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Mobile Jugend:Whrromm whrromm

Jonathan Schottenheim hat sich das Geld für seinen kleinen Flitzer selbst zusammengespart. Es stecke ziemlich viel Plastik drin und sei auch ziemlich laut, sagt der 17-Jährige. Wenn das Mikroauto mal in der Werkstatt war, hat er es aber umgehend vermisst.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In der Region sind zunehmend mehr Mikroautos unterwegs. Diese sind eng und ziemlich laut - helfen aber schon 16-Jährigen, nicht immer auf den Bus warten zu müssen

Auf den ersten Blick sehen sie wie gewöhnliche Autos aus - sehr klein zwar, aber doch irgendwie gewöhnlich. Schneller als 50 Stundenkilometer werden sie jedoch nicht. Sie dröhnen dazu wie Baustellenwerkzeuge und ihre Insassen sind meist jünger als 18 Jahre: Mopedautos. In der Region sind sie immer öfter auf den Straßen zu sehen.

Vor der Autowerkstatt Hinterauer in Egling fahren jeden Morgen einige Mopedautos vorbei. Das Autohaus hat sie selbst verkauft - drei Modelle der französischen Firma Microcar und deren Tochter Ligier stellt es in seinem Hof aus. Das hinterste glänzt dunkelrot. Es könnte auch ein Boxauto auf einem Volksfest sei - oder ein Cousin vom Fiat 500. Es nennt sich aber Ligier JS 50. "Das wird meistens von Jüngeren gekauft, wegen der Optik hauptsächlich", sagt Autoverkäufer Josef Hinterauer. Jüngere, damit meint er 16-Jährige. Denn die dürfen das auf 45 Stundenkilometer gedrosselte Automatikauto bereits fahren, wenn sie den "Einsteiger"-Führerschein der Klasse AM haben. 12 199 Euro kostet die billigste Ausführung des Ligier JS 50 - mit Airbag oder Klimaanlage wird es teurer. Das günstigste Mopedauto, der weiße Micro Car Dué, kostet 9000 Euro. Hinterauer zeigt das dritte Modell, den MicroCar MGo. "Der ist hauptsächlich für Ältere", erklärt er. Man könne leichter ein- und aussteigen, die Ladefläche des Kofferraums ist zudem zur Klappe hin eben. "Wir haben viele Kunden, die vielleicht nur noch einkaufen gehen oder zum Arzt", sagt Hinterauer. Für sie sei das Modell praktisch. Es kostet 10 000 Euro.

Die meisten Kunden jedoch, die sich für Mopedautos interessieren, sind Eltern von 16-Jährigen. Unter ihnen seien viele Landwirte mit mehreren Kindern, sagt Hinterauer. Sie sparten sich damit die Chauffeurdienste zur Schule oder zum Ausbildungsplatz. Die Busverbindungen auf dem Land sind eben schlecht. In der Stadt, wo es S-Bahn, U-Bahn, Tram gebe, habe er kaum Kunden. Wer jedoch mit 16 Jahren schon einen Ligier fahre, sagt Hinterauer, täte sich bei der Führerscheinprüfung leichter. Weitere Vorteile seien zudem: Die Autos sind sparsam im Verbrauch, kosten keine Kfz-Steuer - und sie ließen sich ohne großen Wertverlust weiterverkaufen, sagt Hinterauer. "Weil es noch nicht so viele gibt, sind sie doch sehr gefragt im Gebrauchtsegment. Das treibt den Preis nach oben."

Der 24 Jahre alte Hinterauer ist vor acht Jahren selbst ein Mikroauto gefahren. Als 16-Jähriger nahm er zunächst den Roller für den Weg von Feldkirchen zum Familienbetrieb. "Da hat es mich zwei-, dreimal geschmissen", erinnert er sich, "dann hab' ich einen Ligier bekommen." Denn Mopedautos, sagt er, seien deutlich sicherer als Roller, schließlich habe man vorne eine Knautschzone. Und auch bei Regen oder Schnee seien viele Jugendliche sehr dankbar um die überdachten Mopeds. Vor dem Winter und vor Ausbildungsbeginn stiegen die Verkaufszahlen deshalb deutlich. Seitdem der Kfz-Meister selbst ein Mopedauto fuhr, verkauft sein Betrieb rund 20 Mopedautos im Jahr. Um die 600 gibt es mittlerweile im ganzen Landkreis. Und 12 000 gibt es von Microcar und Ligier in ganz Deutschland. Konkurrenz macht der Hersteller Aixam, der sei auf dem deutschen Markt jedoch weniger vertreten, sagt Hinterauer.

Das Autohaus Hinterauer in Egling verkauft jedes Jahr um die 20 Mikrocars. Geschätzt circa 600 davon sind mittlerweile im Landkreis unterwegs. Die Fahrer sind meistens sehr jung - oder sehr alt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Ligier JS 50 für die junge Generation sieht von innen aus wie ein hübsches, neues Auto: Radio, Heizung, Rückfahrkamera. Der Schlüssel dreht sich, lautes Dröhnen. Ein Tritt auf das Gaspedal, es klingt, als würde der Motor abgewürgt. Ist das normal? "Das ist normal", sagt Hinterauer. Automatik könne man nicht abwürgen. Der kleine Ligier nimmt Fahrt auf, raus aus dem Hof, rauf auf die Landstraße. Sein Blinker macht gute Laune: Das Geräusch erinnert an ein Gameboy-Spiel, man fühlt sich gleich wie Super Mario. Die acht Pferdestärken schieben langsam an, bei 52 bleibt die Geschwindigkeitsanzeige stehen. Der Motor klingt nun wie ein Rasenmäher mit Propellern. Hergestellt hat ihn die Firma Lombardini. Also fast ein Lamborghini? "Die machen so Baustellenfahrzeuge", erklärt Hinterauer. Im Rückspiegel hängt der erste Mercedes-Fahrer. Bald reihen sich hinter ihn zwei Laster und zwei Pkw.

"Die meisten überholen einfach und machen gar nichts", listet Jonathan Schottenheim die unterschiedlichen Ligier-Überholtypen auf. "Dann gibt es ein paar Verrückte, die überholen ziemlich eng - auch wenn Gegenverkehr kommt. Oder sie machen das Fenster runter und regen sich auf." Manche Senioren indes trauten sich nie, die Spur zu wechseln. "Und dann gibt's die Neugierigen, die fahren ewig hinterher, überholen ganz langsam und schauen dann ins Auto."

Schottenheim hat seinen rot-schwarzen Ligier zum Verkauf ins Internet gestellt. Bis jetzt war das Mopedauto für den 17-Jährigen eine große Bereicherung im Alltag. Sechsmal die Woche fährt er von Benediktbeuern ins Schwimmtraining nach Bad Tölz und Weilheim, auch die Berufsschule ist in Bad Tölz - und die Busverbindungen sind schlecht. "Ab und zu ist es schon ein bisschen deprimierend, wenn man auf der Straße fährt und dann überholt einen jeder", sagt der Zimmererlehrling. Im Endeffekt habe er jedoch auch nur fünf Minuten länger nach Bad Tölz gebraucht als mit einem normalen Auto.

Schottenheim vermutet, dass es zunehmend mehr Leichtfahrzeuge im Landkreis geben wird, weil es praktisch sei für die Eltern. Er selbst hat sich das Auto mit 16 Jahren von seinem eigenen Geld gekauft, das er beim Zeitungsaustragen, Rasenmähen und der Lehre erspart hatte. Seine Freunde riefen ihn fortan oft an, ob er sie nicht abholen könne, von Partys, von der Schule, "oder einfach so mal rumfahren".

Sobald Schottenheim 18 ist, möchte er sich ein richtiges Auto kaufen - am liebsten einen gebrauchten Audi A4, sagt er verlegen. Für seinen Ligier hat er vor zwei Jahren 14 250 Euro gezahlt, verkaufen möchte er ihn nun für 10 500 Euro. Wäre Schottenheim noch einmal 16, würde er allerdings keinen Ligier mehr kaufen, sagt er, sondern einen Ellenator. Eine Tüftler-Werkstatt im Allgäu baut die Hinterreifen von Fiat-500-Fahrzeugen näher zusammen, sodass die Fiats offiziell als Dreiräder gelten und damit von 16-Jährigen mit einem Führerschein der Klasse A1 gefahren werden dürfen. Anders als ein Ligier kann das Auto 90 Kilometer pro Stunde fahren, es hat 20 PS. Wenzeslaus Ellenrieder hat seit dieser Erfindung vor fünf Jahren schon mehr als 1000 Ellenators auf dem Land verkauft. Mindestens 5000 Euro kostet der Ellenator allerdings mehr als ein Ligier, "wahrscheinlich wäre es mir das schon wert gewesen, das Geld", sagt Schottenheim.

Seinen Kauf bereut er jedoch "auf gar keinen Fall", wie er sagt. "Weil ich oft damit gefahren bin, wo kein Bus kam." Sein Fazit zum Ligier: "Das ist ziemlich viel Plastik und ziemlich laut", sagt er, "Aber das ist mir ziemlich egal - ich bin froh, dass ich überall hinfahren kann." Wenn sein Ligier zum Service in der Werkstatt gewesen sei, habe er ihn vermisst.

© SZ vom 06.05.2020

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