Süddeutsche Zeitung

Bremen:Stalking-Therapie hilft Opfer bei Konfrontation mit dem Täter

Lesezeit: 5 min

Wenn aus Liebe Wahnsinn wird, nutzen oft weder Paragrafen noch Einzelsitzungen. Zwei Psychologen in Bremen arbeiten mit einem neuen Ansatz.

Von Peter Burghardt

Ein Herz, vor der Tür in den Rasen gemäht oder in den Schnee getrampelt. Eine Rose unter dem Scheibenwischer, immer und immer wieder. Bevor Stalking brutal wird und gefährlich, kann Stalking manchmal gruselig bizarr sein.

Vom Stalking handeln auch Geschichten wie die einer manischen Seniorin, die halb nackt durch den Garten eines Pfarrers tanzt und den Geistlichen mit ihrem Irrsinn seit Jahren verrückt macht, obwohl sie zwischendurch in Untersuchungshaft landete. "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", sagt Frauke Dziomba, "es gibt alles." Lustig ist es am Ende nie. Stalking kann Seelen verwüsten und Existenzen zerstören, mitunter mündet Stalking in pure Gewalt. Die Psychologen Dziomba und Frank Winter können als Nothelfer viel darüber erzählen.

Anrufe, Briefe, zerstochene Reifen: Es gibt viele Wege des Psychoterrors

Ein Raum im Souterrain der Bremer Altstadt. Vier Stühle. Auf der einen Seite sitzen Frank Winter und Frauke Dziomba, auf einem Stuhl gegenüber sitzt der Gast. So wäre es auch, wenn hier eine Stalkerin säße oder ein Stalker beziehungsweise eine Gestalkte oder ein Gestalkter. Ein vierter Stuhl bleibt immer frei. Das Setting ist schon Teil der Therapie.

Denn Stalking an sich ist uralt. Das englische Wort bedeutet so viel wie Anpirschen und Nachstellen. Der oder die vermeintlich Geliebte oder Verehrte wird verfolgt. Gejagt. In seiner verschärften Version ist das ein Verbrechen, bis hin zu Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung und sogar Mord. Die Opfer wissen nie, wann und wie der Jäger wieder zuschlägt, das macht die Sache so perfide. Viele Opfer leiden unter Depressionen und Angstzuständen bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen.

Generationen von Ermittlern und Therapeuten haben sich daran abgearbeitet, das Internet mit Chatrooms und Cyberstalking hat das diffuse Problem noch größer gemacht. Die Spezialisten Winter und Dziomba glauben, dass dem Phänomen weder mit dem Gesetzbuch noch mit traditionellen Einzelsitzungen beizukommen ist.

So wurde dieses Duo in Zusammenarbeit mit Bremer Staatsanwaltschaft und Polizei zum Kriseninterventionsteam Stalking. Frank Winter ist der Leiter. Es geht um einen Täter-Opfer-Ausgleich, der bei anderen Konflikten schon länger angewandt wird. Anders als zum Beispiel bei zerstrittenen Nachbarn sollen Stalker und Gestalkte aber nicht zusammengebracht werden. Es geht um eine endgültig Trennung. Sie sollen sich möglichst gar nicht mehr begegnen. "Wir schaffen einen Ort, an dem Menschen die Möglichkeit haben, die Trennung zu verarbeiten und Ruhe zu finden", sagt Frank Winter. Dieser Ansatz sei einzigartig.

Mehr als 1000 Fälle haben sie betreut, seit das Projekt vor mehr als zehn Jahren losging. Bundesweit wurden im Jahr 2016 18 739 Fälle von der Polizei erfasst. Erst seit 2007 ist Stalking strafbar, auch wenn sich die Taten in vielen Fällen nur schwer nachweisen lassen. "Zumal sich Täter beim Stalking nie als Täter sehen", wie Frank Winter erläutert. "Sie sehen sich als Opfer, weil sie verlassen wurden oder ihre Liebe unerwidert bleibt." Seit 2017 reicht es für eine mögliche Strafverfolgung aus, wenn nur die Möglichkeit besteht, dass jemand durch Stalking zu Schaden kommen könnte.

Der Psychoterror kann aus permanenten Anrufen bestehen, aus Fluten von Briefen, Mails, Whatsappnachrichten oder SMS. Mal wartet der Verfolger beziehungsweise die Verfolgerin ständig vor der Haustür, an der Straßenecke, beim Arbeitsplatz oder an der Bushaltestelle. Mal wird das Opfer trotz Zurückweisung umschwärmt, mal bedroht. Mal werden Reifen zerstochen, mal wird ungebeten Pizza bestellt, ein Taxi geschickt oder ein Geschenk nach dem nächsten. Und im schlimmsten Fall endet Stalking tödlich, wie im Fall der Amerikanerin Jane Clough, die von ihrem Stalker im Sommer 2010 erstochen wurde, oder der 45-jährigen Architektin aus München, die 2016 von ihrem Ex-Freund getötet wurde, nachdem er ihr sechs Jahre lang nachgestellt hatte.

Die Polizei empfiehlt Betroffenen, was in solchen Situationen oft unmöglich ist: Man möge dem Stalker "sofort und unmissverständlich" klarmachen, dass man keinen Kontakt wolle. "Ignorieren Sie ihn (den Stalker oder die Stalkerin) dann völlig." Ansonsten wird zu einer Strafanzeige geraten und bei Bedrohungen zu einem Notruf. Außerdem soll alles dokumentiert werden, was später als Beweismittel dienen könnte. An diesem Punkt kommen Frank Winter und Frauke Dziomba ins Spiel.

Mit dem Strafrecht könne man Stalking nicht beherrschen

Wer mit ihnen sprechen will, dessen Akte erhalten sie von den Behörden - vertraulich. Die Gespräche sind freiwillig, das gilt für Gestalkte und für Stalker. Es kann jedoch für beide ein Ausweg sein. Täter, gegen die bereits ermittelt wird, müssen zunächst eine Schutzerklärung unterschreiben und damit garantieren, dass sie ihr Opfer nicht mehr behelligen werden.

Das soll zumindest die Hemmschwelle erhöhen, ein Verstoß gegen die Unterlassung hätte juristische Folgen. Es sei allerdings eine Illusion, dass man Stalking mit dem Strafrecht beherrschen könne, sagt Frank Winter. "Wenn die Dynamik richtig in Schwung kommt, dann gibt es im Prinzip kein Halten mehr." Deshalb versuchen diese beiden Therapeuten es anders.

Eben weil Stalking ein ziemlich komplexes zwischenmenschliches Vergehen ist, beschäftigen sich Frank Winter und Frauke Dziomba mit beiden Seiten. Damit die Opfer ihre Peiniger nicht sehen müssen, empfangen sie Stalker und Gestalkte an verschiedenen Terminen.

Mit Frauen spricht immer Frauke Dziomba, Frank Winter hört nur zu. Mit Männern spricht immer er, und sie hört nur zu. Der vierte Stuhl ist unbesetzt. "Aber innerlich weiß man, da sitzt der, der fehlt", sagt Winter, also der Stalker oder Gestalkte.

Eine Frau habe ihnen einmal stolz 35 Strafanzeigen präsentiert. Und als sie dann zur Sprechstunde kam, sagte sie auch noch: "Ich hab' meinen Stalker mitgebracht." Die zwei waren gerade wieder zusammen.

Aber gewöhnlicher ist, dass ehemalige Paare kommen, bei denen es er oder sie nicht verkraftet, dass sich der oder die andere von ihm oder ihr getrennt hat. Groupies, die wie von Sinnen Promis wie Lady Gaga oder Justin Bieber nachstellen, sind eher nicht ihr Thema. Als Erstes fragen die Berater stets nach der Szene des Kennenlernens. "Darin findet sich praktisch die gesamte Geschichte", sagt Frank Winter.

Es geht immer um Liebe und Hass

Nicht selten erinnert das Scheitern einer Beziehung an die Trennungsgeschichte der Eltern, Wiederholungszwang nennen das die Experten. Frauke Dziomba und Frank Winter gehen davon aus, dass sie für die Stalker und Gestalkten manchmal auch die Rolle von Vater oder Mutter einnehmen.

Es geht in den Geschichten in diesem hellen Zimmer um Liebe und Hass, zwei gegensätzliche und doch so nahe Gefühle. "Es sind immer beide Gefühle da", sagt Frank Winter. Liebesschwüre und Beleidigungen bis hin zu Todesdrohungen wechseln sich da oft im Sekundentakt ab. "Stalking - zwischen Liebeswahn und Strafrecht", heißt ein Buch, das Frank Winter mit Georg Bruns herausgegeben hat.

Stalking hat mit Besitz und Verlust zu tun. Ein Stalker will seinem Opfer die Eigenständigkeit rauben. Er will dessen innere Welt besetzen. Sucht spielt dabei vielfach eine Rolle, sagen die Therapeuten, Alkohol und Drogen. Borderline-Patienten sind auch keine Ausnahme. Und selbst die Rolle von Gestalkten ist manchmal nicht so eindimensional, wie sie oft auf den ersten Blick scheint. Stalking könne in manchen Fällen das Ego des Gestalkten nähren, sagt Frank Winter, er nennt das "einen narzisstischen Schrei".

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3769302
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 29.11.2017/eca
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.