100 Jahre BBC-Zeitsignal:Piep, piep, piep!

100 Jahre BBC-Zeitsignal: Der Nullmeridian, der durch die Sternwarte im englischen Greenwich führt, ist bis heute Bezugspunkt für eine universelle Zeitskala. Am Eingangsportal hängt die Shepherd Gate Clock, eine elektrische Uhr aus dem Jahr 1852.

Der Nullmeridian, der durch die Sternwarte im englischen Greenwich führt, ist bis heute Bezugspunkt für eine universelle Zeitskala. Am Eingangsportal hängt die Shepherd Gate Clock, eine elektrische Uhr aus dem Jahr 1852.

(Foto: Geography Photos/UIG/imago images)

Vor hundert Jahren war das erste Zeitsignal im Radio zu hören. Eine Zumutung für Menschen, die gerne unpünktlich sind.

Von Martin Zips

Es war der US-amerikanische Anthropologe Edward T. Hall, der einst Menschen in monochron und polychron unterteilte. Für Monochrone, so meinte Hall vor 65 Jahren, sei Pünktlichkeit sehr wichtig. Für Polychrone eher nicht.

Die Ausstrahlung eines verbindlichen Zeitsignals im BBC-Radio vor hundert Jahren, am 5. Februar 1924, war ein klarer Punktsieg für alle Monochronen. Fünf sekundengenaue kurze Töne aus dem Royal Greenwich Observatory, sowie zum Abschluss ein etwas längerer Ton zu jeder vollen Stunde, das ließ die Ausreden aller Zuspätkommer ("Meine Uhr ging leider nach") lächerlich wirken. Sie hätten ihre Uhr ja stellen können! Kein Wunder, dass der British Broadcasting Corporation bald weitere Sender folgten und ebensolche Signale sendeten. Auch die telefonische Zeitansage wurde en vogue. Pünktlichkeit, das war von nun an mehr denn je: Verlässlichkeit. Und der "Uhrenvergleich" wurde zum vielleicht entscheidendsten Instrument im Aufbau des internationalen Kapitalismus.

Wer allerdings auch weiterhin noch eher polychron unterwegs war, der litt. Hatten nicht schon Fabriksirenen, Kirchenglocken oder im Gleichschritt marschierende Soldaten ihnen immer wieder das Leben zur Hölle gemacht? Würde das Dasein nicht auch ohne Schulgong, Wecker oder Taktstock funktionieren? Als besonders anstrengend wurden - auf polychroner Seite - die philosophischen Ansätze eines Nikolaus von Oresme oder eines Johannes Kepler empfunden, welche aus der Existenz mechanischer Uhrwerke sogar eine Art göttlichen Grundplan herleiten wollten. Auch das mechanistische Mensch-Verständnis bei René Descartes oder die Idee vom Staat als Maschine bei Thomas Hobbes brachte viele aus dem Takt.

Die neueste Zumutung für Polychrone läuft in China

Dennoch: Pünktlichkeit - nicht nur für Gotthold Ephraim Lessing war das "der beste Beweis einer guten Erziehung". Und so wurde weiter und weiter gebimmelt, gegongt und, von 1924 an, auch gepiepst. In China haben Wissenschaftler dieser Tage eine Atomuhr entwickelt, von der sie behaupten, sie werde "die nächsten sieben Milliarden Jahre" auf die Sekunde genau funktionieren. Für Monochrone ist so etwas immer ein Fest!

Und Polychrone? Denen würde eine Sonnenuhr völlig ausreichen. Und wenn der Zug mal nicht pünktlich kommt: egal! Im Film "Die Ferien des Monsieur Hulot" (1953) wird das Radioprogramm, welches den Alltag der Gäste im Aufenthaltsraum eines Ferienhotels vor allem mit Nachrichtensendungen strukturiert, immer wieder durch einen polychronen Anarchisten gestört, welcher sehr laut Tischtennis spielt, Schallplatten hört oder mit Luftschlangen um sich wirft. Dass dieser Hotelgast (Jacques Tati) auch Jazz-Musik mag, ergibt Sinn: Blue Notes, Synkopen und Improvisationen laufen auch der ein oder anderen Norm zuwider.

Aber die Welt, sie ändert sich. Hundert Jahre nach dem ersten Erklingen des BBC-Signals muss der Mensch zwar vielleicht noch zur Arbeit pünktlich erscheinen. Sonst aber richtet er sich sein Leben schon ein - per App, Mediathek, Podcast. Wer braucht da noch einen stündlichen Piepton im linearen Radio (tatsächlich schaffen immer mehr Sender das Signal ab)? Man kann jetzt nur hoffen, dass das die Monochronen nicht überfordert.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung stand im Text "polychrom und "monochrom" statt von "polychron" und "monochron". Wir haben das im Text korrigiert.

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