Bad Tölz-Wolfratshausen:Wieder was gelernt

Lesezeit: 4 min

Schulgeschichte

Am Gymnasium Geretsried werden die Schüler derzeit auch wieder in den Klassenzimmern unterrichtet.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In der Corona-Krise mussten die Schulen schon zweimal in den Distanzunterricht wechseln. In der zweiten Phase hat das schon viel besser geklappt. Trotzdem beklagen viele Schulleiter eine fehlende IT-Unterstützung vom Landkreis.

Von Petra Schneiderund Konstantin Kaip, Bad Tölz-Wolfratshausen

Nach neun Wochen Distanzunterricht hat an den Gymnasien im Landkreis am Montag der Wechselunterricht wieder begonnen. Aber auch auf Distanz funktioniere der Unterricht inzwischen sehr ordentlich, sagt Christoph Strödecke, der Leiter des Geretsrieder Gymnasiums. "Beim zweiten Lockdown ist das erfolgreich und gut gelaufen", sagt Strödecke. Mit Videokonferenzen und über die Plattform Mebis, die am Geretsrieder Gymnasium schon vor dem ersten Lockdown verwendet wurde, funktioniere der virtuelle Unterricht problemlos. Mehr noch: Vieles könne sogar lebendiger aufbereitet werden und soll den Präsenzunterricht auch künftig ergänzen.

Verbesserungsbedarf sieht die Schule allerdings bei der medialen Infrastruktur: Flächendeckendes Wlan sei im Schulhaus nicht verfügbar; beim Anschluss an das Glasfasernetz hake es; und im Gebäude sei man nicht über Mobilfunk erreichbar. Kritik gab es auch am Landratsamt, das als Sachaufwandsträger für die Schule zuständig ist: Es brauche mehr Unterstützung durch einen IT-Betreuer, der sich um die digitale Ausstattung und die Wartung kümmere, forderte Strödecke. Zudem müsse die Kommunikation zwischen Schule und Landratsamt verbessert werden.

Strödecke lobte den Einsatz seines Kollegiums: Seit dem ersten Lockdown hätten die Lehrerinnen und Lehrer 450 Fortbildungen zu digitalen Unterrichtsformen absolviert. Und ohne das Engagement von Systembetreuer Axel Wild, der eigentlich Lehrer für Mathe, Sport und Informatik ist, wäre der Distanzunterricht nicht gelungen. Wild habe sich nicht nur um eine verbesserte Breitbandanbindung gekümmert, sondern auch einen eigenen "Big Blue Button"-Server für Videokonferenzen eingerichtet. Dies sei eigentlich nicht die Aufgabe von Lehrkräften, betonte Strödecke. Für die digitale Ausstattung und die Wartung sei der Landkreis als Sachaufwandsträger zuständig. "Uns wäre geholfen, wenn das Landratsamt einen IT-Hausmeister oder einen externen Dienstleister zur Verfügung stellen würde", sagte der Schulleiter. Im Landratsamt müsse ein "Bewusstseinswandel" stattfinden, fordert er. "Denn nicht nur die Gebäude gehören zum Sachaufwand, sondern auch die digitale Ausstattung der Schulen."

Bad Tölz-Wolfratshausen: Axel Wild kümmert sich als Systembetreuer auch um die Technik am Gymnasium Geretsried.

Axel Wild kümmert sich als Systembetreuer auch um die Technik am Gymnasium Geretsried.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Seit Oktober 2018 liege dem Landratsamt das Medienkonzept der Schule vor, das als Ziel den Wlan-Ausbau nennt, sagt Strödecke. Im Rahmen der Generalsanierung sei die Verkabelung nun zwar vorgenommen, allerdings seien derzeit nur in acht Unterrichtsräumen Access Points installiert. In weiten Bereichen des Schulgebäudes sei Wlan immer noch nicht verfügbar. Zudem fehle nach wie vor ein Glasfaseranschluss der Telekom. Die Schule sei selbst initiativ geworden und habe im Juni 2020 als Übergangslösung auf einen Vodafone-Kabelanschluss umgestellt, der im Upload 50 Mbit leistet und etwa Videostreams aus dem Unterricht ermöglicht.

Auch am Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasium würde man sich einen IT-Hausmeister wünschen. Denn die eigentliche Aufgabe eines Systembetreuers, die auch am Tölzer Gymnasium ein Lehrer innehat, sei die "Entwicklung pädagogischer Konzepte" und nicht die Anschaffung oder Installierung von Computern, sagt Schulleiter Alexander Göbel. Das Tölzer Gymnasium verfügt über Wlan im Schulhaus, Glasfaser will die Telekom im Herbst einrichten. Als Übergangslösung hat auch das Gabriel-von-Seidl Gymnasium, das 900 Schülerinnen und Schüler besuchen, die vorhandenen Kabelanschlüsse aufgerüstet. Mebis laufe, ebenso Videokonferenzen über Zoom. Was noch ausstehe, sei die Verteilung der zweiten Charge an Leihgeräten für Schüler, die keinen eigenen Laptop oder PC haben. 19 Geräte habe man im Oktober angefordert, vor allem für die neuen Fünftklässler. "Es gibt derzeit Lieferschwierigkeiten", sagt Göbel. Anders als sein Geretsrieder Kollege sieht er allerdings keine Kommunikationsprobleme mit dem Landratsamt. Aber vieles laufe einfach zu langsam, sagt er. Göbel wartet auch auf die vom Kultusministerium angekündigte "große Lösung": Die "Bayern Cloud" mit integrierter Videokonferenzfunktion, die auch im Hinblick auf den Datenschutz einwandfrei sei. Sie soll von Mai an laufen.

Insgesamt passiere im Bereich der Digitalisierung in den Schulen viel zu wenig, findet Göbel. "Wir sind europaweit auf dem allerletzten Platz." Wlan, Beamer und Computer sollten in jedem Klassenzimmer Standard sein, findet Göbel. Denn auch nach Corona werde man die im Lockdown erprobten Medien weiter nutzen.

Schulgeschichte

Mit Abstand, Maske und viel Engagement im Präsenzunterricht: Die Geretsrieder Gymnasiasten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

An der Grund- und Mittelschule am Hammerschmiedweg in Wolfratshausen gibt es zwar genug Endgeräte: 106 iPads, dank einer Spende der Unternehmervereinigung Wirtschaftsraum Wolfratshausen, dazu 40 sogenannte Convertibles, kleine Laptops mit Touchscreen. 38 Geräte seien derzeit an Schüler ausgeliehen, sagt Rektor Frank Schwesig. Kommende Woche, wenn auch die Grundschüler nach einer Woche Präsenzunterricht wegen der gestiegenen Inzidenz wieder in den Wechselunterricht müssen, werde der Bedarf wohl steigen. Viele Familien mit mehreren Kindern hätten nicht genug Geräte, manchmal gehe auch eines kaputt, sagt Schwesig. Da seien Leih-Tablets von der Schule eine wichtige Hilfe. "Grundsätzlich ist die Ausstattung für die Schülerhand, die über den Digitalpakt II finanziert wird, wesentlich besser geworden", sagt der Rektor. "Woran es aber fehlt ist die Bandbreite."

Zwischen 16 und 20 Mbit gibt das Internet am Hammerschmiedweg derzeit her - zu wenig, um Videokonferenzen mit Bild und Ton durchzuführen. Zwar könnten Schüler in der Notbetreuung am Fernunterricht teilnehmen, nicht aber mit laufender Kamera. Lehrer müssten ihre Stunden von zu Hause aus halten. Der Elternbeirat fordert schnellstmöglich einen Anschluss ans Glasfasernetz und hat nun sogar eine Petition angekündigt. Laut Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) läuft die Ausschreibung bereits, die Anbieter aber seien derzeit wegen des Förderprogramms, das viele Kommunen in Anspruch nehmen, ziemlich ausgelastet. Wolfratshausen habe die drei städtischen Schulstandorte im Förderprogramm angemeldet - mit einer Gesamtinvestition von etwa 235 000 Euro. 180 000 davon übernehme der Freistaat. Dafür müsse man sich aber ans Verfahren halten. Bis Dezember 2022 hätten die Betreiber Zeit, die Anschlüsse zu legen.

Am Geretsrieder Gymnasium hat man den Unterricht für die über 1000 Schülerinnen und Schüler mit dem Ende der Weihnachtsferien komplett auf virtuelle Formate umgestellt. Täglich fanden seither an die 140 Videokonferenzen statt. Und mit der Lernplattform Mebis wurden in mehr als 500 Kursen Arbeitsmaterialien bereitgestellt. Hausaufgaben, Tests, mit denen die Schüler ihren Lernerfolg unmittelbar überprüfen können, direkte Nachrichten zwischen Lehrern und Schülern, Videotutorials, Diskussionsforen oder Chaträume für Übungen in den Fremdsprachen - all das sei möglich, sagte Strödecke.

Anders als beim ersten Lockdown sei der Stoff nicht nur wiederholt, sondern auch weitergeführt worden. Der Unterricht habe um 7.50 Uhr mit einer gemeinsamen Begrüßung begonnen, ob alle online waren, wurde kontrolliert. Auch außerschulische Aktivitäten wurden so weit wie möglich angeboten: Das Unterstufentheater etwa sei auf die Erarbeitung einer Hörspielproduktion umgestiegen, und der Schüleraustausch habe virtuell stattgefunden. "Der Online-Unterricht bedeutet eine Flexibilität, die wir uns vor einem Jahr noch nicht vorstellen konnten", resümiert Lehrerin Sabine Dobler. Die Schüler müssten sich aktiv einbringen - und man sei in ständigem Austausch. Dennoch: Den Präsenzunterricht könne das digitale Lernen nicht ersetzen, betont Konrektorin Andrea Martin. Die Persönlichkeitsentwicklung komme zu kurz. Soziale Kompetenzen, Werteerziehung - das fehle vor dem Bildschirm.

Distanzunterricht ist besser geworden

Anfang Februar hat der Elternbeirat des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums Bad Tölz eine Elternbefragung zum Homeschooling gestartet. Die Beteiligung war mit fast 40 Prozent erfreulich hoch und ergab ein Stimmungsbild, das mit der erweiterten Schulleitung, mit Lehrkräften und Klassenelternsprechern diskutiert wurde. Nach Einschätzung der teilnehmenden Eltern hat sich der Distanzunterricht seit dem ersten Lockdown verbessert. Die Umfrage zeige aber deutlich, dass die Qualität des Unterrichts eng mit der jeweiligen Lehrkraft verknüpft sei. "Hier sehen wir ein großes Potenzial für eine positive Entwicklung, wenn die Schule versucht, möglich alle Lehrkräfte an Bord zu holen", etwa durch Schulungen oder Austausch im Kollegium, erklärt der Elternbeirat.

Videokommunikation in den Hauptfächern werde übereinstimmend als adäquater Ersatz des Präsenzunterrichts gesehen. Gleichwohl hätten sowohl Lehrer als auch Schüler "das Recht am eigenen Bild" und könnten nicht zur Nutzung von Videokonferenzen gezwungen werden. Videotutorials, Podcasts, Links zu YouTube oder relevanten Webseiten finden laut Umfrage großen Anklang und sollten nach Ansicht der Befragten auch nach einer Rückkehr in den Präsenzunterricht eingesetzt werden.

Viele Eltern seien unsicher, welche Defizite im Distanzunterricht entstanden seien. Das Lehrerkollegium habe vermittelt, dass, im Unterschied zum ersten Lockdown, der überwiegende Teil des Lernstoffs bereits im Distanzunterricht behandelt wurde und die kommenden Wochen für die Wiederholung genutzt werden könnten. Dies werde von manchen Schüler und auch Lehrkräften allerdings anders eingeschätzt, erklärt der Elternbeirat. Erschreckend seien mehrere Berichte über soziale Isolation und Einsamkeit von Kindern durch den Distanzunterricht. "Um Belastungen oder gar psychischen Schäden zu vermeiden" sei erhöhte Achtsamkeit von Pädagogen und Eltern erforderlich.

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