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Bremen:Mit dem Strafrecht könne man Stalking nicht beherrschen

Wer mit ihnen sprechen will, dessen Akte erhalten sie von den Behörden - vertraulich. Die Gespräche sind freiwillig, das gilt für Gestalkte und für Stalker. Es kann jedoch für beide ein Ausweg sein. Täter, gegen die bereits ermittelt wird, müssen zunächst eine Schutzerklärung unterschreiben und damit garantieren, dass sie ihr Opfer nicht mehr behelligen werden.

Das soll zumindest die Hemmschwelle erhöhen, ein Verstoß gegen die Unterlassung hätte juristische Folgen. Es sei allerdings eine Illusion, dass man Stalking mit dem Strafrecht beherrschen könne, sagt Frank Winter. "Wenn die Dynamik richtig in Schwung kommt, dann gibt es im Prinzip kein Halten mehr." Deshalb versuchen diese beiden Therapeuten es anders.

Eben weil Stalking ein ziemlich komplexes zwischenmenschliches Vergehen ist, beschäftigen sich Frank Winter und Frauke Dziomba mit beiden Seiten. Damit die Opfer ihre Peiniger nicht sehen müssen, empfangen sie Stalker und Gestalkte an verschiedenen Terminen.

Mit Frauen spricht immer Frauke Dziomba, Frank Winter hört nur zu. Mit Männern spricht immer er, und sie hört nur zu. Der vierte Stuhl ist unbesetzt. "Aber innerlich weiß man, da sitzt der, der fehlt", sagt Winter, also der Stalker oder Gestalkte.

Eine Frau habe ihnen einmal stolz 35 Strafanzeigen präsentiert. Und als sie dann zur Sprechstunde kam, sagte sie auch noch: "Ich hab' meinen Stalker mitgebracht." Die zwei waren gerade wieder zusammen.

Aber gewöhnlicher ist, dass ehemalige Paare kommen, bei denen es er oder sie nicht verkraftet, dass sich der oder die andere von ihm oder ihr getrennt hat. Groupies, die wie von Sinnen Promis wie Lady Gaga oder Justin Bieber nachstellen, sind eher nicht ihr Thema. Als Erstes fragen die Berater stets nach der Szene des Kennenlernens. "Darin findet sich praktisch die gesamte Geschichte", sagt Frank Winter.

Es geht immer um Liebe und Hass

Nicht selten erinnert das Scheitern einer Beziehung an die Trennungsgeschichte der Eltern, Wiederholungszwang nennen das die Experten. Frauke Dziomba und Frank Winter gehen davon aus, dass sie für die Stalker und Gestalkten manchmal auch die Rolle von Vater oder Mutter einnehmen.

Es geht in den Geschichten in diesem hellen Zimmer um Liebe und Hass, zwei gegensätzliche und doch so nahe Gefühle. "Es sind immer beide Gefühle da", sagt Frank Winter. Liebesschwüre und Beleidigungen bis hin zu Todesdrohungen wechseln sich da oft im Sekundentakt ab. "Stalking - zwischen Liebeswahn und Strafrecht", heißt ein Buch, das Frank Winter mit Georg Bruns herausgegeben hat.

Stalking hat mit Besitz und Verlust zu tun. Ein Stalker will seinem Opfer die Eigenständigkeit rauben. Er will dessen innere Welt besetzen. Sucht spielt dabei vielfach eine Rolle, sagen die Therapeuten, Alkohol und Drogen. Borderline-Patienten sind auch keine Ausnahme. Und selbst die Rolle von Gestalkten ist manchmal nicht so eindimensional, wie sie oft auf den ersten Blick scheint. Stalking könne in manchen Fällen das Ego des Gestalkten nähren, sagt Frank Winter, er nennt das "einen narzisstischen Schrei".

ÜberLeben Die Saat der Angst
Serie „ÜberLeben“

Stalking

Die Saat der Angst

Silvia Meixner wird seit Jahren gestalkt. Erst Stöhnen am Telefon, dann eine Morddrohung. Über den Horror eines Opfers.   Protokoll: Lars Langenau