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Zerbrechliche Schönheit:München, Chicago, Toledo: Auf den Spuren des Kleids

Charlotte Holzer hat für die Rekonstruktion dieser Geschichte in Bibliotheken, Archiven und Museen recherchiert. Sie reiste nach Chicago, auf den Spuren der Weltausstellung. "Es ist erstaunlich, wie viel man davon heute noch erkennen kann", sagt die 30-Jährige. Sie ging zwei Stunden lang zu Fuß vom Stadtzentrum zum Ausstellungsgelände, erzählt sie - das Ermessen und Verstehen der Welt ist für die junge Wissenschaftlerin eine Aufgabe, die nur mit allen Sinnen gelingt.

In Toledo, Ohio, besuchte sie Libbeys Glasfabrik, die noch heute existiert. Im dazugehörigen Museum fand sie Fotos aus der Anfangszeit der Glasproduktion und das Pendant zum Münchner Kleid.

Charlotte Holzer holt ein historisches Schwarz-Weiß-Foto hervor. In einer Reihe stehen da die Arbeiter, es ist eine Vorstufe zur automatisierten Produktion. Sie erhitzten eine Glasstange über dem Bunsenbrenner, zogen den Faden ab und ließen ihn über ein großes Speichenrad laufen. Die Fäden wurden gebündelt und dann auf Spulen gewickelt. "Der Webstuhl zur Herstellung des Textilgewebes war mit seidenen Kettfäden bespannt, durch die man abwechselnd Glasfaserbündel und Seidenfäden schob", erklärt die Restauratorin, "so wurden die Glasfasern beim Zusammenschieben nicht zu sehr beansprucht."

Es sind nicht nur die Details von Technik und Material, die Charlotte Holzer, die an der Wiener Universität für angewandte Kunst Restaurierung und Konservierung mit Schwerpunkt Textil studiert hat, interessieren. Sie lässt sich ein auf die Umgebung und die Epoche, in der so ein Stück Stoff entstand.

"Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Fortschrittsgläubigkeit", sagt sie. Eulalia sei eine Frau gewesen, erzählt Holzer, die zwischen Madrid, Paris und Wien ein Leben zwischen Adelstradition und Moderne führte. "Sie schrieb mehrere Bücher in verschiedenen Sprachen", sagt Holzer, "aber leider hat sie das Kleid nie erwähnt." Sie hatte wohl andere Sorgen mit einem Ehemann, der sie dauernd betrog und sein Geld an seine zahlreichen Geliebten verschwendete. "Sie hat sich von dem Mann getrennt, um ihr Geld für ihre Kinder zu retten, das war schon mutig für die damalige Zeit."

Das ungewöhnliche Kleid steht also auch für ein ganzes Stück Kulturgeschichte. Vier Jahre hat Charlotte Holzer jetzt mit der Restaurierung verbracht. Es war wahre Pionierarbeit, denn bisher waren kaum Methoden zum Erhalt von Glasfasertextilien erforscht. "Das ist erstaunlich", sagt Holzer, "denn die Verarbeitung von Glasfasern reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück." König Ludwig I. ließ um 1840 den Thronsaal der Residenz mit Polstermöbeln ausstatten, die mit Glasfaser-Geweben bezogen waren - sitzen durfte man darauf allerdings nicht, "die Fasern wären schnell gebrochen", sagt Holzer.