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Zweiter Arbeitsmarkt:Arbeitsroutine mit Abstand

Markus Wallenstein, Raimund Weindl und Birgit Schreyer Oberlandwerkstätten Geretsried

Markus Wallenstein, Raimund Weindl und Birgit Schreyer (v.li.) halten vor der Oberland Werkstatt in Geretsried Abstand.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In den Werkstätten für Menschen mit Behinderung läuft der Betrieb weiter, anders als im ersten Lockdown. Die Mitarbeiter sind froh über die Tagesstruktur und akzeptieren die Hygienekonzepte. Die Hoffnung liegt nun auf den Impfungen, die Lockerungen ermöglichen könnten

Von Veronika Ellecosta

Der zweite Lockdown, der noch immer anhält, ist hart, in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung allerdings erträglicher als der erste im vergangenen Frühjahr. Denn sie konnten anders als im März 2020 geöffnet bleiben. Die wichtige Arbeitsroutine gibt den Menschen dort Struktur und ermöglicht Begegnungen. Zu ihr gehören aber mittlerweile längst auch Masken, Abstände, fixe Pausengruppen und Plexiglasscheiben. Das funktioniert, wie eine Umfrage bei den Werkstätten im Landkreis zeigt: Die Hygienekonzepte werden akzeptiert und scheinen Erfolg zu haben.

An den ersten Lockdown kann sich Raimund Weindl, Betriebsleiter in der Oberland Werkstatt in Geretsried, noch gut erinnern: Von einem Tag zum nächsten galt im März 2020 ein Betretungsverbot für den Betrieb, laufende Aufträge in Montage in Wäscherei seien einfach liegen geblieben. "Am Ende musste das Personal einspringen und wir haben Wäsche zusammengelegt", sagt er und lacht. "Da merkt man, was unsere Mitarbeiter alles leisten."

Coronavirus Oberlandwerkstätten Geretsried

In der Produktion der Oberlandwerkstätten gelten strenge Regeln.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Seit Mai vergangenen Jahres sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insgesamt etwa 150 Menschen mit geistiger Behinderung, nach und nach an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Seitdem hat sich einiges verändert: Im gesamten Gebäude gilt Masken- und Abstandspflicht, auf dem Boden kleben Pfeile, und die Arbeitsplätze sind mit Plexiglasscheiben voneinander abgetrennt oder so weit voneinander entfernt, dass ein Arbeiten ohne Maske möglich ist. Die Pausenschichten wurden in drei Gruppen aufgeteilt, um die Bewegungen und Begegnungen zu entzerren.

"Die Hygienemaßnahmen werden täglich geübt", erzählt Birgit Scheyer vom Reha-Dienst. Im Großen und Ganzen funktioniere das auch gut, stellt sie fest. Viele Menschen unterstützten sich gegenseitig und wiesen einander auf die Vorschriften hin. Alle seien froh, wieder in der Werkstatt arbeiten zu dürfen. Denn der erste Lockdown hatte vielen zugesetzt, erzählt Schreyer. "Manche, die in der Nähe wohnen, sind beim Betrieb vorbeigekommen und haben zum Fenster reingeschaut, ob noch alles da ist."

Am schwierigsten war die soziale Isolation im ersten Lockdown. Das bestätigt auch Eric Isler, Leiter der ReAL-Gewürzmanufaktur in Bad Tölz. Auch dort dürfen die 15 psychisch erkrankten Mitarbeiter seit Mai 2020 wieder ihrer Arbeit nachgehen. Die tägliche Routine gebe den Klienten Halt, sagt Isler. "Die Gefühlslage all unserer Klienten schwankt zwischen Wut über das 'depperte Corona' und Angst." In der Tölzer Manufaktur setzt man daher ebenfalls auf intensive Betreuungsgespräche und hohe Hygienestandards, die den Klienten das Gefühl vermitteln sollen, dem Virus nicht ausgeliefert zu sein.

Auch in der Oberland Werkstatt in Gaißach haben die Betreuer verstärkt auf die psychischen Belastungserscheinungen der Klienten reagiert. Sie beobachte durchaus eine allgemeine Anspannung bei den Menschen mit Behinderung, sagt Betriebsleiterin Caroline König. Nur gehe jeder anders damit um: Manche suchten das Gespräch, bei anderen bemerke sie Verhaltensauffälligkeiten. Schwierig seien in solchen Fällen die Abstandsregeln, weil man die Mitarbeiter nicht mehr einfach an der Schulter berühren und beruhigen könne. "Diese Konflikte muss man eben anders bewältigen", sagt König.

Größere Schwierigkeiten tun sich hingegen im Bereich der Arbeitsvermittlung auf. Sozialpädagogin Ariane Blind vom Integrationsfachdienst Bad Tölz unterstützt Menschen mit Behinderung bei der Jobsuche. Sie blickt auf ein düsteres Pandemiejahr zurück: Seit vergangenem Frühling sind viele ihrer Klienten sozial isoliert, weil sie etwa Kurzarbeit antreten mussten oder keinen Praktikumsplatz erhalten haben. Jene mit Job seien finanziell immerhin gut abgesichert,sagt sie, aber was Arbeitssuchende betrifft, klingt Ariane Blind besorgt: Sie versuche zwar, die Menschen telefonisch zu coachen, über Online-Konferenzen auch oft über die Arbeitssuche hinaus zu betreuen. Aber bereits vor Corona sei die soziale Teilhabe für Menschen mit Behinderung schwierig gewesen, sagt sie, weil viele Unternehmen zu wenig auf Gemeinwohl ausgerichtet seien. Diese Tendenz habe sich während der Pandemie verstärkt.

In Geretsried legt Markus Wallenstein, der zweite Betriebsleiter der Oberland Werkstatt, große Hoffnung auf die Impfungen, mit denen schrittweise Lockerungen erfolgen könnten. Das Personal in den Behindertenwerkstätten wurde im Impfplan priorisiert, viele aus der Belegschaft haben bereits die zweite Impfung erhalten. Und auch die Mitarbeiter mit Behinderung stehen kurz vor der Immunisierung. Erfreut zeigt sich Wallenstein darüber, dass unter ihnen die Impfbereitschaft sehr groß sei. Einstweilen bleibt der Belegschaft und den Mitarbeitern nur übrig, die Entwicklungen abzuwarten, mit Masken und Abstand weiter zu arbeiten und gelegentlich einen Kaffee in der Mensa zu trinken. Dort stehen die Tische weit voneinander entfernt, der Ausschank wurde mit bunten Girlanden geschmückt. Die sonst übliche Faschingsfeier für die Mitarbeiter musste heuer pandemiebedingt ausfallen. Am Unsinnigen Donnerstag aber durften sie immerhin verkleidet in die Werkstatt kommen.

© SZ vom 23.02.2021
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