Ansgar Wucherpfennig Wie der Vatikan einen Jesuitenpater abstraft

Die Reaktion aus Rom empfindet Pater Wucherpfennig als "verletzend".

(Foto: imago stock&people)

Die Begegnung mit schwulen und lesbischen Gläubigen hat den Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen verändert. Nun soll er seinen Posten räumen, doch er hat mächtige Fürsprecher.

Von Matthias Drobinski

Der Mann des Anstoßes ist schmal und bestenfalls mittelgroß; sein Lächen bleibt immer ein bisschen ironisch und hintergründig. Der Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig, 53, trägt bevorzugt dunkles Jackett oder dunklen Pullover zum dunklen Hemd mit weißem Kollar; habilitiert hat sich der Professor für Neues Testament an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt über Josef, den Ziehvater Jesu. Große Auftritte sind seine Sache nicht, er gilt als sensibler Zuhörer. Das also ist der Mann, den die Bildungskongregation im Vatikan für derart glaubensgefährdend hält, dass sie ihm nun das "Nihil Obstat" verweigert - und einen Widerruf verlangt. Ohne dieses Ja aus Rom aber kann Wucherpfennig nicht weiter Rektor der Hochschule sein, an der schon Jorge Mario Bergoglio studierte, der heute Papst Franziskus ist.

Es geht, so erzählt Wucherpfennig, um ein Interview, das er 2016 der Frankfurter Neuen Presse gegeben hat. "Warum hat die katholische Kirche Homosexuellen gegenüber so eine ablehnende Haltung?", fragte der Journalist, und der Bibelfachmann antwortete: "Mein Eindruck ist, dass das tief sitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind." Die Bibel, so erklärt er im Fachblatt Stimmen der Zeit, kenne "Homosexualität nicht als Kontrastbegriff zur Heterosexualität"; der Apostel Paulus zum Beispiel habe die Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse kritisiert, die homosexuelle Beziehungen in der Antike in der Regel waren.

So weit der Wissenschaftler - doch Wucherpfennig ist eben nicht nur der. Seit 2015 gehört er zu einem Team, das sich im Bistum Limburg um die Seelsorge für lesbische und schwule Menschen kümmert. Die Begegnungen dort hätten ihn verändert, sagt der Jesuit, "ich bin sehr traditionell katholisch erzogen, da bringt man schon ein paar homophobe Reflexe mit". Dort aber traf er tiefgläubige Menschen, die mit einer Kirche haderten, die ihre Sexualität als "objektiv ungeordnet" definiert - und die vorgestanzten Antworten gingen ihm aus. Nun sagt er Sätze wie: "Wir können nicht verantworten, dass wir Menschen, für die Homosexualität zur Identität gehört, von der Kirche ausschließen. Wir sind keine Disziplinaranstalt." Er unterstützt die Initiative des Frankfurter Stadtdekans Johannes zu Eltz, eine Segensfeier für homosexuelle Paare einzuführen, die anders ist als die Trauung, aber doch ein klares Zeichen: Die Kirche segnet die Menschen, die sich hier verbinden. Er selber, sagt er, habe das auch schon getan.

In den Internet-Foren der Traditionskatholiken war die Empörung groß, als Wucherpfennig dies öffentlich machte; seitdem gilt er dort als Erfüllungsgehilfe der Homo-Lobby. Und das beste Mittel, solche Menschen in der katholischen Kirche zu bekämpfen, ist immer noch die Denunziation. Das Interview landete in Rom, von dort erreichte ihn im Juni die Aufforderung zum Widerruf, überhaupt solle er seine Seelsorgepraxis ändern.

"Auf dem Boden der katholischen Lehre"

Das will nun Wucherpfennig nicht, im Gegenteil: Er möchte die vatikanische Bildungskongregation überzeugen, "dass ich auf dem Boden der katholischen Lehre stehe". Unterstützt wird er dabei von seinem Ordensvorgesetzten, Provinzial Johannes Siebner: Wucherpfennigs "völlig unstreitige Kirchlichkeit und seine persönliche Integrität" ließen "nicht den geringsten Zweifel an seiner Eignung zu". Auch der Limburger Bischof Georg Bätzing ließ erklären, der Rektor sei ein brillanter Theologe und loyal zur Kirche; er habe keinerlei Bedenken gegen ihn.

Es wäre auch verheerend für die deutschen Bischöfe, würde der Rektor jetzt abgestraft. Gerade erst haben sie, erschreckt durch den Missbrauchsskandal, erklärt, nun offen über Sexualität und Homosexualität reden zu wollen - ein geschasster Wucherpfennig würde dem Hohn sprechen. "Sie erleben mich heiter", sagt der Pater. Er fügt hinzu: "Verletzend ist es dennoch."

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