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Bester Dinge:Keiner kommt hier raus

(Foto: Imago)

Wie sich das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen über brave Häftlinge freut und vorzeitige Erfolgsmeldungen verbreitet.

Von Oliver Klasen

Gute Nachrichten saugt die Öffentlichkeit gerade so begierig auf wie ein dürstender Elefant, der nach stundenlanger Suche in der Steppe endlich seinen Rüssel in einen Tümpel halten kann. Das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen weiß das, und so kommt, kurz nach Weihnachten, die gute Nachricht, dass 2020 ein Jahr ohne Gefängnisausbrüche war. Bisher jedenfalls, so schieben die stets um Sicherheit bedachten Beamten hinterher.

Klar, man kann nicht wissen, ob hinter den Gefängnismauern von Bielefeld-Brackwede oder Castrop-Rauxel jemand in den letzten Zügen seiner jahrelangen Tunnelgrabungsarbeiten liegt und jetzt erst recht motiviert ist, noch vor dem 31. Dezember fertig zu werden. So wie ein Abteilungsleiter, der vor Jahreswechsel noch schnell ein paar Bestellungen raushaut, weil sonst das Budget fürs nächste Jahr gekürzt wird.

Sind wir nicht alle irgendwie eingesperrt?

Anderseits: So tollkühn ist die vorzeitige Erfolgsmeldung des Justizministeriums nicht. Denn wer sollte ausgerechnet jetzt aus dem Knast entfliehen wollen, wo sich auch das Leben da draußen ein bisschen wie Eingesperrtsein anfühlt - mit täglichem Hof-, pardon, Spaziergang und mit Morgenappellen des obersten Aufsehers, auch Ministerpräsident genannt?

Genauso wenig muss sich NRW Sorgen machen, dass die Statistik der Gefangenenzahlen in den letzten zwei Tagen des Jahres noch nach oben korrigiert werden muss. Der letzte Mann, der dort einst - es war in Bonn - an Gitterstäben rüttelte und "Ich will hier rein" brüllte, ist, nach sieben Jahren im Kanzleramt, das manche auch als eine Art Gefängnis sehen mögen, längst resozialisiert und macht jetzt lustige Videos auf Instagram.

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