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Bremen:Stalking-Therapie hilft Opfer bei Konfrontation mit dem Täter

Chairs in circle

Das Setting ist Teil der Therapie: Ein Stuhl für das Opfer, zwei für die Therapeuten - und einer für den in Gedanken anwesenden Täter.

(Foto: Getty)

Wenn aus Liebe Wahnsinn wird, nutzen oft weder Paragrafen noch Einzelsitzungen. Zwei Psychologen in Bremen arbeiten mit einem neuen Ansatz.

Ein Herz, vor der Tür in den Rasen gemäht oder in den Schnee getrampelt. Eine Rose unter dem Scheibenwischer, immer und immer wieder. Bevor Stalking brutal wird und gefährlich, kann Stalking manchmal gruselig bizarr sein.

Vom Stalking handeln auch Geschichten wie die einer manischen Seniorin, die halb nackt durch den Garten eines Pfarrers tanzt und den Geistlichen mit ihrem Irrsinn seit Jahren verrückt macht, obwohl sie zwischendurch in Untersuchungshaft landete. "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", sagt Frauke Dziomba, "es gibt alles." Lustig ist es am Ende nie. Stalking kann Seelen verwüsten und Existenzen zerstören, mitunter mündet Stalking in pure Gewalt. Die Psychologen Dziomba und Frank Winter können als Nothelfer viel darüber erzählen.

Anrufe, Briefe, zerstochene Reifen: Es gibt viele Wege des Psychoterrors

Ein Raum im Souterrain der Bremer Altstadt. Vier Stühle. Auf der einen Seite sitzen Frank Winter und Frauke Dziomba, auf einem Stuhl gegenüber sitzt der Gast. So wäre es auch, wenn hier eine Stalkerin säße oder ein Stalker beziehungsweise eine Gestalkte oder ein Gestalkter. Ein vierter Stuhl bleibt immer frei. Das Setting ist schon Teil der Therapie.

Denn Stalking an sich ist uralt. Das englische Wort bedeutet so viel wie Anpirschen und Nachstellen. Der oder die vermeintlich Geliebte oder Verehrte wird verfolgt. Gejagt. In seiner verschärften Version ist das ein Verbrechen, bis hin zu Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung und sogar Mord. Die Opfer wissen nie, wann und wie der Jäger wieder zuschlägt, das macht die Sache so perfide. Viele Opfer leiden unter Depressionen und Angstzuständen bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen.

Generationen von Ermittlern und Therapeuten haben sich daran abgearbeitet, das Internet mit Chatrooms und Cyberstalking hat das diffuse Problem noch größer gemacht. Die Spezialisten Winter und Dziomba glauben, dass dem Phänomen weder mit dem Gesetzbuch noch mit traditionellen Einzelsitzungen beizukommen ist.

So wurde dieses Duo in Zusammenarbeit mit Bremer Staatsanwaltschaft und Polizei zum Kriseninterventionsteam Stalking. Frank Winter ist der Leiter. Es geht um einen Täter-Opfer-Ausgleich, der bei anderen Konflikten schon länger angewandt wird. Anders als zum Beispiel bei zerstrittenen Nachbarn sollen Stalker und Gestalkte aber nicht zusammengebracht werden. Es geht um eine endgültig Trennung. Sie sollen sich möglichst gar nicht mehr begegnen. "Wir schaffen einen Ort, an dem Menschen die Möglichkeit haben, die Trennung zu verarbeiten und Ruhe zu finden", sagt Frank Winter. Dieser Ansatz sei einzigartig.

Mehr als 1000 Fälle haben sie betreut, seit das Projekt vor mehr als zehn Jahren losging. Bundesweit wurden im Jahr 2016 18 739 Fälle von der Polizei erfasst. Erst seit 2007 ist Stalking strafbar, auch wenn sich die Taten in vielen Fällen nur schwer nachweisen lassen. "Zumal sich Täter beim Stalking nie als Täter sehen", wie Frank Winter erläutert. "Sie sehen sich als Opfer, weil sie verlassen wurden oder ihre Liebe unerwidert bleibt." Seit 2017 reicht es für eine mögliche Strafverfolgung aus, wenn nur die Möglichkeit besteht, dass jemand durch Stalking zu Schaden kommen könnte.

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Der Psychoterror kann aus permanenten Anrufen bestehen, aus Fluten von Briefen, Mails, Whatsappnachrichten oder SMS. Mal wartet der Verfolger beziehungsweise die Verfolgerin ständig vor der Haustür, an der Straßenecke, beim Arbeitsplatz oder an der Bushaltestelle. Mal wird das Opfer trotz Zurückweisung umschwärmt, mal bedroht. Mal werden Reifen zerstochen, mal wird ungebeten Pizza bestellt, ein Taxi geschickt oder ein Geschenk nach dem nächsten. Und im schlimmsten Fall endet Stalking tödlich, wie im Fall der Amerikanerin Jane Clough, die von ihrem Stalker im Sommer 2010 erstochen wurde, oder der 45-jährigen Architektin aus München, die 2016 von ihrem Ex-Freund getötet wurde, nachdem er ihr sechs Jahre lang nachgestellt hatte.

Die Polizei empfiehlt Betroffenen, was in solchen Situationen oft unmöglich ist: Man möge dem Stalker "sofort und unmissverständlich" klarmachen, dass man keinen Kontakt wolle. "Ignorieren Sie ihn (den Stalker oder die Stalkerin) dann völlig." Ansonsten wird zu einer Strafanzeige geraten und bei Bedrohungen zu einem Notruf. Außerdem soll alles dokumentiert werden, was später als Beweismittel dienen könnte. An diesem Punkt kommen Frank Winter und Frauke Dziomba ins Spiel.