Gedenken an den 28. April 1945:"Wenn ich hinfalle, bin ich tot"

Gedenken an den 28. April 1945: Nick Hope wurde 1924 als Nikolai Choprenk in der Ukraine geboren.

Nick Hope wurde 1924 als Nikolai Choprenk in der Ukraine geboren.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nick Hope erinnert an den Dachauer Todesmarsch. Andreas Wagner recherchiert wieder zu diesem Thema und plant ein neues Buch. Der Badehaus-Verein lädt zu einem Gedenkzug ein.

Von Felicitas Amler, Wolfratshausen/Geretsried

Der gebürtige Ukrainer Nikolai Choprenko war 17 Jahre alt, als er von den gerade in die Sowjetunion einmarschierten Deutschen zur Zwangsarbeit abkommandiert wurde. Er kam im Münchner Ostbahnhof an und landete schließlich in den Rüstungsbetrieben im Wolfratshauser Forst. Als es in der Fabrik eine Explosion gegeben hatte, fand die Gestapo unter seiner Matratze Reste von Dynamit und bezichtigte ihn der Sabotage. "Ich wusste nichts davon", so erzählt er. "Ich wurde geschlagen und nach Dachau gebracht." Danach sei er kein Mensch mehr gewesen, nur eine Nummer: die 44249.

Im KZ und seinem Außenlager Allach erlitt der junge Mann Entmenschlichung, Prügel und Folter. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Nikolai Choprenko wurde Ende April 1945 im berüchtigten mörderischen Todesmarsch aus Dachau durch eisige Kälte und strömenden Regen tagelang in Richtung Alpen getrieben. "Wenn ich hinfalle, bin ich tot", habe er gedacht. Denn tatsächlich erschossen die skrupellosen SS-Männer jeden, der nicht mehr konnte. Doch schließlich wurden Choprenko und seine Leidensgenossen von US-Truppen befreit.

Gedenken an den 28. April 1945: Das Mahnmal, das der Bildhauer Hubertus von Pilgrim geschaffen hat, markiert in verschiedenen Versionen die Wege der geschundenen Häftlinge vom KZ Dachau Richtung Süden.

Das Mahnmal, das der Bildhauer Hubertus von Pilgrim geschaffen hat, markiert in verschiedenen Versionen die Wege der geschundenen Häftlinge vom KZ Dachau Richtung Süden.

(Foto: Manfred Neubauer)

Nikolai Choprenko heißt seit Langem Nick Hope. Er ist in die USA emigriert. Und nun, mit 98 Jahren, kommt er wieder einmal nach Deutschland, um hier seine Geschichte zu erzählen. Er nimmt als Zeitzeuge am Todesmarsch-Gedenken des Erinnerungsorts Badehaus Waldram-Föhrenwald teil. Es findet unter dem Titel "Mitten unter uns" am Freitag, 28. April, zunächst am Mahnmal Buchberg in Geretsried statt. Anschließend führt von dort ein Gedenkzug ins Badehaus am Kolpingplatz 1 in Wolfratshausen-Waldram. Dort wird mit Zeitzeugen, Musik und Gesprächen gefeiert.

Das Badehaus gehörte einst zu Föhrenwald, der NS-Siedlung für Arbeiter der Rüstungsindustrie bei Wolfratshausen. Nach der Befreiung wurden dort auch Überlebende des Todesmarschs aufgenommen. Später war Föhrenwald ein Camp für jüdische Überlebende der Shoa und beherbergte eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad.

In der Gedenkstunde sprechen Nick Hope und Andreas Wagner über den Todesmarsch. Wagner, bekannt als ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Linken aus Geretsried, hat bereits 1995 als junger Mann ein grundlegendes Buch über den Todesmarsch in der hiesigen Region verfasst. Er teilt nun mit, dass er an einer Neuauflage arbeitet. Sie soll 2025 erscheinen. Seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag arbeite er in Teilzeit als Heilerziehungspfleger. Nebenher recherchiere er wieder über das Kriegsende im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Von der Politik mache er derzeit Pause.

Gedenken an den 28. April 1945: Als Bundestagsabgeordneter kam Andreas Wagner vor zwei Jahren zusammen mit der Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Mitte) ins Badehaus (links dessen Leiterin Sybille Krafft).

Als Bundestagsabgeordneter kam Andreas Wagner vor zwei Jahren zusammen mit der Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Mitte) ins Badehaus (links dessen Leiterin Sybille Krafft).

(Foto: Hartmut Pöstges)

Jüdische Überlebende auf der Böhmwiese

Zur Räumung des Dachauer Außenlagers Kaufering XI und die Befreiung der Häftlinge im Lager Buchberg hat Wagner nun eine Zusammenfassung seiner bisherigen Forschungsergebnisse vorgelegt. Er berichtet: "Nach der Verfolgung durch das Nazi-Regime und der Hölle, die sie in den Konzentrationslagern Auschwitz und Kaufering durchmachten, erlebten am 1. Mai 1945 mehrere Hundert jüdische Häftlinge im Lager Buchberg gegenüber dem heutigen Geretsrieder Rathaus ihre ersten Tage in Freiheit." Bis zu 1130 Juden aus zwölf Ländern hätten nach ihrer Befreiung im Lager Buchberg auf der heutigen Böhmwiese gelebt, bis das Lager im Juli 1945 geschlossen wurde und die Lagerbewohner ins benachbarte DP-Lager Föhrenwald (für Displaced Persons) verlegt wurden.

Wagner erklärt, er habe bisher Tausende Dokumente gesichtet, die heute für die Forschung zugänglich und dank Digitalisierung leichter auffindbar seien als Anfang der Neunzigerjahre, in denen sein Buch über den Todesmarsch entstand. Bis zum Erscheinen des neuen Buches stehe aber noch viel Arbeit an. Jetzt könne er erst einmal einen Zwischenstand berichten.

Das Gedenken des Badehaus-Vereins findet in Kooperation mit den Städten Geretsried und Wolfratshausen und mit Beiträgen der Musikschulen beider Städte statt. Der Zeitplan: 16 Uhr Mahnmal Buchberg (Treffpunkt an der B 11 zwischen Wolfratshausen und Geretsried, bei der Bushaltestelle Buchberg; keine Parkplätze), 16.30 Uhr Gedenkzug, 17 Uhr Veranstaltung im Erinnerungsort Badehaus. Anmeldung erforderlich unter 08171/2572502, info@erinnerungsort-badehaus.de

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