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Wirtschaft in Penzberg:Ein Forschungszentrum, das bleibt

Marvel Fusion Laseranlage moderne Forschung Penzberg

Bis zu 500 neue Arbeitsplätze: Marvel Fusion möchte im Nonnenwald mit modernsten Lasern Forschung betreiben.

(Foto: Marvel Fusion/oh)

Das Münchner Unternehmen Marvel Fusion verspricht in Penzberg einen dauerhaften Hightech-Standort zu etablieren - auch wenn die Energieerzeugung mittels Trägheitsfusion nicht erfolgreich sein sollte

Von Alexandra Vecchiato

Das Unternehmen Marvel Fusion plant, sich in Penzberg anzusiedeln und dort die derzeit modernste Laseranlage zu bauen. Langfristiges Ziel ist es, mit Hilfe dieser Hightech-Anlage sauberen Strom zu erzeugen - ohne dass dabei klimafeindliches Kohlendioxid entsteht. Ein Verfahren, das sich in der Erforschung befindet und daher Fragen aufwirft. Interessierte können bei Marvel Fusion nachhaken. Erste Antworten hat die Stadt Penzberg auf ihrer Homepage veröffentlicht. "Ich stehe nach meinem derzeitigen Kenntnisstand hinter dem Projekt", sagt Bürgermeister Stefan Korpan (CSU).

Blauäugig geht Korpan die Sache nicht an. Noch sei seine Meinungsbildung nicht abgeschlossen, er warte weitere Stellungnahmen ab. "Ich möchte jede Eventualität abklären", betont er. So sei nicht entschieden, ob die städtische Industriefläche im Nonnenwald an Marvel Fusion verkauft oder auf Erbpachtbasis vergeben wird. Alle Details sollen im Kaufvertrag mit dem Unternehmen geregelt werden.

Währenddessen möchte Marvel Fusion den Bürgerdialog vertiefen. Die Anzahl der eingehenden Fragen gehe zurück, sagt Heike Freund, Chief Operating Officer, der SZ. Man habe wohl mit den bisherigen Antworten vieles abdecken können. Dennoch wolle man dranbleiben. Möglich sei ein "runder Tisch". "Wir möchten die Bürger abholen", betont Freund.

Wie funktioniert es?

Eine der häufigsten Fragen, die Stadt und Marvel Fusion erreichen, ist die, wie die Trägheitsfusion funktioniert. Die Antwort: "Bei der von Marvel Fusion konzipierten lasergetriebenen Trägheitsfusion findet eine Fusion von Wasserstoff-Protonen und Bor-Isotopen statt, woraus positive geladene Helium-Teilchen entstehen. Die Energiezufuhr erfolgt über sehr kurz gepulste, hochenergetische Laser. Die Energie der geladenen Teilchen wird induktiv über ein Magnetfeld effizient in elektrischen Strom umgewandelt." Erforscht wird das Verfahren in der Demonstrationsanlage Proxima. Erst wenn via Trägheitsfusion Energie gewonnen werden kann, soll als zweites, eigenständiges Gebäude die "Proof of Concept"-Anlage Antares errichtet werden.

Wie sicher ist das Verfahren?

Weil bei der Trägheitsfusion radioaktiver Abfall in kleinen Mengen anfällt, ist die Frage nach der Sicherheit für viele Bürger drängend. Marvel Fusion betont, dass die Laseranlage im Kraftwerk zu jedem Zeitpunkt gestoppt werden könne, indem einfach die Energiezufuhr unterbrochen werde. Eine Kettenreaktion wie bei der Kernspaltung sei ausgeschlossen. "Eine Anlage zur Trägheitsfusion ist am ehesten mit einer Beschleunigeranlage zu vergleichen, wie sie zum Beispiel in der Krebstherapie verwendet wird", teilt das Unternehmen mit. Eine Gefahr für Leib und Leben durch Radioaktivität bestehe nicht.

Was bleibt?

Da diese Form der sauberen Energiegewinnung noch nicht ausgereift ist, sehen Bürger die Gefahr, dass es nie zu einer wirtschaftlichen Nutzung kommen könnte - und somit auch nicht zum Bau des Kraftwerk-Prototyps Antares. Marvel Fusion, so die Sorge, könnte sich vom Standort Penzberg zurückziehen und einen Leerstand hinterlassen. Korpan sieht das gelassen, denn auch dieser Punkt lasse sich vertraglich festlegen. Ebenso hat der TÜV Süd bestätigt, dass Marvel eine Verpflichtung zum Rückbau der Anlagen im Nonnenwald hätte, sollte es zur Aufgabe des Standorts kommen.

Doch von "Aufgeben" und "Rückzug" will man bei Marvel Fusion nichts hören. "Wir gehen davon aus, dass unser Vorhaben gelingt", sagt Jörn Meissner, der für die Sicherheit zuständig ist. Vielmehr wolle man Penzberg zu einem führenden Hightech-Standort in Europa machen. Sollte sich die kohlendioxidfreie Energiegewinnung nicht realisieren lassen, stünde mit Proxima das modernste Laserforschungszentrum der Welt im Nonnenwald. "Wir möchten die Lasertechnologie pushen bis zum Limit", sagt Meissner. Weitere Kompetenzzentren für Künstliche Intelligenz, Quantencomputing und Robotik würden etabliert, da all diese Bereiche für die Umsetzung der neuartigen Energiegewinnung nötig seien. Proxima könne erhalten bleiben. Das sei sinnvoll, weil die Laseranlage bei vielen anderen Themenbereichen Anwendung finde, so Meissner. Als Beispiel nennt er die Untersuchung von Brücken, deren baulicher Zustand geklärt werden soll. Mit Neutronenstrahlen könnten solche Bauwerke zerstörungsfrei durchleuchtet werden, sagt auch Freund. Es gebe zahlreiche "attraktive Nebenschauplätze", in die Marvel Fusion einsteigen könne, ergänzt Meissner.

Penzberg als Standort sei aus vielerlei Hinsicht attraktiv. "Wir sind ein Münchner Unternehmen", sagt Freund. Daher sei es klar gewesen, dass man in nächster Umgebung bleiben wolle. Am internationalen Laserforschungszentrum würden künftig die besten Forscher der Welt arbeiten. Dass auch für die Rüstungsindustrie im Nonnenwald gearbeitet werden könnte, weisen Freund und Meissner weit von sich. "Das würden unsere Investoren nicht mitmachen", sagt Meissner. Das Management schließt ebenfalls eine militärische Nutzung komplett aus.

Wie wird der Strom verteilt?

Sollte eines Tages Strom im Nonnenwald produziert werden, muss er zu den Abnehmern gebracht werden. Ob dazu eine Mittelspannungs- oder eine Hochspannungsleitung notwendig sei, könne er nicht sagen, meint Meissner. Das müsse mit dem Energieversorgungsunternehmen geklärt werden, wenn es soweit sei. Den künftig gewonnenen Strom habe man der Stadt Penzberg versprochen. Um die voraussichtlich 50 bis 200 Megawatt Elektrizität erzeugen zu können, müssten in Antares weitere Laser gebaut werden. In Proxima sind vier Hightech-Laseranlagen vorgesehen.

Hat die Trägheitsfusion Zukunft?

Seit vielen Jahren wird in diesem Bereich der Energiegewinnung mittels Lasertechnologie geforscht. Bislang hat es keinen Durchbruch gegeben. "Dazu kann ich nur sagen, dass es immer ein erstes Mal gibt. Warum nicht bei uns in Penzberg", sagt Bürgermeister Korpan. Marvel Fusion antwortet auf solche Fragen: "Verschiedene Innovationssprünge in Schlüsseltechnologien, insbesondere der Lasertechnologie machen das möglich." Ein Restrisiko gebe es immer, so Korpan. Aber ein privatwirtschaftliches Unternehmen habe ein großes Interesse daran, dass sein Vorhaben klappt. Und die modernste Laseranlage in Penzberg zu haben, sei ein "enormer Prestigegewinn" für die Stadt.

Die Experten von Marvel Fusion beantworten Fragen unter der E-Mail-Adresse medien@penzberg.de

© SZ vom 17.11.2020

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