den 44-jährigen Arafat Abou-Chaker. "Kfz-Mechaniker", sagt Abou-Chaker. "Der Tätigkeit gehen Sie aktuell aber nicht nach?" - "Nein, ich bin selbstständig." Abou-Chakers Selbstständigkeit soll dann auch einer der Gründe für den Streit gewesen sein, der in der 20-seitigen Anklageschrift mündete, die am ersten Prozesstag verlesen wird. Demnach soll Abou-Chaker den "Sprachgesangskünstler", wie die Staatsanwältin Bushido nennt, am ersten Weihachtsfeiertag 2017 zu einer Aussprache ins Büro des Plattenlabels "Ersguterjunge" zitiert und die Tür verschlossen haben. Dort sollen die Worte "Hüte deine Zunge, bevor ich sie dir abschneide" gefallen sein. Ein Angebot, in dem in mehreren Varianten die Trennung der Geschäfte, das der Rapper dem Clanchef überreichte, habe dieser mit den Worten "Du wirst schon sehen, was ich mir dir mache!" zerknüllt.

Im Januar soll es dann zu einer weiteren Auseinandersetzung in dem Büro gekommen sein, bei der auch zwei Brüder Arafat Abou-Chakers anwesend waren. Es ging um eine Abfindung. Abou-Chaker soll Bushido vor die Wahl gestellt haben: Entweder er gebe ihm zwischen zwei und drei Millionen Euro, da der Rapper mit einem Album knapp zwei Millionen verdiene, mit Youtube und Auftritten noch einmal mehrere Hunderttausend. Oder er solle "bis an sein Lebensende zahlen", sagt die Staatsanwältin.

Viereinhalb Stunden habe der Streit gedauert. Abou-Chaker soll dabei einen Stuhl geworfen, dem Rapper eine halbvolle Wasserflasche ins Gesicht geschlagen und den Satz "Erst ficke ich deine Mutter, dann ficke ich deinen Vater, dann ficke ich deine Kinder, und wenn ich damit fertig bin, ficke ich dich" gesagt haben. Bushido habe sich "akut bedroht" gefühlt, so die Staatsanwältin, er "fürchtete insbesondere um die körperliche Sicherheit seiner Kinder". Danach habe der Musiker das Land Richtung Kenia verlassen und sich später in psychologische Behandlung begeben.

Ob sie sich zu den Vorwürfen äußern wollen, fragt der Vorsitzende die Angeklagten. Alle lassen durch ihre Verteidiger ausrichten, dass sie erst einmal schweigen wollen. Der Verteidiger von Arafat Abou-Chaker sagt später auf dem Flur nur, dass er die Sicherheitsmaßnahmen "übertrieben" und als "ein Spektakel" empfinde.

Tatsächlich ist es nicht der spektakulärste Prozess, der vor dem Berliner Landgericht stattfindet. Aber es geht um Millionen, und die 23 Verhandlungstage, die bislang angesetzt sind, könnten interessante Einblicke geben, wie Rapper und Clanchef zusammengearbeitet haben und wie verflochten möglicherweise die Milieus sind. Material gibt es reichlich, nicht zuletzt, weil Arafat Abou-Chaker Gespräche mit Bushido gerne heimlich mit seinem Smartphone aufgezeichnet haben soll, das ist einer der Anklagepunkte. Bushido selbst will als Nebenkläger präsent sein, an einem der nächsten Termine soll er aussagen und aus seiner Sicht erzählen, wie sich sein ehemaliger Bruder zum angeblichen Mephisto gewandelt hat.

© SZ/olkl
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