Landtagswahl 2018 Leiser Rebell mit schillernden Noten

Bei der SPD habe er „die meisten Schnittmengen“ gefunden, sagt Robert Kühn.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Direktkandidaten Bad Tölz-Wolfratshausen-Garmisch: Robert Kühn (SPD) setzt sich für mehr Toleranz und Akzeptanz ein

Von Konstantin Kaip

Robert Kühn hebt sich ab von den anderen Direktkandidaten des Stimmkreises. Das konnten etwa Besucher bisheriger Podiumsdiskussionen bemerken - wenn sie auf seine Füße geschaut haben. Denn zur klassischen Landtagskandidatenuniform - dunkler Anzug, blaues Hemd - trägt der Sozialdemokrat aus Bad Wiessee schon mal silberfarbene Sneakers mit Glitzer. Bei einem SPD-Kandidaten aus einem anderen Landkreis ohne kommunalpolitisches Amt, dessen Gesicht bis vor wenigen Monaten kaum einer zwischen Icking und Lenggries gekannt hat, könnte man so etwas als Versuch deuten, Aufmerksamkeit zu erregen. Damit aber täte man Robert Kühn Unrecht.

Schuhe mit Kuhfell-Camouflage

Der 35-Jährige liebt extravagante Schuhe. Die Turnschuhe, die er in Tölz trug, habe er auch noch in Gold, Gelb und "Camouflage-Kuhfell", sagt Kühn. 200 Paar Schuhe besitzt er nach eigenen Angaben, nie würde er dasselbe an zwei aufeinanderfolgenden Tagen tragen. "Ein Schuh muss mindestens 48 Stunden entlüften, bevor man ihn wieder anziehen kann", erklärt Kühn entschieden. Er muss es wissen. Schließlich betreibt er seit acht Jahren mit seinem Ehemann ein Schuhgeschäft in Bad Wiessee. Nach seiner Ausbildung und Jahren als Filial- und Abteilungsleiter in Münchner Geschäften zog er 2010 wieder in seinen Heimatort, um sich selbständig zu machen. Mit dem eigenen Schuhgeschäft - Kühn hat sich auf Damenschuhe spezialisiert - habe er sich einen Traum erfüllt, sagt er. "Ich habe mir von klein auf eingebildet, dass ich das machen möchte." Schon sein Großvater habe einen Schuhladen betrieben, seine Mutter sei mit ihrem Geschäft für Damenmode dann ein bisschen aus der Reihe getanzt.

Seine Rückkehr aufs Land hat Kühn auch dazu bewogen, sich politisch zu engagieren. Er wurde nicht nur Vorsitzender der Gewerbevereinigung "Aktive Wiesseer", sondern auch Mitglied des SPD-Ortsvereins, dessen Vorsitzender er heute ist. "Man will eben etwas tun", sagt er dazu lapidar. Er habe das politische Spektrum angesehen und bei der SPD "die meisten Schnittmengen" gefunden.

In der Moschee heißt's, Schuhe ausziehen - kein Problem für einen, der auch bei den Socken mit der Mode geht.

(Foto: Manfred Neubauer)

Politisch war Kühn aber schon in jungen Jahren, wie er sagt. Was auch daran liegt, dass er schon als Jugendlicher offen zu seiner Homosexualität stand. "Als Schwuler muss man politisch werden", weiß er. "Man muss sich Gehör verschaffen, um seine Rechte durchzusetzen." Eine Art Erweckungserlebnis hatte Kühn als Schüler des Tegernseer Gymnasiums bei einem Besuch der damaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Ilse Aigner. "Wir mussten unsere Fragen vorher einreichen", erinnert er sich. Kühn wollte die Abgeordnete nach der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare fragen, das Thema wurde jedoch nicht in den Katalog aufgenommen. Als Aigner in die Schule kam, habe er sie dann trotzdem gefragt - ohne eine Antwort zu erhalten. "Das hat den kleinen Rebell in mir geweckt", sagt Kühn. "Ich habe mir gedacht: So geht das nicht."

Heute lebt Kühn in eingetragener Lebenspartnerschaft mit seinem Mann - und ist seit 2014 stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft "SPD queer Oberbayern", die sich für die Akzeptanz und Gleichstellung von Schwulen und Lesben einsetzt. "Das ist wichtig, auch jetzt noch." Schließlich mache die AfD "Wahlkampf auf Kosten von Minderheiten". Das sei nicht akzeptabel. "Wenn man die Minderheitenrechte beschneiden möchte, sägt man an der Demokratie." Die Diskriminierung fange bei der Sprache an, sagt Kühn. Deshalb sei die Wortwahl, die AfD und CSU in Sachen Flüchtlingspolitik pflegten, nicht in Ordnung. "Man schnappt etwas auf, die Kinder sprechen es zu Hause nach, und schnell ist die Konversation vergiftet." Kühn ist ein Mann der leisen Worte, laut wird er auch in heftigen Debatten nicht. In der Asylpolitik appelliert er für eine dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen. "Da funktioniert die Integration deutlich besser." Das habe er im Helferkreis seines Heimatorts erlebt, dem er seit 2016 angehört.

"Die Pflege neu denken"

Sollte er in den Landtag gewählt werden, will Kühn auch für den öffentlichen Nahverkehr einsetzen. Für bessere Takte und Umsteigemöglichkeiten müsse viel mehr Geld bereitgestellt werden, fordert er. Auch müsse in Bayern "die Pflege neu gedacht" werden: "Überall wird davon geredet, dass es in jeder Gemeinde eine Kindertagesstätte geben soll. Genau dasselbe gilt auch für Kurzzeitpflegeeinrichtungen für Senioren." Es könne nicht sein, dass ältere Menschen "an ihrem Lebensabend entwurzelt werden". Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, fordert Kühn deutlich mehr Mittel für Bauprogramme und Genossenschaften - und plädiert für eine "intelligente Nachverdichtung": Mehrgenerationen- statt Einfamilienhäuser in den Kommunen, dafür weniger Flächenfraß am Ortsrand.

Über all diese Themen hat Kühn in den vergangenen Monaten viel gesprochen. "Ich war überrascht davon, wie positiv die Leute darauf reagieren, dass Politiker vor ihrer Tür stehen", sagt der SPD-Kandidat. Den Wahlabend will er zu Hause mit einem Bier auf der Couch verfolgen. Über den Ausgang der Landtagswahl spekulieren will er nicht. Seine Kandidatur werde er nicht bereuen, versichert Kühn. "Ich habe wahnsinnig viel gelernt und bin froh, dass ich die Chance genutzt habe." Seine geringe politische Erfahrung sieht er nicht als Manko. "Politik ist wie Schuhe verkaufen: Man muss beide Male den Menschen etwas klar machen. Und zwar, was gut für sie ist."

Landtagswahl im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen Heute: Robert Kühn von der SPD Video
Die Stimmkreis-Kandidaten im Porträt

Heute: Robert Kühn von der SPD

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