Berlin:Die Betonwüste lebt

Berlin: Einer von 4000: Füchse gibt es in Berlin in besonders großer Zahl. Dieser hatte sich am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg blicken lassen.

Einer von 4000: Füchse gibt es in Berlin in besonders großer Zahl. Dieser hatte sich am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg blicken lassen.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Es braucht keine Löwin, um die Hauptstadt als Wildnis zu erleben. Füchse, Marder, Waschbären und sogar ein Wolf treiben sich in der Stadt herum. Der Senat versucht, die Bewohner zu beruhigen

Von Jan Heidtmann, Berlin

Geht es um die Wildnis in Berlin, stehen Betrachtungen dazu natürlich immer noch unter dem Eindruck der Ereignisse vor gut zwei Wochen: Unter weltweiter Anteilnahme suchten da Jäger, Tierärzte und mehr als 100 Polizeibeamte am Rand der Hauptstadt nach einer herrenlosen Löwin. Es dauerte gute 24 Stunden, bis sich Amateuraufnahmen des Wildtieres als die eines Wildschweins entpuppten. Am vergangenen Mittwoch musste die Polizei in gleicher Sache dennoch erneut ausrücken. Doch die auf einem Stromkasten ruhende Löwin wurde schnell als Plüschtier erkannt.

Dabei bedarf es gar keiner potenziell tödlichen Großkatze, um den Einzug der Raubtiere in der Hauptstadt zu dokumentieren. Lothar Wieler, einst oberster Corona-Bekämpfer und nun beim Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, warnt derzeit vor der Ausbreitung der Füchse. Denn der Bandwurm, den der in sich trage, könne für Menschen lebensgefährlich sein. Zugleich stellte der CDU-Politiker Dennis Haustein im Abgeordnetenhaus schriftlich die bange Anfrage: "Werden Mittel zur Eindämmung der Waschbären ergriffen?"

Tiere können auch in der Großstadt leben. Sie lernen dazu

Berlins bekanntester Tierexperte Derk Ehlert beobachtet das Treiben der Säuger seit Jahren. "Es zeigt, dass wir Teil der Wildnis sind", meint Ehlert. Die Zahl der Füchse in der Stadt schätzt er auf rund 4000, die der Waschbären auf 1000. Es gibt inzwischen 120 Bibersiedlungen, damit sei die natürliche Grenze aber auch erreicht. Selbst Dachse zeigten inzwischen "deutliche Zeichen der Verstädterung", sagt Ehlert. Sie trieben sich bereits bei den Kleingartenkolonien am Stadtrand herum, einer sogar am Savignyplatz in der Innenstadt. In Berlin lebten außerdem 18 verschiedene Fledermausarten, und das Geschrei der Seemöwen vom Dach des Kanzleramts reicht bis zum Alexanderplatz.

Einzelne der Tiere sind längst zur Legende geworden. Zum Beispiel der Waschbär auf dem Balkon im 19. Stock eines Hochhauses in der Gropiusstadt, der dort genüsslich von einer Torte aß; der Fuchs, der sich regelmäßig am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus platziert, direkt zwischen zwei Rattenlöchern. Sogar ein Wolf habe sich schon in der Innenstadt herumgetrieben, weiß Ehlert. Die Raubtiere, die sesshaft geworden sind, hätten sich mittlerweile an das Großstadtleben angepasst. Der Fuchs mutiere dabei vom Jäger zum Sammler und beschaffe sein Fressen aus Mülltonnen. Krähen lassen Nüsse bei Rotphasen auf Straßen fallen, damit die Autos sie anschließend beim Drüberfahren knacken.

Doch ist das überhaupt noch Wildnis, wenn sich die Tiere inzwischen derart angepasst haben? "Wildnis kann ganz unterschiedlich sein", meint Ehlert. Für ihn sind die Tiere wild, solange sie alleine für ihr Überleben sorgten. "Irgendwie müssen sie sich ja mit dem Menschen arrangieren."

Umgekehrt scheint es schwieriger zu sein. Im Internet informiert die Stadt jedenfalls umfänglich über die neuen Mitbewohner. "Wir sollten uns um eine friedliche Koexistenz mit diesen durchaus auch spannend zu beobachtenden Tieren bemühen", heißt es dort. Seit Anfang dieses Monats ist auch das Telefon der "Waschbär-Vor-Ort-Beratung" wieder besetzt.

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