bedeckt München 23°
vgwortpixel

Anschlag auf BVB-Bus:"Ich wollte einen Anschlag nur vortäuschen"

  • Sergej W. hat sich am Montag vor dem Dortmunder Schwurgericht erstmals zu Wort gemeldet: "Ich bedauere mein Verhalten zutiefst", sagte der 28-jährige Angeklagte.
  • Ihm wird wegen des Anschlags auf den BVB-Bus im April 2017 unter anderem 28-facher versuchter Mord vorgeworfen.
  • Der Angeklagte erklärte nun, er habe seine Sprengvorrichtungen "extra so konzipiert, dass keine Personenschäden zu erwarten waren" - ein Experte kommt zu einem anderen Schluss.

Er spricht ganz schnell, als wolle er es möglichst rasch hinter sich bringen. "Ich bedaure mein Verhalten zutiefst", sagt Sergej W., der angeklagt ist, am 11. April 2017 einen Bombenanschlag auf die Mannschaft des Fußballvereins Borussia Dortmund (BVB) verübt zu haben. Er könne sich nicht erklären, wie er dazu gekommen sei. Dann gibt der Angeklagte alles zu: Dass er die Sprengvorrichtung hergestellt, in einer Hecke am Mannschaftshotel deponiert und gezündet hat. Dass er einen Absturz der BVB-Aktie erreichen wollte, um daraus dann Gewinne zu erzielen. Ja, das stimme alles, was in der Anklage stehe. Aber eines, das habe er gewiss nicht gewollt - das, was ihm die Anklage vor allem vorwirft: 28-fachen Mordversuch an den Spielern, Trainern und Begleitern der BVB-Mannschaft. Immerhin war der Profi Marc Bartra bei der Explosion am Arm verletzt worden und ein Polizist, der den Bus auf dem Motorrad begleitete, erlitt ein Knalltrauma.

"Ich wollte einen Anschlag nur vortäuschen", sagt der Angeklagte. "Ich habe die Sprengvorrichtung extra so konstruiert, dass ein Personenschaden nicht zu erwarten war." Er habe niemanden verletzen wollen, schon gar nicht schwer und auf keinen Fall jemand töten.

Vor Gericht Wie skrupellos ist Sergej W.?
Prozess

Wie skrupellos ist Sergej W.?

Der 28-Jährige soll den Anschlag auf den Bus von Borussia Dortmund verübt und zuvor auf den Absturz der BVB-Aktie gewettet haben. Der Prozess beginnt lebhaft - und die Verteidigung wünscht sich mehr "Entlastendes".   Von Annette Ramelsberger

Sergej W. ist 28 Jahre alt, aber er wirkt fast jugendlich. Dünn, blass, mit blondem kinnlangen Haar. Auf den ersten Blick könnte man ihn für ein Mädchen halten. "Das Jüngelchen", nannte ihn eine Serviererin aus dem Hotel. Nun sitzt er vor dem Landgericht Dortmund, ihm gegenüber die Staatsanwaltschaft und die Juristen, die den BVB vertreten. Nun spricht er. Kurz, mit starkem osteuropäischen Akzent. Sergej W. ist in Russland geboren und erst mit 13 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Und um seine Familie ist ihm bange. "Ich entschuldige mich zutiefst bei allen im Bus, vor allem bei den verletzten Spielern und bei meiner Familie, für das, was ich ihnen angetan habe", sagt er schnell. Dann reden nur noch seine Anwälte.

Und die wollen die Tat, die die BVB-Spieler am 11. April zutiefst geschockt hat, nur als "Bedrohungsszenario" sehen, das nicht wirklich so schlimm gewesen sei, wie es die Spieler erlebt haben. Dem Angeklagten sei es darum gegangen, durch "einen möglichst realitätsnahen Anschlag" ein Bedrohungsszenario aufzubauen, das den Aktienkurs des BVB nachhaltig schwächen sollte. Ansonsten gibt er alles zu, was in der Anklage steht: Dass er zweimal nach Dortmund gefahren ist und im Mannschaftshotel L'Arrivée abgestiegen ist, dass er 40 000 Euro Kredit aufgenommen habe, um sich die Aktienspekulationen gegen den BVB leisten zu können. Und dass er die Sprengvorrichtungen gebaut hat, die in der Hecke versteckt waren.

Und dann überreicht Anwalt Carl Heydenreich ein kleines Modell der Sprengvorrichtung. Sergej W. hat es auf sein Bitten hin in der Haft für das Gericht gebastelt, damit man sich die Bombe besser vorstellen kann. Der Anwalt stellt es auf den Richtertisch. Drei kleine Schachteln, hintereinander geklebt. Ganz hinten die Sprengladung, dazwischen sollen die Metallstifte geklebt haben, die in Bus und das Haus gegenüber einschlugen. Da steht das Schächtelchen, der Richter hat es hochkant aufgestellt wie ein Vogelhäuschen. Es sieht harmlos aus. Fast putzig.

Die Bilder, die man am Tatort gemacht hat, sind weniger putzig. Metallschrapnelle, kleine Sprenggeschosse mit Kugelfüllung, durchschlugen die Glasfront eines Nachbarhauses und lagen auf dem Wohnzimmerteppich der Wohnung im ersten Stock. Sie steckten in der Holzverkleidung im Giebel. Sie drangen in Autos am Weg ein und lagen noch in 250 Metern Entfernung im Feld. Ein Experte des BKA erklärte, dass die Schrapnelle am Sprengort eine Energie von 135 Joule entwickelt hätten. Bereits beim Auftreffen auf einen Körper mit der Energie von 79 Joule könne das tödlich sein.

Auf seinem Computer fand die Polizei Google-Anfragen

Aber es sollte ja nicht tödlich sein, sagen Sergej W.s Verteidiger. Er, der versierte Elektronikmeister, habe die Streuwirkung der Sprengsätze unterschätzt. Er habe die Bomben auch nicht ausgelöst, als der Bus mit der Mannschaft zum Hotel gefahren sei - denn da seien Passanten auf dem Weg gewesen. Die habe er nicht verletzen wollen. Deshalb habe er die Bomben erst bei der Abfahrt des Busses gezündet. Das kann man schlecht widerlegen.

Nachweisen lässt sich dafür, dass Sergej W. nach dem Anschlag auf den BVB, der nur einen geringen Ausschlag der Aktien brachte und deshalb nur 5800 Euro Gewinn, nach neuen Möglichkeiten suchte, um Geld zu machen. Auf seinem Computer fand die Polizei Google-Anfragen: nach Aktiengesellschaften, die durch einen Anschlag verletzbar wären. Es fand sich da die Suche nach der Karwendel-Bahn AG, der Nebelhorn-Bahn AG. Und nach der Aktiengesellschaft des Euro-Tunnels. "Für uns war die Hypothese: Hat er Überlegungen angestellt, weiterzumachen? Gibt es noch mehr Sprengsätze?" sagt Timo Spruck, der Ermittlungsführer des BKA vor Gericht.

Gesucht hat die Polizei nach eventuellen Bomben. "Gefunden haben wir keine." Das Geld, deutet Verteidiger Heydenreich an, war wohl auch nicht für Sergej W. selbst bestimmt. Heydenreich beschreibt den Angeklagten als seelisch labil, als leidend, als lebensmüde. Heydenreich sagt: "Er wollte seinen Eltern etwas hinterlassen, sollte er aus dem Leben scheiden." Sergej W. schaut still in die Ferne.

Vor Gericht "Es liegt nahe, dass der Bus gar nicht getroffen werden sollte"

Anschlag auf BVB-Mannschaftsbus

"Es liegt nahe, dass der Bus gar nicht getroffen werden sollte"

Sergej W. steht wegen des Anschlags auf den BVB-Bus im April vor Gericht. Sein Verteidiger erklärt am Ende des ersten Verhandlungstages, von einem gezielten Attentat könne nicht die Rede sein. Der Angeklagte selbst schweigt.