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Zwischennutzung:Wohin mit der Kreativität?

Swann Windisch hat mit anderen Künstlern ein Atelier in Neuhausen aufgebaut. Jetzt müssen sie ausziehen

Von Ornella Cosenza

Die Kisten sollten schon bereit stehen. Doch Februar bedeutet für Studenten oft Semesterende und Stress. "Ich habe noch ordentlich Klausuren an der Nase bis Mitte nächster Woche", sagt Swann Windisch, 22, Amerikanistikstudent, der nebenbei Gedichte und Kurzgeschichten schreibt. Nein, er selbst muss nicht umziehen. Er muss, gemeinsam mit anderen jungen Kreativen, Ende Februar aus seinem Atelier im Gabriele-Space in Neuhausen ausziehen. Aber wohin?

Seit dem vergangenen Herbst durfte Swann Windisch mit seiner Mischung aus Künstlerkollektiv und Kunstmagazin "20s Magazine", kurz "20s Mag", den Raum im Gabriele-Space in der Gabrielenstraße 3 in Neuhausen nutzen. Von Anfang an war klar: Die Kreativität zieht hier nur temporär ein. Denn das Gebäude wurde als Zwischennutzung von der Stadt München zur Verfügung gestellt und gefördert. Früher war das hier ein Ausbildungszentrum der Innung Spengler, Sanitär und Heizung. In Zukunft sollen dort Wohnungen entstehen. Dazwischen wird Kunst geschaffen. Von jungen Menschen aus der Stadt. An die Wand hat jemand geschrieben: "Dass sich das Malen hier anfühlt wie Zuhause" - ein vorübergehendes Zuhause.

Angefangen hat alles am Ende einer Ausbildung: "Ich habe einen Abschluss am International Munich Art Lab (IMAL) gemacht. Dort hatten wir Werkstätten und Material. Das fiel nach dem Abschluss weg. Ich wollte aber trotzdem noch einen Raum haben, in dem ich und andere kreativ arbeiten können. Das geht ja schlecht aus dem eigenen WG- oder Kinderzimmer heraus", sagt der Student. Außerdem hatte er das "20s Mag" gegründet - eine Plattform für junge Künstler aus München und der Welt, auf der es die Möglichkeit geben soll, den eigenen kreativen Output präsentieren zu können. Momentan kann man das online auf der Plattform Patreon sehen, wo man die Künstler direkt unterstützen kann, und auch auf Instagram. Swanns Idee war es, dieses Projekt mit der Nutzung eines Ateliers zu verbinden.

In der Münchner Gabrielenstraße hatten die jungen Künstler eine Werkstatt für sich. Aber nur übergangsweise.

(Foto: Swann Windisch)

Mit dem Konzept zum "20s Mag" bewarb sich Swann bei "eduard k." - einer Initiative des IMAL, die junge Kulturschaffende aus München unterstützt. Zum Beispiel durch Vernetzung und Räume. Die Bewerbung mit der Idee zum Magazin, gekoppelt an eine Raumnutzung, kam gut an und das "20s Mag" durfte in einen Raum in der Gabrielenstraße einziehen.

Mittlerweile ist Swann auch nicht mehr allein: Für sein Magazin-Projekt hat er zwei Mitstreiter gefunden: Sarah Diosa, 20, die Musikerin und Sängerin ist, und Samuel Frömel, 20, der hauptsächlich malt. "Wir kannten uns vorher nicht. Nachdem ich wusste, dass ich den Raum nutzen darf, habe ich auf meinem Instagram-Profil gepostet: Wer braucht Raum, um Kunst zu machen?" Daraufhin hätten sich die beiden bei ihm gemeldet. Nun nutzen sie den Raum gemeinsam und arbeiten am "20s Mag". "Irgendwann wollen wir auch Ausstellungen, Lesungen, Talks oder Live-Musik mit "20s Mag" machen und für uns und andere junge Menschen eine Gemeinschaft schaffen, in der wir unsere Kunst teilen können", sagt Swann. Aktuell posten sie die künstlerischen Werke, wie Poesie, Fotografie oder Malereien auf ihrem Instagram-Profil und ihrer Online-Plattform. "Online haben wir eine kleine Community. Die Leute senden auch ihre eigene Kunst bei uns ein. Gerade ist es sogar so viel, dass wir nicht hinterherkommen, alles online zu stellen", sagt der 22-Jährige. Es besteht also durchaus Interesse. Das "20s Mag" versteht sich zudem als ein offener Ort: Alle kreativen Köpfe sind willkommen, ihre Kunst einzusenden. Am Ende wählen Swann, Sarah und Samuel aus, was gezeigt wird.

Auch wenn der virtuelle Raum viele Möglichkeiten bietet - er ist kein Ersatz für einen echten, physischen Raum. "Eigentlich wäre die Zwischennutzung in der Gabriele eine perfekte Gelegenheit gewesen, auch vor Ort einem Publikum etwas zu zeigen", sagt Swann. Die aktuelle Situation ließ das natürlich nicht zu. Nutzen konnten die jungen Menschen den Raum nur mit einem Belegungsplan. Denn nicht nur Sarah, Swann und Samuel, sondern auch andere kamen hierher.

Der Raum sollte, genau wie die Philosophie hinter dem "20s Mag", eine offene Werkstätte bilden. Eine Gruppe von insgesamt zehn jungen Münchnern und Münchnerinnen arbeitete hier im Wechsel an ihrer Kunst. Hier hatten sie einen Raum gefunden, in dem sie ungestört waren und ihre Ideen konkrete Formen annehmen konnten. "Für gemeinsame Besprechungen mussten wir aber auf Zoom ausweichen. Es ist halt schon schade, wenn man einen Projektraum zusammen hat, aber man sich vor Ort eigentlich nicht so richtig untereinander austauschen kann. Manchmal hat da schon die Wärme gefehlt. Aber wir haben dennoch kreative Wege gefunden", sagt Swann.

"München bunter machen": Das wollen Sarah Diosa, Swann Windisch (Mitte) und Samuel Frömel, hier vor dem Kunstwerk von Jesaja Rüschenschmidt.

(Foto: Lara Krüger)

In den nächsten Tagen werden alle ihre Sachen packen müssen. Mit dem "20s Mag" soll es weitergehen, doch das Kollektiv wünscht sich ein neues Zuhause. "Temporäre Räume sind etwas, über das man sich in München als junger Mensch freuen kann. Es braucht auf der anderen Seite aber auch etwas mehr permanentere Angebote", sagt er. Dass Räume für Kreatives so rar in München sind, sei eine Komponente, die immer wieder Probleme mache. Swann, Sarah und Samuel geben die Hoffnung nicht auf. Sie suchen weiter, schreiben neue Bewerbungen, um woanders unterzukommen.

In dem Raum in Neuhausen, in dem Swann und die anderen jungen Künstler kreativ geworden sind, lehnt der Oberkörper einer Schaufensterpuppe auf dem Fensterbrett. Drei Worte stehen auf der Brust dieser weißen Puppe: "München bunter machen."

© SZ vom 22.02.2021
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