Tokio Hotel:Ich-Ich-Ich-Salat

Tokio Hotel: Mit "Durch den Monsun" wurde Bill Kaulitz aus Loitsche in Sachsen-Anhalt berühmt. Vielleicht zu berühmt. Szene von den MTV Europe Awards 2007.

Mit "Durch den Monsun" wurde Bill Kaulitz aus Loitsche in Sachsen-Anhalt berühmt. Vielleicht zu berühmt. Szene von den MTV Europe Awards 2007.

(Foto: Imago)

Bill Kaulitz, Sänger und Gründer von "Tokio Hotel", veröffentlicht mit 31 Jahren seine schrecklich frühreife Autobiografie.

Von Mareen Linnartz

Man ist noch nicht einmal beim Vorwort angelangt, da ist schon unmissverständlich klar: Ein Freund des leisen Auftritts ist Bill Kaulitz immer noch nicht. Lieber geht er gleich auf die große Bühne, als sich durch die Hintertür anzuschleichen, lieber redet er Klartext, als sich in feinen Anspielungen zu verlieren. Und so leiten zwei Vorbemerkungen seine nun erscheinende Autobiografie ein: "Die meisten Namen wurden geändert - neben denen der Gierigen und Maßlosen, der Heuchler und Meuchler auch die der Unschuldigen, um sie ebenso zu schützen. Andere hingegen blieben einfach, wer und wie sie sind." Gewidmet wiederum ist das Werk allen "Mutigen und denen, die es mal werden wollen", allen Unruhestiftern und Rebellen. "Nichts ist schwieriger, als man selbst zu sein. Traut euch!"

In der Musik, Bill Kaulitz' Fachbereich, könnte man das einen Paukenschlag nennen. Hier will jemand offensichtlich kein Blatt vor den Mund nehmen. Während andere Prominente die Jahre vergehen lassen, bis sie in einer Lebensphase der Muße und Weisheit zum Griffel greifen und ihre Memoiren verfassen, hat Kaulitz in den ersten Monaten des vergangenen Jahres angefangen, kurzentschlossen in die Tasten zu hauen, denn die Corona-Krise hat ihn "kurz nach dem Start unserer lang geplanten Lateinamerika-Tour, genau wie den Rest der Welt, heftig in den Arsch gefickt".

Gut, er war, als er seine Memoiren begann, erst 30 Jahre alt, aber erstens: Er hatte unerwartet Zeit. Und zweitens, das hat er in einem Interview mit dem Spiegel verraten: Ihn habe die Sorge umgetrieben, er könnte "vergessen, was passiert ist".

Mit Anfang 20 verlässt er Deutschland

Er ist sich also treu geblieben, indem er etwas machte, das nicht unbedingt altersentsprechend ist - sein Markenzeichen gewissermaßen. "Career Suicide. Meine ersten 30 Jahre", so der Titel der Autobiografie, ist denn auch die Geschichte eines frühreifen Bürschchens: die erste Fluppe mit Zwillingsbruder Tom mit sechs Jahren in einem Baumhaus, das erste Mal mit 13, mit 15 das irrsinnig beschleunigte Leben als Superstar und Sänger einer Band, die bis heute als eine der erfolgreichsten Deutschlands gilt: Tokio Hotel.

Tokio-Hotel-Zwillinge schaffen Realschulabschluss

Ein ständiges Gefühl der Fremdheit: Bill und sein Zwillingsbruder Tom fielen auf in der ostdeutschen Provinz, nicht nur optisch.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Eine ständiges Gefühl der Fremdheit, so beschreibt Kaulitz das Aufwachsen mit seinem Zwillingsbruder Tom in der ostdeutschen Provinz, in der sie nicht nur anders sein wollten, sondern auch anders aussahen. Als Teenager aber führt er dann ein komplett entfremdetes Leben: Fans, die die Band und vor allem ihn verfolgen, sogar in sein Haus einbrechen und Unterwäsche aus den Schränken reißen. Damals werden auf Ebay Cola-Flaschen versteigert, aus denen er mal getrunken hat, wenn er laut sinniert, etwas an seiner Frisur ändern zu wollen, werden hektisch Meetings einberufen, denn die "Gierigen" und die "Heuchler" haben Angst um ihr Produkt. Und so muss er auch nach dem Stimmbruch die Songs weiter in einer hohen Lage intonieren, was ungeheuer anstrengend ist. Es bilden sich Zysten auf den Stimmbändern, er verstummt. 2010, mit Anfang 20, verlassen Tom und er Deutschland, das sie zunehmend als Gefängnis empfinden, und ziehen in die USA.

Nach dem Lesen der ersten Seiten ertappt man sich noch bei dem Gedanken, dass diese therapeutische Maßnahme damals zugunsten der Stimmbänder vielleicht auch für dieses Buch eine Option hätte sein können: zu schweigen, zumindest für die Öffentlichkeit. Muss man wissen, dass sein Bruder und er an Silvester gezeugt wurden, und zwar bei einem "One Night Stand"? Und gerät die 30-jährige Lebensreise von dem Dorf Loitsche, gelegen unweit des Salzbergs "Kalimandscharo", bis in die Großstadt Los Angeles, gelegen in Kalifornien, nicht etwas sehr episch? So ist man jetzt um die Erkenntnis reicher, dass sein Bruder und er wegen Aufsässigkeit im Kindergarten "Strafpuzzles" legen mussten, sie aber ansonsten sehr auf Reinlichkeit bedacht waren - nie hätten sie "peinliche Fäkalunfälle beichten" müssen.

Derb und zerbrechlich zugleich

Andererseits rührt einen irgendwann tatsächlich sowohl die ungefilterte Derbheit ("die Musikwelt öffnete sich wie eine warme feuchte Möse") wie auch die offenkundige Zerbrechlichkeit dieses Bill Kaulitz ("Die Einsamkeit ist mein größter Feind"). "Ich habe nie etwas gemacht, um anderen zu gefallen", schreibt er gegen Ende des Buches, das der beste Beweis für diese Haltung ist.

Im Vorwort von Benjamin von Stuckrad-Barre schildert der Schriftsteller, wie er zusammen mit Bill Kaulitz und einer "Drittplatzierten irgendeiner deutschen Castingshow" in einem Hotelzimmer sitzt und sie dieser Drittplatzierten beim Zuhören gerne aus ihrem "Ich-Ich-Ich-Salat" heraushelfen würden. "Career Suicide" ist nicht mehr als das: ein fast 400 Seiten langer Ich-Ich-Ich-Salat. Aber auch nicht weniger.

Heidi Klum mit den Brüdern Kaulitz in München, 2019

Als Sidekick unterwegs: Bill Kaulitz (links) mit Schwägerin Heidi Klum und Bruder Tom.

(Foto: Catherina Hess)

Nach Jahren im Zentrum der Öffentlichkeit ist Bill Kaulitz nun eher als Sidekick unterwegs: Sein Bruder Tom hat Heidi Klum geheiratet, man sieht ihn oft im Schlepptau des Paares. Und wie er die ersten Seiten seiner Autobiografie begonnen hat, so enden sie auch. Kaulitz bedankt sich, bei dem einen und der anderen, vor allem aber bei all den "Flachwichsern und Arschlöchern": "Ich hoffe eure Egos stehen euch nicht zu sehr im Weg und ihr konntet auch mal lachen. Nehmt euch nicht zu ernst! Hab ich auch nicht!"

© SZ/nas
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