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Wolfratshausen:Einspruch gegen die "Mammutschule"

Großprojekt im Zentrum: Die Wolfratshauser Grund- und Mittelschule am Hammerschmiedweg soll saniert und zu einer zukunftsfähigen, modernen Bildungseinrichtung erweitert werden. Der Stadtrat muss jedoch die Kosten im Auge behalten, die zuletzt in die Höhe geschnellt sind.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Wolfratshauser Altbürgermeister Erich Brockard sieht in der geplanten Schulerweiterung einen Bruch des Eingemeindungsvertrags mit Weidach. Bis das geprüft ist, müssen Beschlüsse zurückgestellt werden.

Von Konstantin Kaip

Es war ein kurzer Abend für die Mitglieder des DLRG-Ortsverbands Schäftlarn-Wolfratshausen am Dienstag in der Loisachhalle. Ein gutes Dutzend von ihnen hatte sich in leuchtend roten Rettungsjacken auf der Zuschauertribüne platziert, um in der Stadtratssitzung der angekündigten Diskussion über Einsparungen bei der Sanierung und Erweiterung der Hammerschmiedschule zu folgen. Schließlich steht bei dem Großprojekt auch das dort geplante Lehrschwimmbad zur Debatte, für das die Rettungsschwimmer zuvor viel Lobbyarbeit betrieben hatten. Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) erklärte jedoch gleich zu Beginn der Sitzung, dass er den Punkt von der Tagesordnung nehmen müsse. Im Laufe des Tages sei ein "relevanter Einwand" geltend gemacht worden, den man nun prüfen müsse, sagte er nur. Man werde versuchen, das schnell zu tun, "damit wir den wichtigen Beschluss in einer der nächsten Sitzungen fassen können".

Dass die DLRG-Mitglieder schon nach wenigen Minuten unverrichteter Dinge gehen mussten, ist einem Politiker zu verdanken, der eigentlich schon lange nicht mehr in Wolfratshausen wirkt: Der "relevante Einwand" stammt von Altbürgermeister Erich Brockard. Der Sozialdemokrat war nicht nur von 1978 bis 1990 Rathauschef in Wolfratshausen, sondern davor auch zwölf Jahre lang in der damals noch eigenständigen Gemeinde Weidach. Als solcher hat er im Zuge der Gebietsreform 1975 den Eingemeindungsvertrag unterzeichnet. In seinem vom 12. Oktober datierten Schreiben, das an die Stadt, das Landratsamt und die Regierung von Oberbayern ging, erklärt er nun, dass die geplante Schulentwicklung dem rechtsverbindlichen Eingemeindungsvertrag widerspreche. "In diesem Vertrag ist unter anderem festgehalten, dass die Grundschule Weidach mit Schwimmbecken und Turnhalle aufrecht zu erhalten ist", schreibt Brockard.

Altbürgermeister Erich Brockard (links, mit Edmund Stoiber) mischt die Wolfratshauser Politik auf.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Damit wäre dem Großprojekt, an dem die Stadt seit Jahren plant, nicht nur ein weiterer Stein in den Weg gelegt. Sollte der Einwand, der laut Heilinglechner nun zusammen mit dem Landratsamt geprüft wird, Bestand haben, könnte man die bisher geplante Schulentwicklung verwerfen. Denn die sieht einen zentralen Mittelschulstandort am Hammerschmiedweg in der Wolfratshauser Innenstadt vor, mit erweiterter Grundschule und - zumindest nach derzeitiger Beschlusslage - einem Lehrschwimmbecken, das das seit Jahren stillgelegte marode Bad in Weidach ersetzen soll. Der Stadtrat hatte bislang auf eine Sanierung verzichtet, weil die nicht günstiger als ein Neubau wäre. Renovierungsbedürftig ist auch die Grundschule in Weidach. Größere Baumaßnahmen blieben zuletzt aber aus. Schließlich plant man an einer modernen Großschule im Zentrum, die auch die vier Weidacher Klassen aufnehmen könnte. Brockard spricht im Brief von einer "Mammutschule", die, zumal nach den zuletzt geschätzten Kosten von 60 Millionen Euro, nicht zielführend sei. Er plädiert für eine Dezentralisierung, auch "um den Kindern gefährliche Wege durch den ohnehin immer größer werdenden Straßenverkehr zu ersparen". Die Stadt solle besser prüfen, ob es nicht sinnvoller wäre, neben der bereits vorhandenen Turnhalle in Farchet eine Schule zu bauen und den Schulsprengel zu ändern. "Bezugnehmend auf die Vertragserfüllung" fordert er, "umgehend das Schwimmbad der Weidacher Grundschule zu sanieren und baldmöglichst wieder in Betrieb zu nehmen".

Die juristische Bewertung seines Einwands wird der zähen Schulentwicklung ein weiteres Kapitel hinzufügen. Nachdem die Kosten für eine Schule mit 36 Klassenzimmern, Lehrschwimmbad, Mittagsbetreuung und mehr im Januar explodiert waren und sich der Stadtrat in seiner Sommerklausur beraten hatte, sollten nun die Einsparungen beschlossen werden. Laut den Vorschlägen des Architekturbüros "karl-undp" in der Sitzungsvorlage ließen sich die Kosten um insgesamt 22 Millionen Euro senken - wenn man Schwimmbad, neue Aula und alle anderen Extras weglässt. Stadtrat Alfred Fraas (CSU) hatte eine eigene Planung vorgelegt, die auf weniger als 30 Millionen samt Schwimmbad, Aula und Garage kommt. Dass sein Konzept nicht in den Beschluss eingeflossen war, hatte ihn geärgert. Die Vertagung des Beschlusses wertet er nun auch als Chance. "Wir werden schauen, dass wir eine Prüfung hinbekommen und dann doch noch die Alternative wählen können", sagt Fraas.

© SZ vom 16.10.2020/aip

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