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Musik für Corona-Hotline:"Ich wollte keine Wiederholungen"

Anny Ondra am Telefon, 1934

Niemand hängt gerne in der Warteschleife, erst recht nicht, wenn er oder sie sich 20-mal am Stück die "Kleine Nachtmusik" in der Glockenspiel-Version anhören muss. Szenenfoto aus dem Film "Die vertauschte Braut" von 1934 mit Anny Ondra.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Warteschleifenmusik ist meist ein grausames Gedudel. Wie es besser geht, zeigt der Kanton Zürich: Er hat für seine Corona-Hotline den Kinderliedermacher Andrew Bond engagiert. Aber wie schreibt man einen Pandemie-Hinhalte-Song?

Interview von Thomas Kirchner

Wer bei der Corona-Hotline des Kantons Zürich anruft und wartet, bekommt seit Kurzem einen Song von Andrew Bond zu hören, den er extra zu diesem Zweck komponiert hat. Der 56-Jährige ist Kinderliedermacher und mit 800 000 verkauften Alben einer der erfolgreichsten Musiker der Schweiz.

SZ: Wie entstand dieses Lied, Herr Bond?

Andrew Bond: Die Anfrage kam vom Leiter des Contact Tracing des Kantons. Er ist Arzt und hat eine Firma, die das im Auftrag der Regierung macht. Und einen sechs Jahre alten Sohn, der offenbar sehr viel Andrew Bond hört.

Waren Sie gleich Feuer und Flamme?

Ich war extrem gespalten. Ich mache sonst Lieder für Kinder. Mit denen kann man über alles sprechen und über alles für sie singen. Aber hier? Man muss den Ton treffen. Mich hat das fasziniert. Und ich bekam kalte Füße. Weil das eine echte Krisensituation ist für die Leute, die da anrufen. Manche haben richtig Angst. Jeder, der am Apparat ist, will da nicht sein. Der will auch nicht dieses Lied hören.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich schrieb eine Version, in der ich so tat, als wäre ich Mitarbeiter des Contact Tracing. Nach dem Motto: Wir wissen, es geht euch nicht so gut, aber wir kommen gleich und probieren alles. Mir war schnell klar, dass es so nicht geht, und alle, die ich fragte, reagierten ähnlich. Den Text schickte ich dem Arzt und sagte, dass ich das Lied nicht machen wolle. Für mich war die Sache erledigt. Zwei, drei Tage später kam mir beim Spazieren der Einfall, wie es vielleicht doch gehen könnte.

Herausgekommen ist ein nachdenkliches, leise melancholisches Lied, das die Gefühle der Wartenden einfängt: "Muss ich mich jetzt isolieren? Mich von allen separieren? Ich möchte so vieles diskutieren - bin aber in der Warteschleife."

Ich versuche zu beschreiben, wie es mir selbst in dieser Lage gehen würde. Ich will nicht als Besserwisser, als Deuter oder als Lehrer auftreten. Höchstens ein bisschen als Tröster. Im Sinne von: Ich höre, was du denkst, und ich denke das auch. Und wenn man ein klein wenig schmunzelt dabei, schadet es nicht. Ich hatte ja erst an etwas Witziges gedacht, eine Art "Kontaktanzeige" oder ein Lied über verlorene Kontaktlinsen. Was einem halt in den Kopf kommt. Das ist hier natürlich unangebracht.

Das Lied ist relativ lang geworden.

Das war die Vorgabe. Die Leute warten vier bis sieben Minuten im Schnitt, so lang sollte es werden. Und ich wollte keine Wiederholung. Wenn mich etwas nervt in Warteschleifen, dann ist das der Moment, wenn "Für Elise" wieder von vorn losgeht. Da merkt man, dass man schon ewig dran ist.

Irgendwann hört man ein Stöhnen, dann wird es flotter.

Ich dachte, nach vier Minuten braucht es einen Tempo- oder Taktwechsel.

Andrew Bond, 56, gibt in normalen Jahren mehr als 100 Konzerte in der Schweiz. Wegen des Coronavirus hängt er, wie so viele Künstler, derzeit in der Warteschleife - bei ihm ist das aber durchaus wörtlich zu verstehen. Der Kanton Zürich hat ihn beauftragt, einen Sieben-Minuten-Song zu schreiben, so lang wie die durchschnittliche Wartezeit in der lokalen Corona-Hotline.

(Foto: Christoph Kaminski)

Sie singen auf Schwyzerdütsch. Haben Sie eine andere Version erwogen für Ausländer in Zürich?

Ich dachte erst, Hochdeutsch sei besser, dann verstehen es mehr. Aber der Auftraggeber bestand auf Mundart. Und andere Versionen zu machen, das scheiterte dann auch wegen Zeit- und Budgetfragen.

Ich spreche auch deshalb mit Ihnen, weil die Warteschleifenmusik in Deutschland ein Elend ist.

Hier auch. Diese computergenerierte, technisch schlechte Musik, die einen sofort nervt. Ob man dann AC/DC oder Richard Clayderman besser fände, ist Geschmackssache. Wenn es nur besser klänge.

Wir verbringen viel Zeit mit diesem Gedudel.

Man könnte Menschen beim Warten besser behandeln. Je nachdem, wie ich mich dabei fühle, bringe ich mein Anliegen später auch in einem anderen Tonfall vor.

Jetzt kann ich es verraten: Der Sound der Orgel in Ihrem Lied ist mir sehr vertraut.

Ein billiger Latin-Orgelklang, einer meiner liebsten.

Was ich meine: Ihre Lieder haben meine Kinder glücklich gemacht. Vor fast 20 Jahren. Wir hören sie immer noch, und ich kann viele mitsingen. Warum gibt es eigentlich so viele schöne Kinderlieder in der Schweiz?

Stimmt, die Szene ist bunt und riesengroß. Gegen Mitte der Nullerjahre hat man im Ausland gemerkt, was hier abgeht. Es kamen Anfragen aus England, Holland, sogar aus China. In England gibt es Fingerreime für die Kleinsten, aber danach kommt oft gleich Justin Bieber. Es fehlt eine kindergerechte Zwischenkultur. Warum es das in der Schweiz gibt? Vielleicht weil der gehobene Mittelstand hier so stark ist, und das Bildungsbürgertum.

In Deutschland haben wir Rolf Zuckowski oder Geraldino.

Hm, ja, viele kommen entweder sehr pädagogisch daher oder ein wenig cheap, schlagermäßig. Ich habe einige meiner Platten auf Hochdeutsch übersetzt. Aber das kam nicht an in Deutschland.

Noch mal zurück in die Warteschleife: Schaut man auf die Websites deutscher Hersteller für Warteschleifenmusik, müssen die Produkte vor allem Gema-frei, also günstig sein und dürfen niemanden stören.

Ich habe gehört, dass es jetzt auch personalisierte Warteschleifenmusik gibt, wenn Firmen ihre Kunden kennen. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber es macht mir ein wenig Angst.

© SZ/nas
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